Emma Stone und Jonah Hill. Michele K. Short / Netflix

"Maniac" verrät mehr über psychische Erkrankungen als du denkst

In der neuen Netflix-Serie suchen Emma Stone und Jonah Hill ein Wundermittel gegen ihre Psychosen – doch die Realität sieht anders aus.

von Kara Weisenstein
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28 September 2018, 10:22am

Emma Stone und Jonah Hill. Michele K. Short / Netflix

Warnung: Dieser Artikel beinhaltet Spoiler.

Der beste Teil der neues Netflix-Serie Maniac ist nicht die unglaublich gute, retro-futuristische Vorstellung von New York. Es sind auch nicht die liebenswürdigen kleinen Roboter, die Hundescheiße auf den Straßen für dich beseitigen. Nein, der beste Teil der Serie von Patrick Somerville ( The Leftovers) und Cary Joji Fukunaga ( True Detective) hat mit Halluzinationen auf mysteriösen Drogen zu tun. Annie (gespielt von Emma Stone), Owen (gespielt von Jonah Hill) und die anderen Versuchsteilnehmer haben sich einer Studie verschrieben, die von Dr. James K. Mantleray durchgeführt wird, ein merkwürdiger, undurchschaubarer Professor.


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Alle Patienten sitzen gemeinsam an einem Tisch, ein Dutzend Kameras auf sie gerichtet. Eine Wand voller Monitore nimmt jedes noch so kleine Augenzucken wahr, während Dr. Mantleray sie über ihren letzten medizinischen Drogentrip befragt. Angeblich versucht er Daten zu verifizieren, die von dem Super-Computer GRTA (auch bekannt als "Gertie") gesammelt werden, doch seine Fragen ähneln viel mehr einem psychologischen Verhör. Zu diesem Zeitpunkt wird den Versuchsteilnehmern zum ersten Mal wirklich bewusst, mit welchen Problemen sie eigentlich zu kämpfen haben.

Justin Theroux und Emma Stone. Michele K. Short / Netflix

Die Arzneimittelstudie in Maniac lässt sich mit einer Mischung aus Ayahuasca auf Steroide und LSD-Experimenten aus den 70er Jahren vergleichen. Es zeichnet das Bild von den Menschen nach, die sich dazu bereit erklären, ihre psychologischen Dämonen austreiben zu lassen. Auch wenn das bedeutet, sein gesamtes Gehirn im brasilianischen Regenwald auskotzen zu müssen oder drei Tage lang in einem Labor gefangen zu sein, das wie ein Filmset von Stanley Kubrick aussieht.

Die Behandlung verspricht, die Patienten mit Hilfe von drei Pillen (A, B und C) zu heilen. Die erste zwingt einen dazu, seine Traumata noch einmal zu durchleben. Die zweite offenbart Schwachpunkte und die dritte verlangt in einem letzten Schritt die Konfrontation. Doch Maniac wäre keine gute TV-Show, würde alles nach Plan laufen.

Jonah Hill und Emma Stone mit den anderen Patienten. Michele K. Short / Netflix

Es ist der Ansatzpunkt, der die neue Netflix-Serie gerade so interessant macht. Maniac versucht, viele der allgegenwärtigen Probleme aufzugreifen – Bewusstseinsstörungen, Kapitalismus, psychische Gesundheit, Sucht, Korruption und Macht. Leider gibt es viele Erzählstränge, die nie wirklich aufgedeckt werden. Was zum Teufel hat Dr. Mantleray zum Beispiel auf dieser Gala gemacht? Stirbt seine Mutter, Celebrity-Therapeutin Dr. Greta Mantleray, an Krebs? Warum zur Hölle ist Jemima Kirke mit Billy Magnussen verheiratet? Und warum hasst es Dr. Azumi Fujita, nach draußen zu gehen? Ist sie ein Vampir?

Jonah Hill und Emma Stone. Michele K. Short / Netflix

Somerville und Fukunaga bauen eine fiktionale Welt, die nur ein paar Klicks von der Realität entfernt ist. In der Parallelwelt von Maniac gibt es eine extra Freiheitsstatue und mehr Schleichwerbungen (wenn du pleite bist, kann dir ein menschlicher "Ad Buddy" Werbungen vorlesen, dadurch kannst du alltägliche Dinge wie Ubahn-Tickets und Kaffee kaufen). Niemand besitzt ein iPhone, generell wirkt die Technologie rückschrittlich und erinnert an die 1980er.

Ja, Maniac ist ein ästhetisches Meisterwerk, in dem IBM auf Kubrick trifft – in Neonlicht getaucht und mit wunderschöner Musik unterlegt. Doch was die Serie besonders macht, ist etwas anderes: Die Art und Weise, wie sie psychische Krankheiten aufgreift.

Julia Garner and Emma Stone. Michele K. Short / Netflix

Viele Geschichten zeigen, wie es ist, mit einer psychischen Krankheit zu leben. Versuchen uns, zu helfen und wieder ganz zu fühlen. Dieser verzweifelte Wunsch – uns endlich besser zu fühlen und normal zu sein – ist nichts Ungewöhnliches in unserer Gesellschaft. Auch wenn wir noch nicht wirklich gut darin sind, darüber zu reden.

Heute nennen wir es Existenzangst, eine Mid- oder Quarter-Life-Crisis, Depression oder Panikattacke. Vor einer oder zwei Generationen waren es noch allgemeines Unbehagen und eine Abneigung gegen kulturelle Mainstream-Normen. Ich möchte die psychischen Erkrankungen der Hauptcharaktere keinesfalls herunterspielen. Hills Chatakter, Owen, ist schizophren und hat aufgehört, seine Medikamente zu nehmen und Stones Charakter Annie behandelt ihre Depressionen selbst, indem sie die A-Pille der Arzneimittelstudie missbraucht. Ihre Probleme sind komplex und nicht zu übersehen.

Justin Theroux. Michele K. Short / Netflix

Was ich eigentlich sagen möchte, ist Folgendes: Es gibt nicht genug Einordnung für jeden von uns und immer noch zu viele Stigma in Bezug auf medikamentöse Behandlung und Therapie. Keinen Zugang zu diesen Mitteln zu haben oder sich nicht stark genug zu fühlen, sind einige wenige Gründe, warum sich Menschen für eine Selbstbehandlung entscheiden.

Als die Versuchsteilnehmer die Klinik verlassen, gratuliert Dr. Mantleray ihnen mit den Worten "Es war ein voller Erfolg, ihr seid geheilt." Wenn Annie, Owen und die anderen von ihren Traumata befreit worden sind, dann sicher nicht aufgrund eines medizinischen Wundermittels. Die Genesung der beiden hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass sie einander hatten. Es sind alles Teile eines Puzzles.

Maniac funktioniert, weil wir Zeuge eines angsteinflößenden Kampfes werden, der sich am Ende auszahlt. Zwar haben die beiden Hauptcharaktere nicht die Welt gerettet oder Menschen vor dem Tod bewahrt, aber sie haben herausgefunden, wie du trotz psychischer Erkrankung überlebst – und sich dabei nicht nur sich selbst, sondern einander wiedergefunden.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.