Funktioniert Marie Kondo auch, wenn du pleite bist?

"Ich war nicht auf der Suche nach Glückseligkeit oder Seelenfrieden. Alles, was ich wollte, war Essen."

von Keshia Naurana Badalge
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23 Januar 2019, 9:45am

Foto: Screenshots von Instagram

Ich habe Marie Kondo nicht entdeckt, als ich die Selbsthilfe-Bücherabteilung durchwühlte oder nach Tipps für ein minimalistisches Leben suchte. Ich habe sie entdeckt, als ich vor drei Jahren, mitten in der Nacht, mein restliches Geld für den Monat zählte und daneben ein Haufen Klamotten lag. Schnell habe ich gemerkt, dass der eine Stapel mehr Wert war als der andere ... So wandte ich mich an den allseits beliebten Ratgeber Doktor Google, um zu entscheiden, was ich verkaufen könnte. Er antwortete mir mit Marie Kondo.

Ihr Mantra, so lernte ich: Behalte, was dir Freude bringt. Aber ich hatte Dinge, die absolut keine Freude brachten und wusste nicht, ob ich es mir leisten könnte, sie mit Teilen zu ersetzen, die mich tatsächlich zum Lächeln bringen. Außerdem war ich nicht auf der Suche nach Glückseligkeit oder Seelenfrieden. Alles, was ich wollte, war Essen.


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Ich fand einige Dinge, auf die ich nicht sonderlich stolz war: kleine Päckchen Sojasauce, Servietten, Seife, die mir irgendwer mal als Geschenk vermacht hatte. Ich habe die kleinen Dinge behalten, weil sie wenig Platz wegnehmen. Aber der Gedanke daran, mich von ihnen zu trennen, war der pure Horror. Was, wenn ich neue Sojasauce kaufen muss? Armut macht erfinderisch – oder eben zu einem Messie, wenn es sein muss.

Das war ein bisschen so, wie mit meiner Angewohnheit mich wirklich schlecht zu ernähren. Klar weiß ich, dass man immer die Balance halten soll, doch wenn ich nicht weiß, wann ich das nächste Mal etwas zu essen bekomme und mir dann jemand ein paar Gratis-Häppchen anbietet, sind diese schneller verschlungen, als man "Kondo" sagen kann. Free Food im Bauch hilft gegen zukünftige Nahrungsengpässe. Was es nicht bringt, ist Freude. Ich weiß, dass ich nicht unkontrolliert alles in mich reinstopfen sollte, doch irgendwo in meinem Kopf ist die hämische Stimme, die flüstert: "Du brauchst das."

Ich gehöre nicht zu denen, die Hunderte Zahnbürsten oder eine Garage voll leerer Klopapierrollen haben, meine Besitztümer waren recht limitiert. Mein Umzug von Singapur nach Amerika reduzierte meinen Besitz auf alles, was in drei Koffer passte – genau die richtige Menge, die ich in einem Flugzeug über den Atlantik bugsieren konnte.

Einen anderen Vorteil weniger zu besitzen, lernte ich in diesem fremden Land, lange bevor mir Kondo über den Weg lief: Zwischen den Semestern, über Feiertage und wenn mal wieder die Untermiete vorbei war, brauchte ich eine Wohnung. Diese drei Koffer waren ein universelles Totschlagargument, wenn ich jemanden nach Hilfe für den Umzug fragte ("Wir kriegen alles mit einer Wagenladung transportiert") oder einen dringenden Unterschlupf benötigte ("Du wirst mich gar nicht mitbekommen in deinem Wohnzimmer").

Im Vergleich zu anderen Leuten, deren unnötigen Besitztümer schon förmlich aus den Fenster herausquillten, war es bei mir also eine etwas andere Notlage. Die Marie-Kondo-Methode war kein Prozess mein Leben aufzumotzen oder mein Glück zu vervollkommnen. Ich musste ausmisten, um mir Nahrung kaufen zu können. Die Uni war vorbei und mit ihr ging auch mein volles Stipendium, das mich bis dahin durchs Leben brachte. Es war ein Mittel zum Zweck, mich von geliebten Dingen zu verabschieden, als ich nicht wusste, was ich sonst tun könnte.

Ich hatte einen guten Stapel Bücher angehäuft. Auf den habe ich mich zuerst gestürzt, da er den meisten Platz einnahm und ich ihn sowieso nicht allzu ausgiebig nutzte. Ich konnte ohne die Bücher überleben, auch wenn es mir das Herz brach, sie gehen zu sehen. So tauschte ich Bücher gegen Cents. Bücher, die ich mit Notizen und bunten Post-Its malträtiert hatte und die einst den Anschein von Ordnung und Moral in meinem wankelmütigen Leben vortäuschten.

Als nächstes folgten meine Weinöffner (ja, Plural), da ich dachte, die brauche ich am wenigsten ("Wann habe ich schon Geld für Wein?"). Dann Socken, die nur noch aus einem jämmerlichen Faden bestanden ("Wenn ich die trage, fühle ich mich definitiv nicht reich, kein einziges Fünkchen Freude."). Und Schuhe mit kaputter Sohle ("Ich fühle mich bestimmt großartig, wenn ich nicht mehr nach nassen, stinkenden Füßen rieche.").

Ich verkaufte Pullis und Mäntel, die mich zwar warm hielten, aber nicht so glücklich machten, wie der Gedanke an eine warme Mahlzeit.

Ich stimme mit Marie Kondos Philosophie überein, die sagt, dass ein übersichtlicher Raum, auch deinen Geist befreit. Allerdings war ich konstant hungrig und auf der Suche nach Nahrung und diese nicht enden wollende Sorge engt das Hirn eher ein.

Marie Kondo meint auch, dass man sich bei den Dingen, die man nicht mag, bedanken soll, da sie einem beibringen, was man sehr wohl mag. Mein Problem dabei: Was ist, wenn Leute zu wenig Geld haben, sich die Dinge zu kaufen, die sie sehr wohl mögen?

Ich habe ungefähr 90 Prozent meiner Kleidung weggegeben oder verkauft, um in meinen Brot-und-Butter-Fond einzuzahlen. Außerdem musste ich die Sachen meiner Mitbewohner tragen, bis ich genug Geld gespart hatte, mir selbst welche zu kaufen. Wenn du ein geringes Einkommen hast, ist es oft leichter, Dinge zu kaufen, deren Qualität weniger hochwertig ist, da der 30€ Mantel seinen Sinn erfüllt, wenn du keine 60€ hast, in eine wasserfeste Regenjacke inklusive Kapuze zu investieren. Zwischendurch nass zu werden ist schon OK. So ähnlich ist es mit Schals, die deinen kompletten Pulli mit Flusen bedecken oder Hosen, die den Po nicht in das allerbeste Licht rücken. Manchmal kann man sich materielle Erfüllung eben nicht leisten, außer sie hängt im Sale.

Vielleicht hat sie ihre Ratschläge auch gar nicht an mich gerichtet. An jemanden, der bereits wenig besitzt und zwischen Freude (Essen) und allem anderen (zum Beispiel Kleidung) entscheiden muss. Viele der Menschen, die ihre Tipps hilfreich finden, sind auch die, die sich von zehn Mänteln trennen können, weil noch zehn weitere im Schrank hängen – und sich notfalls auch noch zwanzig neue leisten könnten.

So behalte ich also meinen Mantel, auch wenn ich mich darin latent unsicher fühle und er nur semi warm hält. Ich würde mir sehr gerne ein Leben aufbauen, in dem ich vor Freude an den Objekten in meiner Umgebung übersprudle, aber das muss ich mir erstmal leisten können.

Ich konnte mir bisher finanziell nicht erlauben, ein paar meiner Lieblingsbücher, wie den dicken Schinken Footnotes in Gaza von Joe Sacco oder The Unwomanly Face of War von Svetlana Alexievich zu ersetzen. Ich trauere immer noch um die Fotoalben, die ich zurücklassen musste, weil sie einfach zu schwer waren. Die Decke, die ich in meiner ersten Woche in Amerika gekauft habe und seitdem auf jedem Bett in jedem Raum lag ... Nur leider war sie zu groß für den ständigen Transport, also ließ ich sie zurück. Ich habe mir nie eine neue gekauft, sondern am Anfang unter meinem Handtuch geschlafen.

Egal ob ich jetzt Dinge rauswerfen musste oder nicht, die Methoden von Marie Kondo dienten als nette Anleitung, wie ich Sachen kaufe und sogar, wie ich leben möchte. Ramsch hat zwei Gründe: Keine Organisation und Exzess. Wenn ich meinen Besitz nicht reduzieren kann, kann ich ihn zumindest organisieren. Einen Ort für meine Sojasauce- und Ketchup-Tüten zu haben, heißt, dass ich weiß, was ich besitze und keine Extras kaufen muss.

Ich wurde buddhistisch erzogen: Einer unserer Hauptgrundsätze ist die "Nicht-Bindung". So wie KonMari will der Buddhismus die Dankbarkeit für Besitztümer stärken, ohne sich an die Idee zu binden, dass das Leben durch sie besser würde. Das ist ziemlich praktisch, wenn die Sale-Saison beginnt – die Sicherheit, dass dein Leben bereits toll ist, hilft den falschen Verlockungen des Rabatts zu verfallen.

Versteht mich nicht falsch, ich bin keine Befürworterin des absoluten Verzichts. Besitz kann ein großer Komfort sein. Meine Familie war den Großteil meines Lebens arm. Ich habe meine Mutter dabei beobachtet, wie sie teure Jeans anschmachtete, während sie die günstige im Arm hielt. Wenn sie das Plastikgeschirr in den unteren Regalen herausfischte. Hätte ich sagen sollen: "Spricht das zu dir? Macht dich das glücklich?"

Ich trage fast ausschließlich Kleidung, die ich in Second-Hand-Läden finde. Ich bedanke mich bei jedem Stück – egal wie schäbig oder zerknäult es auch aussieht. Ihr vorheriger Besitzer hat sie aussortiert, um neuen Platz im Leben zu schaffen und in meinem sind sie jetzt außerordentlich praktisch. Das ist dann wohl sogar ein doppeltes Vergnügen. Egal ob sie Freude versprühen oder nicht, einige Dinge werde ich trotzdem weiter mit mir tragen. Wie ein dickköpfiger Esel.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

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