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Dieses Projekt stellt das Verhältnis von Instagram-Stars und ihren Followern gegenüber

Von Liebes-Bekundungen bis Hass-Botschaften ist alles dabei.

von Joely Ketterer
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10 August 2017, 2:28pm

Chris Drange

Chris Drange wollte "Social Media im Eigentlichen verstehen". Aus seiner Perspektive als Fotokünstler fand er Instagram dabei besonders spannend und machte die "digitale Reliquien-Verehrung", wie man sie Chris zufolge dort findet, zum Thema seiner Bachelorarbeit Relics.


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"Ich habe mich gefragt, wie eigentlich Bedeutung und Wert ins digitale Einzelbild kommt", erklärt der Absolvent der HFBK. Für seine Abschlussarbeit beobachtete Chris ein Jahr lang das Verhältnis von Instagrams Most Followed und ihren Fans und stellte schließlich immer ein Instagram-Star-Selfie neben einen Kommentar und das Profilbild des dazugehörigen Followers. Von Liebes-Bekundungen bis Hass-Botschaften ist alles dabei.

Relics ist jetzt als Buch und in Form von einzelnen Wandbildern erhältlich. Wie er auf die Idee für das Projekt kam und was sich Menschen heutzutage von Reliquien-Verehrung versprechen, erzählte uns Chris im Interview.

Wie bist du auf die Idee für "Relics" gekommen?
Social Media ist ein System, das sehr stark auf Masse und Bewertung ausgerichtet ist – auch auf die Masse an Bewertungen. Es ist heute völlig normal, dass man sich fragt, wie viele Klicks ein YouTube-Video hat, wie viele Likes ein Instagram-Bild. Ich gehöre noch zu der Generation, die ohne Internet aufgewachsen ist. Das Einzige, wovon man früher gehört hat, waren Einschaltquoten im Fernsehen. Außer den Fernsehsendern hat das aber niemanden interessiert. Heute sind wir alle daran interessiert, wie viele Bewertungen oder Likes wir bekommen. Ich wollte Social Media im Eigentlichen verstehen, also hab ich mir die Spitze von Instagram angesehen – habe geguckt, welche Accounts am meisten abonniert werden, und festgestellt das dort ein Personenkult herrscht und 80 Prozent der Accounts von Frauen sind.

Aus "Relics", Hatje Cantz Verlag

Wie kam dir der Gedanke, dass Selfies eine Form von Reliquien sind?
Die Idee zu diesem Vergleich kam mir relativ schnell. Für mich war das eine schöne, aber auch provozierende Art, dem Ganzen eine Geschichte zu geben. Das Liken und Kommentieren von Selfies auf Instagram erinnerte mich and die Verehrung von Ikonen-Bildern oder Reliquien. Ikonen wollte ich meine Arbeit nicht nennen – das finde ich ausgewaschen und erinnert eher an Hollywoodikonen der Moderne. Zu sagen, dass Selfies eigentlich Reliquien sind – digitale Überbleibsel, die verehrt werden –, fand ich etwas Neues. Es hat auch dem Selfie eine Bedeutung gegeben, mit der ich arbeiten konnte. Die Verbindung zu etwas, das wir eigentlich schon seit Jahrtausenden kennen, fand ich spannend. Das stellte für mich das Erklärungskonzept dar, wie diese Bilder so wertvoll werden.

Aus "Relics", Hatje Cantz Verlag

Du sagst, dass man sich früher von Reliquien-Verehrung Heilung versprochen hat. Was verspricht man sich davon heute?
Richtig, Heilung ist heute keine Thema mehr. Heute haben wir ein Geltungsproblem. Es ist fast unnormal, sich nicht auf irgendeine Art zu veröffentlichen und an Social Media teilzunehmen. Die Verehrung, die ich auf Instagram und bei diesen Frauen beobachtet habe, findet sowohl auf der sprachlichen wie auf der bildlichen Ebene statt. Die Bilder der Follower haben nämlich auch Ähnlichkeiten mit den Stars. Das zeigt, dass sich die Leute irgendeine Form der Veränderung, vielleicht "Verschönerung", versprechen. Sie möchten reich, begehrt und jung sein. Das verstehe ich unter anderem unter Geltungsbedürfnis.

Aus "Relics", Hatje Cantz Verlag

Gibt es eine Botschaft, die du mit der Arbeit senden möchtest?
Ich habe das Thema gewählt, weil ich es typisch für unsere Gesellschaft finde. Mit typisch meine ich auch normal. Ich bin etwas überrascht, wie negativ es betrachtet wird: der Hype, die einseitige Kommunikation und die Bildsprache. Man kann das auch ganz anders sehen. Wenn wir ehrlich sind: Wir tun es alle. Bei meiner Ausstellung fand ich ulkig, wie viele Leute behauptet haben, dass sie keine Selfies machen. Mit einer Vehemenz, als sei es etwas total verwerfliches. Bei genauerem Nachfragen oder mit einem Blick auf den Instagram-Account, sah das dann schon anders aus.

"Relics", Ink Jet Print

Viele schämen sich wohl ob dem narzisstischen Beigeschmack.
Ja, genau. Ich finde es interessant, wenn die Diskussion in diese Richtung geht. Aber ich bin gespannt, ob jemand, der meine Arbeit rezensiert, doch mal schreibt: Hey, wir sind aber doch alle auch ein bisschen daran beteiligt.

Kann Fan-Liebe gefährlich sein?
Ja, sicher. Im Einzelfall bestimmt. Es kann bis zum Stalking, es kann in den Suizid führen. Auf gewisse Bilder in meiner Arbeit gab es Reaktionen der entsprechenden Follower, die negative Interpretationen ihrer Kommentare relativieren wollten. Ironie sei Teil der Internet-Sprache. Ob die Sache gefährlich wird, ist nicht so einfach zu deuten und beurteilen.

"Relics", Ink Jet Print

Leiden Fotografen und Fotokünstler wie du darunter, dass plötzlich alle auf Plattformen wie Instagram "mitmischen" können?
Der Beruf des Fotografen ist durch die digitale Fotografie-Technik, nicht in erster Linie durch Instagram, total gefährdet. Und damit rede ich es fast schön. Auf der anderen Seite eröffnet Instagram auch wieder neue Möglichkeiten, was zum Beispiel die Vermarktung angeht. Mittlerweile sehen es Künstler schon gar nicht mehr nur als ein Mittel zur Vermarktung, sondern als eigenes Ausstellungs-Medium.

Chris Drange
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