Die bisher unerzählte Geschichte der Istanbuler Punk-Szene in den 90ern

Während Punk im Westen blühte, verhinderte ein blutiger Putsch in der Türkei, dass die Musik die Jugend dort erreichte. Filmemacher Mu Tunç hat mit uns die unglaubliche Geschichte der Hardcore-Szene in der Türkei der 90er geteilt.

von Matthew Whitehouse
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12 Januar 2018, 3:00pm

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Noch bevor Mu Tunç ein Wort sagt, zeigt er mir den universellen Metal-Gruß: die mano cornuta, das Hörner-Zeichen. Wir skypen und schauen uns parallel Fotos an, die er mir Anfang der Woche in der riesigen ZIP-Datei "My Brother & The Evolution of Punk / Hardcore Scene in Istanbul" geschickt hat. Der 31-jährige Filmemacher hält sich gerade in Los Angeles auf und arbeitet an seinem zweiten Spielfilm Arada. Obwohl er über 8000 Kilometer weit entfernt ist, spürt man, wie sein ganzer Körper bebt, als er vom Foto mit den beiden Jungen und ihrer Mutter auf dem heimischen Sofa erzählt. Einer der Jungs trägt ein T-Shirt der deutschen Speed-Metal-Band Grinder.


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"Das ist unsere Wohnung und das Bild so surreal", sagt er. "Ich mache die Teufelshörner, da bin ich noch nicht mal vier Jahre alt. Das Bild zeigt keine Person aus Berlin oder New York , die sich eine Punk-Platte anhört. Das so etwas in einer streng konservativen Gesellschaft existieren konnte", und er hält inne, "ist mehr als schräg."

Mu ist in Merter aufgewachsen, ein ruhiges Viertel von Istanbul, nördlich der Autobahn E5, in dem viele Familien aus der Mittelschicht leben. Als seine Mutter Olcay mit seinem älteren Bruder Orkun schwanger wurde, suchte sein Vater, Altan, einen sicheren Job in der Verwaltung. Davor war er erfolgreich als Sänger unterwegs, der nationale Wettbewerbe gewann und Mitte der 70er bei der führenden türkischen Plattenfirma Melek Plak unter Vertrag stand. Das war auch die Zeit in der die Spannungen zwischen Rechten und Linken im Land immer spürbarere wurden. Der Militärputsch von 1980 setzte seiner Karriere ein jähes Ende.

"Die Armee hat die Kontrolle übernommen und jeder sollte eintreten", sagt Mu über den erzwungenen Wehrdienst seines Vaters. "Als er nach 18 Monaten wieder am zivilen Leben teilnahm, gab es seine Musikkarriere nicht mehr. Keiner in der Musikbranche hat sich noch an ihn erinnert. Die Armee hat die gesamte Unterhaltungsbranche umkrempelt und seine Musik galt für den Markt als künstlerisch zu anspruchsvoll."

Nach dem Putsch gelangte Musik aus dem Westen nur über Umwege ins Land. Piloten schmuggelten die Platten in die Türkei, die dann zum Beispiel im Eloy verkauft wurden, das nach seinem Inhaber Eloy Hakan benannt war. Der ehemalige Straßenhändler trug nach den Aufständen eine Sammlung aus 4000 Rock- und Metal-Kassetten zusammen und verkaufte sie in seinem mit vielen Postern verbarrikadierten Laden im dichtbesiedelten Viertel Bakırköy. Durch dieses Geschäft kam Mus Bruder, Orkun, im Jugend-Alter durch Kassetten von amerikanischen Bands wie D.R.I. und M.O.D. mit Hardcore in Berührung. "Mein Bruder und seine Freunde fühlten sich unglaublich cool", beschreibt er ihre ersten rebellischen Gehversuche. "Sie haben andere Musik gehört, Coca-Cola getrunken und weiße Sneaker getragen."

Der Crossover-Hit "Beneath the Wheel" von D.R.I., einer Band aus der Punk-Szene von Los Angeles, sorgt auch heute noch für wahre Adrenalinschübe. Für einen 12-Jährigen, der unter der eisernen Hand von General und Anführer des Militärputsches Kenan Evren aufwuchs, muss der Song eine Offenbarung gewesen sein. "Orkun hat diese Musik für sich entdeckt", erklärt Mu. "Er und ein paar Freunde haben Heavy Music gehört, das war in diesen Kreisen etwas völlig Unerhörtes und besonders."

Ohne dass es sein Vater wissen durfte, ging er in ein Musikgeschäft und kaufte sich ein Schlagzeug, das er in monatlichen Raten abstotterte. Als der Vater das herausfand, sei er durchgedreht. Er wollte nicht, dass seine Kinder Musiker werden. Aber da war es schon zu spät. Orkun und seine Schulfreunde gaben da schon fleißig jeden Abend im Familienkeller Privatkonzerte für ihre Freunde.

Während der Punk in Großbritannien und den USA zum Synonym für die jugendliche Rebellion wurde, war er in der Türkei der 70er ein Symbol westlicher Dekadenz, anstatt als eine Rebellion gegen Institutionen wahrgenommen zu werden. Doch zehn Jahre später als ihre Altersgenossen im Westen sollte in dieser kleinen Garage im gutbürgerlichen Merter der Grundstein für etwas Neues gelegt werden. "Ich glaube, dass die Konzerte im Keller zu den ersten Malen gehörte, dass die Leute Punk- und Hardcore-Musik in einer muslimisch geprägten Kultur machten", sagt Mu über die Fotos, auf denen Jugendliche Jeans tragen und die Verstärker zu sehen sind. "Diese Kids haben nicht verstanden, welche Art von Musik sie da machen, sie wollten einfach nur abhängen."

Ermüdet von der politischen Apathie der 80ern, gründeten sich in den Vororten der türkischen Metropole neue Bands. Sie gaben privat organisierte Konzerte, wie die von Orkun, und schrieben Songs über Anti-Nationalismus, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit, Konsum-Terror und Tierschutz. Diese Leute wagten den Blick über die eigenen Grenzen in einer Zeit, in der sich allmählich auch das Land unter dem neuen Präsidenten Turgut Özal öffnete, zumindest wirtschaftlich. Die Musik zirkulierte über Demo-Kassetten und kommuniziert wurde durch selbstproduzierte Fan-Zines.


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Als erste Band, die bewusst mit Punk in der Türkei auftrat, gilt die Band Headbanger im Jahr 1987. Doch erst fünf Jahre später sollte die Hardcore-Szene groß genug sein, dass ein Festival auf die Beine gestellt werden konnte: das Punk HC Fest in Ankara. "Sie sehen so stolz auf diesem Bild aus", beschreibt Mu das Foto von Orkuns erster Band Violent Pop vor der Posterwand. Bemerkenswert war das Festival auch deswegen, weil beim Festival die erste reine Frauen-Punkband der Türkei, die Spinners, auftrat. "Diese Offenheit haut mich auch heute noch um, weil ich glaube, dass sie so nicht mehr existiert", seufzt er. "Der Konservatismus ist so stark. Die Leute glauben nicht, dass man im Osten des Landes noch etwas reißen kann. Aber dort sind echt coole Dinge passiert. Und dieses Foto ist der Beweis."

Orkuns zweite Band, die brillant-chaotischen Turmoil, war der erste türkische Punktact, dessen Musik auch im Ausland erschienen ist. "Sie haben die Musik aufgenommen und die Aufnahmen per Post hingeschickt. Es gab damals noch kein Internet, aber irgendwie haben sie trotzdem kommuniziert und zusammen dieses Album auf die Beine gestellt. Turmoil hat damit angefangen, Konzerte zu geben, so sind neue Bands entstanden, die mit einander kollaboriert haben", sagt Mu. "So entstand eine Szene. Heutzutage gibt es in Istanbul keine Szene mehr. Das ist das Problem. Die Texte von damals zu Ökoterrorismus, Homophobie, Kosmetikprodukte und islamischen Extremismus sind auch heute noch relevant."


Das Ende der türkische Hardcore-Szene kam Ende des 20. Jahrhundert. Die moralische Entrüstung erreichte mit dem Mord an einem jungen Mädchen durch einen vermeintlich satanischen Metal-Fan 1999 ihren Höhepunkt und schuf ein Klima, in dem kein Platz für alternative Musik mehr war. Orkun, den die Ablehnung des Vaters schwer traf und der deswegen unter starkem Stress stand, erlitt im Alter von 23 Jahren einen Herzinfarkt. Er verbrachte danach zwei Monate auf der Intensivstation. Punk war für ihn somit Geschichte.

Die Geschichte seines Bruders hat Mu dazu inspiriert, an seinem Spielfilm ARADA zu arbeiten. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Punkers, der in der Nacht seines Geburtstags ein Ticket nach Kalifornien ausfindig machen will. "Der Junge hat das Gefühl, in Istanbul gefangen zu sein", sagt Mu. "Er glaubt, wenn er hier bleibt, wird er wie sein Vater als gescheiterter Musiker enden. Der einzige Weg, um seine Träume doch noch zu verwirklichen, ist es, Istanbul zu verlassen."

"Deswegen ist die Geschichte so wichtig", erklärt Mu Tunç zum Schluss unseres Gespräches. "Es geht nicht mehr allein um den Film. Er soll eine Inspiration für die Leute in Istanbul sein und ihnen zeigen, dass sie eigentlich in einer wirklichen Stadt leben. Die Geschichte meines Bruders, der in den 90ern mit begrenzten Mitteln die ganzen Punk- und Hardcore-Bands gegründete, ist der Beweis dafür, dass alles möglich ist. Hoffentlich sorgt dieser Artikel dafür, dass die Leute begreifen, wie wichtig die Underground-Energie immer noch ist." Und vielleicht hat diese Person auch eine leerstehende Garage.

ARADA, der "erste türkische Punk-Film", soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.