"Meine Mode soll all das ausdrücken, was die Gesellschaft an Weiblichkeit verflucht"

Designerin Fabian Kis-Juhasz zeigt, wie Halloween mit femininer Mode zusammenhängt.

von Mahoro Seward
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10 Dezember 2019, 9:09am

Die Mode ist eine ziemlich seltsame Industrie – besonders für diejenigen, die ihre ersten Schritte in der Branche wagen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, grenzt es schon fast an Wahnsinn, dass sich diese jungen Talente an dem Tempo orientieren müssen, das von den großen Häusern festgelegt wird. Mit einem budgetären Rahmen, der ihrem Ruf entspricht. "Ich kann es mir nicht wirklich leisten, zwei Mal im Jahre eine Kollektion herauszubringen und alles so schnell zu machen", sagt Fabian Kis-Juhasz. "Außerdem ist es unglaublich teuer, deine Arbeit auf Shows zu präsentieren." Sie weiß, wovon sie spricht, zeigte sie doch gerade erst ihre zweite Kollektion auf der London Fashion Week AW 19.


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Statt die immer weiter schwindenden Ressourcen von Geld und Zeit hinzunehmen, hat Fabian die bewusste Entscheidung getroffen, ein langsameres Tempo zu fahren, das ihrem Handwerk besser gerecht wird. "Es macht einfach mehr Sinn für das, was ich mache", erklärt sie. Die harte Wahrheit ist die, dass unter den momentanen Industrie-Standards Designer_innen häufig nicht einmal drei Monate Zeit haben, um eine Kollektion umzusetzen – oft ohne jegliche externe Hilfe.

Fabian Kis-Juhasz
Foto: Anna Kis-Kery

Die nächste Herausforderung ist es, sich in einem zunehmend übersättigten Markt von der Konkurrenz abzuheben: "Ja, in den letzten Jahren gab es einige Designer_innen, die eine ähnliche Ästhetik haben wie ich. Aber irgendwie wirkte es auf mich immer ein bisschen billig", sagt Fabian über die Nische, in der sich ihre Designs bewegen. "Häufig sind diese Teile rein dekorativ. Ich brauche immer eine gewisse Intention, einen Plan hinter den Details, damit sie eine Wertigkeit bekommen." Ihr einmaliges Zusammenspiel von Form und Funktion zeigt sich zum Beispiel in explizit geformten BHs aus milchig-weißem Leder mit aufgesetzten pinken Nippeln, die gerne mal mit einem Piercing aus Sicherheitsnadeln geschmückt sind. "Das hat Sinn gemacht, es sind Nippel. Warum sollten sie keine Piercings haben?", fragt sie, als ob es keine andere Möglichkeit gäbe. Hinter den verrückten Kreationen scheint sich eine Strategie zu verbergen.

Fabian Kis-Juhasz
Foto: Anna Kis-Kery

So merkwürdig die Kombination aus viktorianischen Rüschen und derben Darstellungen nackter Brüste auch wirken mag, die Neigung zu eigenartigen Kontrasten macht ihre Brand aus. "Ich mag widersprüchliche Dinge, vulgäre Elemente mit etwas Edlem oder Historischem zu kombinieren", erzählt Fabian. "Letztlich sind es aber auch nur Klamotten – es gibt keinen Grund sie auf ein Podest zu stellen."

Dieser sorgenfreie Mangel an stilisierter Kostbarkeit ist auch ein zentrales Thema in ihrer neuesten Kollektion, inspiriert von Halloween. "Das hat mir den Zugang zu den Dingen eröffnet, die ich heute liebe", meint die Designerin. Fabian gesteht, dass sie einen Hang zu komischem Blödsinn hat. "Halloween hat einen festen Platz in akademischen Texten und Filmen und ist gleichzeitig so unglaublich bescheuert. Es ist ehrlich gesagt ziemlich lächerlich. Das größte kapitalistische Fest nach Weihnachten", führt sie fort. "Ich liebe diese ganze Idee davon, dass es eigentlich total gruselig sein soll, dann aber letztlich nur darum geht, günstige Süßigkeiten zu essen. Das gleiche Zusammenspiel von sexy und albern spiegelt sich auch in meiner Arbeit wider."

Fabian Kis-Juhasz
Foto: Anna Kis-Kery

Trotz der sehr spezifischen Nische fällt es schwer, einen bestimmten 'Typ Frau' auszumachen, für den Fabian designt. "Es sind vor allem eklektische Frauen. Wenn ich sie beschreiben müsste, wäre es eine Person, die sich für Weiblichkeit interessiert, die aber auch die Politik dahinter versteht."

In Anbetracht ihrer politischen Haltung, macht es Sinn, dass sie sich Halloween als Kontext für ihre performative Praxis von Weiblichkeit ausgesucht hat. Obwohl wir diesen Feiertag oftmals mit absurden, übertrieben sexuellen Darstellungen weiblicher Archetype assoziieren, stellt Fabians Arbeit das Gegenstück dazu dar. Eine rotzige Verbildlichung der gesellschaftlich indoktrinierten Angst vor allem, das als feminin gilt. "Halloween sollte eigentlich gruselig und nicht sexy sein. Ich möchte, dass meine Arbeit all das ausdrückt, was die Gesellschaft an Weiblichkeit verflucht – und kein sexy Katzenkostüm designen. Am Ende des Tages ist die Vorstellung an sich schon angsteinflößend, weiblich oder eine Frau zu sein", stellt sie fest. "Da muss man nichts mehr hinzufügen."

@fabiankisjuhasz

Fabian Kis-Juhasz
Foto: Anna Kis-Kery
Fabian Kis-JuhaszFoto: Anna Kis-Kery
Foto: Anna Kis-Kery
Fabian Kis-Juhasz
Foto: Anna Kis-Kery

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der UK-Redaktion.

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