Honey Dijon über die LGBTQ-Community in der Musik und ihre Hoffnungen für die Zukunft

"Die meisten Leuten konsumieren nur, statt etwas beizusteuern."

|
Nov. 17 2017, 8:21am

Foto: Ricardo Gomes 

Honey Dijon ist die in Chicago geborene, in New York lebende DJ, deren Sets ein Erlebnis für sich sind. Sei es bei einem Open Air irgendwann im Sommer dieses Jahres an der Spree oder in den frühen Morgenstunden in der Panorama Bar: Honey schafft es immer und immer wieder, dass man vollkommen das Gefühl von Zeit und Raum verliert und sich ganz ihren House-Beats hingibt. Ihre Gedanken zur Freiheit auf der Tanzfläche und wie sich die Partyszene im Laufe ihrer Karriere verändert hat, hat sie uns nach ihrem Talk bei der Loop Konferenz von Ableton letzte Woche in Berlin verraten.


Auch auf i-D: In unserer Videoreihe BEYOND CLUBBING lassen wir die Stimmen der Berliner Underground-Clubszene zu Wort kommen, die die Tanzfläche zu einem Safe Space für alle machen


Honey, was kommt dir in den Sinn, wenn du über die folgenden Themen nachdenkst?

… Die Bedeutung der Clubkultur für marginalisierte Menschen?
Die Leute, die Veränderungen bewirken, haben nur selten die Möglichkeit, auch davon zu profitieren. Marginalisierte Leute sind üblicherweise diejenigen, die einen Wandel in der Kultur anstoßen. Meiner Meinung nach haben die AIDS-Krise, die Gentrifizierung, das Internet und Social Media kritische Gedanken zerstört und sie stattdessen mit Stars, Mittelmäßigkeit, Narzissmus und Vorteilen für diejenigen ersetzt, die privilegiert genug sind, um in den lebendigsten Städten zu leben. Die meisten Leuten konsumieren nur, statt etwas beizusteuern.

… Die Party-Szene damals, als du angefangen hast, und heute?
Die Clubkultur hat sich in eine Form der Unterhaltung entwickelt, früher war es ein Raum für Leute, in dem sie sich selbst und Gleichgesinnte finden konnten, die auch vom Mainstream ausgegrenzt waren. DJs waren früher Kunsthandwerker heute sind sie eher Performer, weil der Fokus mehr auf der Club-Erfahrung und dem DJ selbst statt auf der Musik liegt. Die Clubkultur wurde kolonialisiert, verpackt und für den Konsum neu verpackt.

… Die LGBTQ-Community der Musikszene?
In meinen Augen gibt es immer noch sehr viel Spaltung innerhalb der LGBTQ-Community. Sie scheint wegen des Internets zerklüfteter denn je. Queere Räume sind nicht mehr so wichtig wie früher, denn durch die vielen Dating- und Sex-Apps haben viele queere Leute einfach nicht mehr das Bedürfnis, sich mit anderen zu treffen. Es reicht, online zu gehen und sich jemanden wie ein neues Paar Schuhe auszusuchen. Ich finde das traurig, weil die meisten Menschen in einem Echoraum leben, und das Tolle an den Clubs ist, dass sie ein Safe Space für Leute sein können, in denen sie sich treffen, paaren, etwas kreieren, miteinbringen und gemeinsam feiern können. Wenn man sich nicht aus seiner Komfortzone heraus traut, verpasst man all die Dinge, die man finden könnte, von dem man nie gedacht hätte, dass man danach gesucht hat oder dass sie gibt.

… Chicago, New York, Berlin?
Ich sage immer gerne, dass ich in Chicago geboren wurde, in New York aufgewachsen und mich in Berlin weiterentwickelt habe. Jede Stadt hat mich als Menschen sehr stark geprägt. Meine Musikausbildung habe ich in Chicago gemacht, dem Geburtsort von House-Musik, in New York bin ich mir mit Unterstützung einer starken Community von Transfrauen und im Umfeld der Clubkultur meiner Geschlechtsidentität bewusst geworden, und mein künstlerisches Können habe ich in Berlin in einer Clubkultur verfeinert, in der ich meine musikalische Empfindsamkeit uneingeschränkt ausdrücken konnte.

… Über die Freiheit auf der Tanzfläche?
Die Tanzfläche ist für mich der egalitärste Raum überhaupt, um seine Hemmungen aus dem Alltag abzulegen. Ein Ort, an dem man sich inmitten einer Community der Gleichgesinnten durch Musik, Tanz, sexuellen Hedonismus und sinnliche Begierde selbst finden und verlieren kann.

… Die Bedeutung vom Kontext in der Musik?
Bei Musik sollte es keine Grenzen geben. Es geht um die Connection, Feiern und darum, die Stimmung zu heben und zu erweitern. Der Kontext hängt immer davon ab, was die Person durch die elektrische Energie, die wir Musik nennen, zu der Erfahrung beitragen will.

… Über die Zukunft?
Die Zukunft ist, glaube ich, sehr aufregend, aber auch ziemlich beängstigend. Die neue Generation reißt die binären sozialen Konstrukte und die Identitätspolitik nieder, Frauen sprechen sich lauter denn je gegen die Ungerechtigkeiten aus, die ihnen widerfahren, wie sexuelle Belästigung in allen Lebensbereichen. People of Color nehmen Rassismus nicht länger hin, vereinen und melden sich lautstark zu Wort. Dennoch scheinen Probleme wie die Waffengewalt in den USA, die Zunahme rechtsextremer Gruppierungen und des Populismus, die globale Erderwärmung, Cyber-Angriffe seitens Russland und die Gefahr eines Atombombenangriffs durch Nordkorea in rasendem Tempo außer Kontrolle zu geraten.