Troy Michie haucht Collagen-Kunst queeres Leben ein

Der Künstler hinterfragt mit seinen Ausschnitten aus Vintage-Gayporn-Heften Amerikas schwierige Beziehung zu Geschlechterfragen.

von André-Naquian Wheeler; illustrationen von Troy Michie
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Apr. 6 2018, 9:50am

Identitäten sind vielschichtig. Du brauchst einen Beweis dafür? Schau' dir ein Vintage-Gayporn-Heft an und du wirst Fetisch-Bilder von nackten Männern finden, die ihre Körper zur Schau stellen, ihre Identitäten aber verbergen. Diese bittersüßen Bilder haben Troy Michie zu seinen ersten Collagen inspiriert. Sie sind ein verlockendes Versteckspiel, weil die Körperteile nicht preisgegeben werden, die wir gerne sehen würden. So möchte Troy die Vergötterung der queeren, männlichen Community aufhalten, die in Richtung maskuline, athletische Körper tendiert. "Ich glaube, dass Collagen ein großartiges Medium sind, um sich diesen Themen zu nähern", sagt Troy. "Die Gesellschaft versucht Gender und Sexualität herunterzubrechen. Collagen-Kunst setzt diesem vorgefertigten Mustern ein Ende, weil sie nie wirklich binär ist."


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Es hat eine Weile gedauert, bis Troy einen kritischen Blick auf Gender und Sexualität entwickeln konnte. "Als ich 22 war, dachte ich mir nur 'Oh, großartig, endlich bin ich frei', bis ich realisiert habe, dass plötzlich ganz andere Dynamiken eine Rolle spielen", so der Yale-Absolvent weiter. "Die Diskriminierung von Frauen und Transsexuellen in reinen Männerbereichen zum Beispiel. Das hat großen Einfluss auf meine Arbeit."

Für seine neuesten Collagen wurde Troy von seinen Kindheitserinnerungen in El Paso inspiriert. Darin benutzt er Schwarz-weiß-Bilder von sogenannten Zoot Suits, weit geschnittene Herrenanzüge im Stil der Vierziger (bekannt wurden sie zum ersten Mal im Harlem der 1940er). Troy hat sogar das Kleidungsstück selbst in eine Collage verwandelt und dafür mit einem Schneider zusammengearbeitet. Uns hat der Künstler verraten, wie er bei seinen Collagen vorgeht und mit welchen Stereotypen Troy zu kämpfen hatte, als er in einer Grenzstadt aufgewachsen ist.

Wie hast du deinen Platz in der Kunstszene gefunden?
Das Lustige an der Kunstschule ist, dass niemand so wirklich darüber redet, wie du einen Fuß in die Kunstszene setzt – und darüber bin ich eigentlich ganz froh. Für mich war es am wichtigsten, dass ich etwas mache, das sich gut anfühlt. Das hat funktioniert. Seitdem ich meinen Master in der Tasche habe, hatte ich so viele verschiedene Aufträge – vom Kunstassistenten bis zum Einzelhandel. Ich habe tagsüber in einem Buchladen gearbeitet und mich abends für Kunstförderprogramme und Stipendien beworben.

Warum stammen so viele der Bilder aus deinen Collagen aus Pornoheften?
Als ich angefangen habe, mich mit pornografischen Inhalten für meine Arbeiten auseinanderzusetzen, habe ich nicht gemerkt, dass viele dieser Magazine als Fetischobjekte für weiße Männer galten. Es ist wirklich schwierig, Magazine zu finden, die nur People of Color zeigen.

Du kommst ursprünglich aus El Paso, einer Grenzstadt zwischen Texas und Mexiko. Inwiefern beeinflusst das deine Arbeiten?
Ich habe jeden Tag die Grenze gesehen. Viele der Dinge, die Einwanderern nachgesagt werden, sind unverschämte Lügen. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich etwas kreieren kann, das sich mit El Paso beschäftigt und weder plump ist, noch die Stereotypen über die Stadt bestärkt. Viele Leute werden einfach nur sagen 'Oh ja, da gibt es großartiges Essen'.

Deine neueste Arbeit beschäftigt sich mit dem Zoot Suit. Wie hat das Kleidungsstück dein künstlerisches Interesse geweckt?
Meine Familie und ich haben über die Geschichte des Zoot Suits geredet und wie er mit der von El Paso zusammenhängt. Zum ersten Mal in Erscheinung getreten, ist er in Harlem. Die 1940er Suit Riots in Los Angeles waren einer der ersten Aufstände in der amerikanischen Geschichte, die sich auf ein Kleidungsstück berufen haben. Auch wenn es im Grunde genommen mit der Rasse zu tun hatte, weil People of color diese Anzüge getragen haben. Ich habe mit einem Schneider zusammengearbeitet, um ein paar dieser Zoot Suits in meiner Größe anfertigen zu lassen. Daraus habe ich dann eine Arbeit kreiert, die mit der Tarnungstheorie verschmilzt – El Paso hat einen der größten Militärstützpunkte des Landes.

Was ist die Tarnungstheorie?
Ich habe ein bisschen recherchiert und bin auf diesen surrealistischen Künstler namens Roland Penrose gestoßen. Er und ein paar weitere Künstler haben eng mit dem britischen Militär zusammengearbeitet, um Tarnungstechniken für den Krieg zu finden. Er hat ein Buch geschrieben, in dem es eine Regel namens "Disruptive Patterning" gibt. Das beste Beispiel ist das Fell eines Zebras: Es wirkt extrem bizarr, aber wenn sich das Zebra in seiner vertrauten Umgebung befindet, funktioniert es. Das habe ich versucht, auf den Alltag umzumünzen. Wenn du als queerer Mensch durch die Stadt läufst, hast du auch oft eine Art Tarnung, die dir zum Selbstschutz dient. Es gibt einen Moment, in dem diese auffliegt und sich in etwas Großartiges verwandelt. In dem du über deine Selbstdarstellung reflektierst, ohne darüber nachzudenken, ob du irgendwo reinpasst oder nicht.

@troymichie

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.