Foto: Richard Corman

Unbearbeitete und bislang unveröffentlichte Fotos des jungen Basquiats

Der Fotograf Richard Corman erzählt, wie es war, mit der Künstler-Ikone zusammenzuarbeiten.

von Zio Baritaux; Fotos von Richard Corman
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13 November 2017, 1:00pm

Foto: Richard Corman

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Im Juni 1984 hat L’Uomo Vogue den Fotografen Richard Corman damit beauftragt, Jean-Michel Basquiat in seinem Atelier in der Great Jones Street in New York zu fotografieren. Den Umgang mit Stars war Richard damals schon gewohnt: er hatte bei Richard Avedon gelernt und bereits Größen wie Madonna oder Keith Haring vor der Linse gehabt. Als er in die Wohnung des Künstlers kam, war er dennoch erstaunt. “Ich wurde plötzlich von einer Welle kreativen Chaos’ verschlungen”, erinnert sich Corman. “Der Raum war eine bunte Mischung aus Leuten, Farbe, Leinwänden, Lack und Rauch. In der Ecke stand Basquiat, fast unsichtbar.” Corman hat den Künstler in dem Durcheinander gefunden und ihn darum gebeten, sich vor eine weiße Leinwand zu stellen. “Er fühlte sich wohl und unwohl zugleich, war sauer, neugierig und angespannt”, erklärt Corman.

Foto: Richard Corman

Corman hat an diesem Tag 79 Fotos von der Künstler-Ikone gemacht, von denen er die meisten nie veröffentlicht hat. In Basquiat, einem Portfolio, das von Nicholas James Groarke von NJG designt und veröffentlicht wurde, hat Corman jetzt eine Auswahl der tiefgründigen Fotos von dem Shoot herausgegeben. In dem auf 20 Exemplare limitierten Fotobuch sind 12 Prints des berühmten Meisterdruckers Ruedi Hofmann zu sehen.


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In einem exklusiven Interview mit i-D spricht Corman über seine Erfahrungen als Fotograf im New York der 80er, über sein Shooting mit Basquiat und darüber, wie beides bis heute seine Arbeiten beeinflusst hat.

Photography Richard Corman

“Ich habe nie geplant, Fotograf zu werden. Eigentlich wollte ich mein Psychologie-Studium abschließen. Dann habe ich ein Jahr Pause von der Uni gemacht, Zugang zu einer Kamera gehabt und angefangen, alles zu fotografieren – nur keine Menschen, weil mir die Vorstellung, einen Menschen vor meiner Kamera zu haben, damals total Angst gemacht hat. Ich ging beispielsweise lieber um fünf Uhr morgens in den Meatpacking District, wenn die Sonne gerade aufging. Da war dieses unglaubliche Licht, das echte NYC und ein Stadtbild, das total beeindruckend war.

Nach etwa einem Jahr hatte ich mich ins Fotografieren verliebt, aber der Gedanke, es zu meinem Beruf zu machen, war irgendwie beängstigend. Um Erfahrung zu sammeln, assistierte ich einigen Fotografen. Eines Tages hatte ich ein Vorstellungsgespräch in einem Studio. Man sagte mir, dass ich nicht geeignet sei für das, was sie machen würden, dass aber Avedon nach einem Assistenten sucht und ich ihn doch mal anrufen solle. Das tat ich, und kurz darauf hatte ich ein Vorstellungsgespräch und er hat mich direkt eingestellt. Ich musste sechs Monate lang Toiletten und Fußböden schrubben, bevor ich ans Set und in die Dunkelkammer durfte. Nachdem ich meine Schulden abbezahlt hatte, bin ich zwei Jahre mit ihm durch die USA gereist, und zwar für In the American West, eines seiner ikonischsten Werke. Richard Avedon hat für seine Arbeit gelebt, und jeden Tag habe ich etwas Neues gelernt. Mein Leben hat sich durch diese Erfahrung komplett verändert.

Photography Richard Corman

1983 habe ich mein Praktikum bei Avedon beendet. Damals habe ich begonnen, sehr viel meiner Freizeit Downtown in der Lower East Side zu verbringen, die industriell und sehr ghetto-mäßig war. Viele Häuser sahen so aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen – überall Not und Elend. Ich habe viele junge Künstler fotografiert, manchmal waren es Auftragsarbeiten, manchmal war ich aber auch einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Von Madonnas Wohnung in der East 4th Street ging ich zu Keith Harings Wohnung in West Broadway und dann zu Basquiats Studio in der Great Jones Street. Es war Kreativität im Überfluss, es war fantastisch. NYC war und wird immer ein kreatives Fest für mich bleiben.

Photography Richard Corman

L’Uomo Vogue hat mich also eines Tages losgeschickt, um Jean-Michel zu fotografieren. Ich habe versucht, mich so gut wie möglich auf das Shooting vorzubereiten, aber bis ich in sein Studio kam, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Es war voller Menschen und er charismatisch, attraktiv, ein bisschen merkwürdig und ein echtes Genie. Es war chaotisch und cool. Ich habe mich entschieden, ihn abseits des ganzen Durcheinanders zu fotografieren. Das macht meiner Meinung nach die Bilder erst so interessant – der Fokus liegt komplett auf ihm, statt auf der verrückten Energie, die ihn umgeben hat.

Alles, was ich mit dabei hatte, war eine zweiäugige Rolleiflex Kamera; ein Stroboskop und ein großer grauer Papierhintergrund. Ich habe die Rolle aufgehangen, ihn gebeten, sich davorzustellen und angefangen, zu fotografieren. Ich würde sagen, er fühlte sich wohl und unwohl zugleich, er war sauer, neugierig und angespannt. Basquiat hat einfach seinen eigenen Raum und Energie entfaltet, und ich bin da mitgegangen. Er hat seine Hände vor seinen Bauch gelegt, und sah fast aus, als habe er Schmerzen. Seine Hände, Augen und seine gesamte Körpersprache waren so ausdrucksstark, und er hat mit seiner strahlenden Gegenwart sehr viel von sich preisgegeben.

Als junger Fotograf, und auch 30 Jahre später noch, versuche ich immer, die Geschichte in den Augen eines Menschen zu finden, und Jean-Michel hat seine auf ganz eigene Art mit mir geteilt. Es war magisch, obwohl ich mir dessen damals vielleicht noch nicht bewusst war. Ich wusste nicht, wen ich da vor der Linse hatte, außer, dass er eine sehr einzigartige Art hatte. Ich spürte, wie vielschichtig er war. Er war sehr ruhig und dennoch hypnotisierend.

Photography Richard Corman

1983 hatte ich Madonna in ihrer Wohnung fotografiert. Sie lehnte sich von ihrem Treppengeländer im vierten Stockwerk und schaute mich mit ihren katzenartigen Augen an. Noch bevor sie ein Wort gesagt hatte, war mir klar, dass ich es mit jemandem zu tun hatte, der genau wusste, was er wollte. Sie war anders als alle Leute, die ich bisher kennengelernt hatte. Aber das gleiche Gefühl überkam mich auch, als ich Basquiats Blick begegnete. Man spürt es, wenn man es mit wahrem Talent zu tun hat. Es hat weniger mit dem äußeren Erscheinungsbild zu tun als mit der Geschichte, die man in den Augen der Person erkennt.

Ich habe nur 79 Fotos geschossen, aber das war mehr als genug, um an diesem einen Tag sein Wesen einzufangen. Ich will nicht sagen, dass das die tiefgründigsten Fotos sind, die es von ihm gibt, aber ich glaube, dass die Schlichtheit der Bilder seine sehr ausgeprägte Person nicht beeinträchtigt. Die Fotos, die ich von Jean-Michel Basquiat geschossen habe, werden für immer unvergesslich bleiben, aber die Erfahrung aus dem Jahr 1984 in der Great Jones Street beeinflusst mich bis heute.”

Das Basquiat Portfolio ist hier erhältlich. Wenn du mehr von Cormans Arbeiten sehen willst, folge ihm auf Instagram und Twitter.