Foto: über i-D UK

Ist 'Lords of Chaos' wirklich "der kontroverseste Film aller Zeiten"?

Schauspieler Rory Culkin über brennende Kirchen, Black Metal und seine Rolle als Euronymous.

von Matthew Whitehouse
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27 März 2019, 10:37am

Foto: über i-D UK

Mayhem dürfte die wohl einflussreichste Black Metal Band aller Zeiten sein. Seitdem sie 1984 in Norwegen gegründet wurde, hat sich ein Mythos um die Gruppe gebildet. So groß, dass ihr musikalisches Schaffen fast davon verschlungen wurde. Brandstiftung, Suizid und Mord – und das alles bevor sie 1994 ihr Debüt-Album De Mysteriis Dom Sathanas veröffentlichten.

Der Spielfilm Lords of Chaos von Regisseur Jonas Åkerlund begeistert da, wo die meisten anderen filmischen Darstellungen versagt haben. Er schafft es, die Balance zu finden zwischen dem brutalen, sensationsgeilen, Kirchen in Brand setzenden Wahnsinn der frühen Neunziger und der Geschichte über eine Gruppe von Kids, die zufällig eine revolutionäre Band erschaffen haben. Und trotzdem hat der Film die Beschreibung als "einer der kontroversesten Filme, die jemals gemacht wurden" vom Telegraph verpasst bekommen.

Wir haben mit dem Schauspieler Rory Culkin über Humor, Turbulenzen und Freundschaft gesprochen. Darüber wie es war, die Rolle des verstorbenen Gitarristen Øystein Aarseth, besser bekannt als Euronymous, zu spielen.

Was hat dich an der Rolle des Euronymous angesprochen?
Der Fakt, dass es eine sehr extreme Geschichte ist. Wenn du etwas tiefer gehst, merkst du erst, dass diese "Masterminds" ganz normale Kids waren. Das fand ich spannend. Wie kann man das angehen? Konzentrierst du dich auf die Legende oder die Wahrheit? Ich war interessiert daran, ein Teil davon zu sein und diese Entscheidung mitzutreffen.

Wie viel wusstest du vorher über die Geschichte?
Ich kannte Mayhem und Burzum, und die Geschichte von Euronymous und Varg [der ehemalige Bass-Spieler der Band] und Dead [der Sänger]. Aber abgesehen davon nicht allzu viel. Ich erinnere mich noch an die Bilder von brennenden Kirchen in den Nachrichten. "Aaah, das sind die Typen" war wohl das erste, woran ich denken musste. Dann habe ich Jonas getroffen und mich an die Recherche gemacht.

Jonas Åkerlund ist offensichtlich tief in der Szene verwurzelt – in den frühen Achtzigern war er selbst Mitglied der schwedischen Black Metal Band Bathory. Wie hat er dir die Welt von damals erklärt?
Er war Regisseur und gleichzeitig Berater. Es gibt dieses Musikvideo von Candlemass, in dem auch Dead mitspielt. Er hing mit den Typen ab, da ist der Beweis. Es ist ein großartiges Video, auch wenn ich nicht weiß, wie Jonas heute darüber denkt. Aber nachdem ich mich zum ersten Mal mit ihm getroffen und das Video gesehen habe, habe ich mich direkt in die Geschichte und die involvierten Personen verliebt.

Und wie habt ihr euch dann entschieden, welche Seite der Geschichte ihr darstellen wollt? Die Legende oder die Wahrheit, wie du vorhin meintest?
Die ehrlichste Art das Ganze anzugehen, oder zumindest um einen guten Mittelweg zu finden, ist dort anzusetzen, wo sie noch jung waren ... kurz bevor sie zu Legenden wurden. Es scheint, als hätten sie alle verschiedene Vorstellungen davon, was die Definition von Black Metal aus Norwegen überhaupt ist. Zumindest zu Anfang gingen die Meinungen sehr auseinander. Wahrscheinlich auch, weil es für verschiedene Menschen eine andere Bedeutung hat – so wie bei allem im Leben.

Glaubst du, dass es etwas in der Psyche von Skandinaviern gibt, das Black Metal in diesem Teil der Welt so erfolgreich macht?
Diese Frage stelle ich mir auch. Sie scheinen an sich ziemlich gute Leben zu führen. Ein liebenswürdiges Land mit großartigen Leuten. Aber der Haken könnte vielleicht sein, dass es sehr steril ist? Keine Ahnung. Teenager werden immer einen Weg finden, zu rebellieren. Ich komme aus New York City, einem sehr liberalen Ort. Wenn in meiner Jugend die Leute sich auflehnten, wurden sie eher konservativ. So versuchten sie, ihre liberalen Eltern anzupissen. Eine sehr extreme Art der Rebellion ...

"Es wäre falsch gewesen, nur die Legende des Euronymous darzustellen. Er war ein echter Junge – und das wollte ich zeigen."

Unter der Rebellion, dem Schmerz, der Wut, dem Ekel und dem Trubel in der Szene gab es auch so viel Freundschaft und Freude in der Geschichte. Wie kamst du darauf, diese leichteren Momente einzubeziehen?
Das kam ganz natürlich. Es ist irgendwie witzig, dass diese Typen schreien und versuchen, Kinder und alte Frauen zu erschrecken. Da liegt ein bisschen Humor vergraben. Das wollte ich nicht zu sehr hervorheben, es ist einfach passiert. Solange ich alles ernst nehme, würde es schon funktionieren. Ein wichtiger Teil des Humors war es auch, dass sie sich selbst so ernst nahmen.

Hast du auch mit anderen Szene-Mitgliedern von damals gesprochen?
Ich habe mich mit einer ihrer damaligen Freundinnen unterhalten. Das hat mich fast am meisten interessiert, mit den Frauen zu reden, die sich in der Szene rumgetrieben haben. Schon direkt zu Anfang war ich neugierig auf ihre Geschichten. Wurden die Leute aus der Band die ganze Zeit flachgelegt? Du denkst direkt an Sex, Drogen und typische Rock'n'Roll Elemente – aber Drogen schien es gar nicht wirklich zu geben. Und auch die Sex-Sache ist für mich etwas undurchsichtig. Vielleicht waren sie einfach "rein", auf Rock'n'Roll bedacht. Immer wenn Hellhammer [Mayhems alter Drummer] erwähnt wurde, gerieten sie noch heute ins Schwärmen. Das hat den Eindruck auf jeden Fall verstärkt, der sexy Drummer und der seltsame Varg.

Und wie stehst du zu Euronymous? Hat er ein Image kreiert, nur um zu schockieren?
Ich würde gerne denken, dass das Ganze nur aus Werbezwecken entstanden ist. Es gibt ein Audio-Interview mit Euronymous. Zwar spricht er dabei Norwegisch, aber es ist klar – zumindest für mich –, dass er seine Stimme verstellt. Er spielt eine Rolle. Das war sehr aufschlussreich. Genauso ist es auch, wenn man sich Bilder von ihm ansieht: Wenn er in die Kamera schaut, versucht er böse auszusehen, doch wurde er unvorbereitet fotografiert, sieht er herzallerliebst aus. Das sind echte Menschen. Er hatte Eltern, die ihren Sohn in einem sehr jungen Alter verloren haben. Es wäre falsch gewesen, nur die Legende des Euronymous darzustellen. Er war ein echter Junge – und das wollte ich zeigen.

Gab es bestimmte Szene, die schwieriger darzustellen waren, als andere? Besonders mit diesem Wissen im Hinterkopf?
Seine letzten Augenblicke, das war hart. Ich habe die übliche Recherche für den Film gemacht. Bücher gelesen, Dokumentationen geschaut, Fotos angefragt und mit den Zeitzeugen gesprochen. Aber dann habe ich es irgendwie geschafft, an den Polizeibericht zu kommen. Und dann habe ich ein Foto von ihm entdeckt, nachdem er ermordet wurde, das ging mir ziemlich nah. Ihn in seinem Pyjama zu sehen, mit seiner Frisur ... das trifft dich, das war eine harte Nacht.

In deinen eigenen Worten, was ist die Geschichte des Films?
Da ich Euronymous spiele, betrachte ich die Handlung ganz egoistisch aus dieser Perspektive. Es geht also um einen jungen Mann, der eine Kunstform angenommen hat – und er konnte sich nicht daran festklammern. Erst letztens habe ich einen Freund von mir zu einem Screening mitgenommen. Er meinte, es sei als hätten sich Paul McCartney und John Lennon gegenseitig umgebracht, noch bevor die Beatles ihren Durchbruch hatten. Weißt du, was ich meine?

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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