Warum der Rollkragenpulli als Sinnbild für nachdenkliches Design gilt

Hermione Hoby erklärt uns die Bedeutung des Mode-Klassikers.

von Hermione Hoby
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30 Oktober 2017, 11:59am

Foto: Getty Images / Alan Dejecacion.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Es gibt die Audrey, die wir alle kennen: Die mit Diamanten im Haar, einer Perlenkette um den Hals und einem aufgesetzten Lächeln. Und auch ihr Charakter der Holly Golightly aus Frühstück bei Tiffany ist in unserer kollektiven Erinnerung auf das kleine Schwarze reduziert. Dann gibt es da aber noch die Audrey im schwarzen Rollkragenpulli als Jo Stockton in Ein süßer Fratz, einem Film, der dem berühmteren Frühstück bei Tiffany vorausging. Ein Kleidungsstück, das in seiner Bescheidenheit und Schlichtheit scheinbar kein Statement sein soll – und doch immer eines sein wird.


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Doch zurück zum Film: Jo, die von Audrey Hepburn gespielt wird, arbeitet in einem Buchladen in London und ist begeisterte Beatnik-Bohemienne. Sie hat eine Aversion gegen Mode, allen voran gegen Modemagazine. Sie sind ihrer Meinung nach "eine unsachliche Beeinflussung des Zeitgeschmacks um ökonomischer Vorteile willen." Doch als ihre verstaubte Buchhandlung zur Kulisse eines Mode-Shootings wird, und Jo von einem ehrgeizigen Fotografen und einer erfolgreichen Herausgeberin dazu überredet wird, für die neueste Ausgabe eines renommierten Magazins als Model zu posieren, ändert sich ihre Meinung. Zwar möchte sie zuerst ablehnen, doch als sie erfährt, dass das Shooting in Paris stattfinden soll und sie somit einen Philosophen kennenlernen könnte, den sie schon lange bewundert, ergreift sie die Gelegenheit und reist in die französische Hauptstadt.

Dort folgt eine ziemlich merkwürdige Gesangs- und Tanzeinlage, in der Audrey davon schwärmt, an den Ort zu gehen, an dem sich die denkenden Männer wie Jean-Paul Sartre treffen. Dafür braucht sie natürlich das richtige Outfit. In den Szenen sehen wir sie in schwarzen Loafers, weißen Socken, schwarzer Skinny-Jeans und dem oben erwähnten, schwarzen Rollkragenpullover, der in gewisser Hinsicht das Stück Widerstand ihres Outfits darstellt. Er ist eine Deklaration der Nichtkonformität, eine strikte Verweigerung. Ein Statement, das zeigen soll, dass es ihr vollkommen egal ist, wie sie aussieht.

Damit tritt Audrey einem Club bei, zu dem auch die Black Panthers, die Feministinnen der zweiten Welle und natürlich auch Steve Jobs gehören. Es ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, doch was sie eint, sind zwei zentrale Botschaften. Erstens: Ich bin anders, und zweitens: Leg' dich nicht mit mir an. In dem Film, in dem sich ganz schamlos über die Ambitionen der Bohemians und Möchtegern-Philosophen lustig gemacht wird, legen sich die Leute mit Audrey an. Wir sollen ihren schwarzen Rollkragenpulli als eine Art Scherz wahrnehmen, eine Verkleidung, die signalisieren soll, dass sie mit einer bestimmten Gruppe identifiziert werden will.

Die Schlichtheit und Strenge eines schwarzen Rollkragenpullis lässt ihn aber unwiderstehlich elegant wirken, weswegen er auch nie lange als trendy galt. Im Film macht sich der altmodische Fred Astaire vielleicht über sie lustig und der französische Professor, den sie unbedingt kennenlernen wollte, ist mehr an ihrem Körper als an ihrem Geist interessiert (er trägt natürlich auch einen schwarzen Rollkragenpulli), aber in unserer Vorstellung tanzt sie, von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet, für immer weiter. Der Look ist so ikonisch, dass ihn sogar die größte Ikone unserer Zeit trägt: richtig, Queen Bey. In ihrem Musikvideo zu "Countdown" ahmt sie das Outfit aus Ein süßer Fratz nach – inklusive der weißen Socken.

Die Schauspielerin Diane Keaton hat den Pulli in ihrer zweiten Biografie als "besonders unterschätzt" beschrieben – "Kauf' dir einen. Glaub' mir ... Rollkragenpullis schützen einen vor dem Bösen." Das stimmt natürlich nicht ganz, denn die Kleidung einer Frau schützt sie nicht zwangsläufig vor beispielsweise sexueller Belästigung. Das liegt alleine in den Händen des potenziellen Täters. Trotzdem fühle ich mich, wie auch Diane Keaton, in einem Rollkragenpulli irgendwie sicherer und stärker. Er ist schlicht, aber keinesfalls unsexy. Es ist ein Kleidungsstück, das dafür gemacht ist, andere zu beobachten, statt selbst beobachtet zu werden. Die Frage erscheint vielleicht lächerlich, aber ich stelle sie trotzdem: schreibe ich in einem schwarzen Rollkragenpullover besser? Vielleicht.

Er bewirkt außerdem, dass der Blick vom Körper abgelenkt wird. Rachel Syme hat es für Refinery 29 folgendermaßen formuliert: "Dein Kopf wird zu einer Art Skulptur und all deine Gesichtszüge stehen im Mittelpunkt. Es führt dir vor Augen, wie wunderschön dein Gesicht ist, weil es so heraussticht, elegant über deinen Schultern schwebt und nur darauf wartet, von der ganzen Welt bewundert zu werden." Und genau das ist auch die perfekte Beschreibung des Countdown-Videos. Dass Beyoncés Gesicht wunderschön ist, wussten wir natürlich auch schon vorher, aber in dem schwarzen Rollkragenpulli sind ihre großen, glänzenden Augen ganz klar das absolute Highlight.

Steve Jobs hat seinen Rollkragenpulli logischerweise anders getragen. Er hat für ihn nochmal den Slogan des Unternehmens betont: "think different". Sein berühmtes Outfit hat er getragen, seitdem er Sony in Japan besucht und bemerkt hatte, dass alle Mitarbeiter eine Art Uniform trugen: eine traditionelle blau-weiße Arbeitsjacke, die 1981 von Issey Miyake designt worden war. Kurz darauf fragte er Miyake, ob er für ihn schwarze Rollkragenpulli entwerfen könnte. Als er im Oktober 2011 verstarb, stiegen die Verkaufszahlen schwarzer Rollkragenpullis diverser Labels schlagartig an. Das Mantra des Andersseins wurde von Massen gleich gekleideter Leute geehrt.

Ich bin für eine Uniform zu sprunghaft, denn ich probiere gerne neue Looks und spiele unterschiedliche Rollen. Jedes Outfit ist eine Art Verkleidung und an manchen Tagen wache ich eben auf und habe Lust, eine Rollkragenpulli-Person zu sein. An anderen geht es dagegen einfach nicht und ich ziehe mir ein Blumenkleid an. Doch noch heute will ich mir in einem Secondhand-Shop schwarze Loafer kaufen, meine weißesten Socken aus der Schublade kramen und dann die einfachste Halloween-Verkleidung aller Zeiten rocken.