Foto: Mario Sorrenti

Triff Tyshawn Jones, den coolsten Skateboarder New Yorks

Er ist 'Skater des Jahres', offizielles Gesicht von Supreme, hat seine eigenen Adidas Sneaker herausgebracht – und ist jetzt auf dem Cover der neuen i-D.

von Felix Petty; Fotos von Mario Sorrenti
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09 September 2019, 11:28am

Foto: Mario Sorrenti

Tyshawn Jones steht an einem Wendepunkt in seiner Karriere: vom einfachen New Yorker Skate Kid zum aufstrebenden Star. Seine Rolle in Supremes Skate Film, Blessed, sorgte für seinen Durchbruch. Man sieht ihn über Geländer gleiten, in der Hocke durch den gedrängten Stadtverkehr rollen, vor Polizei und Sicherheitskräften flüchten und im Ollie über die Eingänge von U-Bahn-Stationen fliegen. Diese Szenen verhalfen Tyshawn zum begehrten Skater Of The Year Award von Thrasher, eine der größten Ehrungen in der Skateszene überhaupt. Er ist 20 Jahre alt. Das offizielle Gesicht von Supreme. Er ist schon jetzt der coolste Skater der Welt. Und nun ziert sein Gesicht das Cover der neuesten i-D Ausgabe.

Gerade kürzlich hat er ein Restaurant in der Bronx eröffnet. Es ist der 22. Juni 2019. Zusammen mit William Strobeck, dem Regisseur von Blessed, sitzt er im Auto vor seiner New Yorker Wohnung. Heute Abend feiert er das Release seiner eigenen Kollektion Adidas Sneaker. Life is good!

William beginnt: "Ich habe schon viele Menschen mit Antrieb gesehen aber niemandem mit deiner Motivation. Während der Dreharbeiten von Blessed kam es vor, dass du bereits um vier Uhr morgens auf den Beinen warst, nur um noch eben ein paar Treppen am Madison Square Garden herunterzuspringen. Die ganze Zeit wolltest du mich mit nach draußen zerren – ein bisschen skaten. Deine Hingabe erinnert mich an die von Michael Jordan. Was ist deine Motivation?"

Tyshawn wirkt überrascht von Williams Lob. Verloren in seinen Gedanken. Er versucht eine Antwort zu finden, irgendwas mit Geld. Oder zumindest Sicherheit. "Meine Motivation entsteht durch das, was ich im Leben möchte. Ich will für meine Familie da sein, mich um meine Mutter kümmern. Eine schöne Wohnung kaufen und ein schönes Auto. Ich will meine Leute unterstützen. Und umso härter ich arbeite, desto schneller komme ich dahin."

Tyshawn Jones by Mario Sorrenti
Gesamtes Outfit von Supreme. Seidenes Durag Hardies Harware.

"Ich hatte nie wirklich Geld, wenn du damit aufgewachsen bist, ist Geld dir egal", fährt er fort. "Wenn du reich bist, aus einer reichen Familie kommst, hast du keine Lust zu arbeiten, du willst nur cool sein … ich weiß nicht wie ich es erklären soll, aber ich habe das Gefühl, ich wurde geboren, um für meine Familie da zu sein. Wer sonst sollte sich um meine Mutter kümmern? Wer kümmert sich um meine Kinder, wenn ich welche bekomme? Ich möchte ihnen etwas weitergeben können. Ausgesorgt fürs Leben. Einen neuen Kreislauf beginnen."

Tyshawn lebt die Old-School-Variante des American Dream. Ein Kid aus der Bronx kommt plötzlich zu Bekanntheit, Geld, Sponsoren und Ruhm. Sein Geheimnis? Nichts als pures Talent und harte Arbeit.

Über das Computerspiel Skate kam Tyshawn zum ersten Mal mit dem Skateboarden in Kontakt. Dann hat sein älterer Bruder tatsächlich damit angefangen, in echt, auf der Straße. "Ich bin ihm überall hin gefolgt", sagt er. "Ich wollte sein wie er. Das war es schon. Ich war das mittlere Kind. Ich wollte machen, was auch immer er macht, und er wollte skaten, also wollte ich das auch. So hat alles angefangen. In der Oberstufe fragten sie mich, was ich mit meinem Leben machen möchte, und ich dachte mir: 'Die Schule ist mir egal, ich werde Profi-Skater, ich brauche keinen Abschluss.'"

Im Gespräch wirkt Tyshawn verlegen wegen seines Ruhms, ein wenig überrumpelt von allem. Er hat keine Lust genauer darauf einzugehen, vielleicht ist er aber auch einfach nur schüchtern. "Ich habe das Gefühl, dass ich vielleicht eines Tages, wenn ich alles erreicht habe, was ich wollte, meinen Antrieb verliere. Ich habe schon viel erreicht aber lange nicht alles", erzählt er.

"Du hast die Auszeichnung Skater of the Year gewonnen – die höchste Leistung, die man im Skateboarding erzielen kann", antwortet William. "Bist du jetzt zufrieden?"
"Nein", sagt Tyshawn. "Sobald ich zufrieden bin, rutsche ich ab. Ich versuche zu vergessen, dass ich gewonnen habe." Tyshawn weiß, dass er gut ist, er weiß, was er wert ist, doch er weiß auch, was noch vor ihm liegt.

Tyshawn Jones by Mario Sorrenti
Tanktop Calvin Klein Underwear. Seidenes Durag Hardies Harware. Schmuck gehört dem Model.

Erstmals tauchte er in Buddy auf, als dürrer kleiner Junge, neben Jason Dill, einem legendären Supreme-Skater. In dem 50-Sekunden langen Clip, bei dem William ebenfalls Regie führte, lungern Jason und Tyshawn mit einigen stereotypischen New Yorker Charakteren herum. ("Ich habe ab und zu ein wenig Crack geraucht", sagt ein Obdachloser zu Jason. "Hey, das habe ich auch mal. Keine große Sache", antwortet Jason). Man kann bereits hier Tyshawns begnadetes Talent erahnen, während er die berühmten Stufen des NYC Gerichtsgebäudes hinunterspringt. Er hat sich diesen legendären NYC Skate Spot bereits zu Eigen gemacht, als er gerade alt genug zum Skaten war.

Auf Buddy folgte Cherry, Williams erster abendfüllender Supreme Skate Film. Es gibt eine süße Szene mit dem jungen Tyshawn: Noch bevor er in den Stimmbruch kam, hängt er mit Dylan Reider ab und schaut bewundernd zu dem älteren, bereits berühmten Supreme-Skater auf. Cherry hat diese neue Generation von Supreme-Skatern in der mittlerweile 25-jährigen Mythologie der Marke verankert. Tyshawn Jones, Na-Kel Smith, Kevin Bradley, Sage Elsesser und Sean Pablo haben alle ihren Anspruch auf die Krone erhoben.

"Ich war ungefähr 14 Jahre alt, als ich in Cherry zu sehen war. Damals habe ich nichtmal im Traum daran gedacht, in einem Supreme-Film zu sein. Ich habe einfach mein Leben gelebt und versucht Profi zu werden. Ich mache mir nie wirklich Gedanken über irgendwas, sondern mache es einfach und muss dann im Nachhinein darüber reden. Die Leute sagen: 'Du hast das und das gemacht! Das war verrückt!', aber ich mache einfach mein Ding. Ich schaue nach vorne, statt mich lange mit Dingen aufzuhalten. Häufig habe ich das Gefühl, noch nichts wirklich geschafft zu haben und will darum immer noch besser werden." Welchen Rat er sich damals gegeben hätte? "Nichts", sagt er nach einer Pause. "Ich wusste schon alles."

In seinem Stil zu fahren liegt eine harte Freiheit, eine schwer verdiente Poesie. Er ist der erste Skater aus New York, der den Skater Of The Year Titel erhielt. Eine Stadt, die den Schotter und Kies der Straßen bevorzugt. Sie fordert die Skater dazu auf, die Stadt aus einer neuen Perspektive zu betrachten, ihre Gesetze zu brechen, Polizisten und Sicherheitskräften aus dem Weg zu gehen. "Tyshawn lässt sich von niemandem aufhalten", sagte William letztes Jahr zu mir, nachdem Blessed herauskam. "Die Menschen bauen Hindernisse auf, er verschiebt sie. Die Polizei rufen? 'Wenn die Bullen kommen, werden sie mich sowieso nicht kriegen.' – So sieht er das. Es ist ihm egal. Das ist nicht einfach. Wir müssen mit diesem ganzen Scheiß auf der Straße klarkommen."

Vielleicht lautet die Frage daher nicht: Ist Tyshawn der MJ des Skateboardens? Sondern: Sollte er das überhaupt wollen? Tyshawn ist Tyshawn. Ein talentierter, gutherziger, gelassener Mann, der viel Geld verdienen und seiner Mutter ein Haus kaufen will.

"Was machst du mit dem ganzen Geld, das du mit deinen Turnschuhen verdienst?", fragt William. "Ich mache ein paar Investitionen", antwortet er. "Du musst dein Geld für dich arbeiten lassen. Jeder in meiner Familie ist ein Zocker, selbst meine Oma zockt."

"Du hast dich aber nicht verkauft, du hast keinen Energy-Drink, der nach dir benannt ist. Du bist immer noch du selbst", fährt William fort. Tyshawn unterbricht, um einen Anruf anzunehmen. Es geht um einen Autokauf.

"Du hast die besten Sponsoren – Supreme. Fucking awesome. Und Adidas. Wenn du dir aber irgendeinen Sponsor auf der Welt aussuchen könntest, wer wäre das dann?"
"Lamborghini", antwortet Tyshawn todernst.
Er muss gehen.
Vor dem Release heute Abend muss er noch ein paar Sachen erledigen.

"Hast du sonst noch etwas zu sagen?", fragt William.
"Nee, Mann. Das war's."
"Danke! Das nächste Interview, das wir machen, ist für Forbes."
"Wir stehen bald auf der Forbes-Liste, Mann!"
"Peace."

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Gesamtes Outfit Supreme.

Credits


Fotografie: Mario Sorrenti
Styling: Alastair Mc Kimm

Haare: Bob Recine // Rodin
Make-up: Kanako Takase // Streeters
Nägel: Honey // Exposure NY nutzt Dior
Foto-Assistenz: Lars Beaulieu, Kotaro Kawashima, Javier Villegas und Chad Meyer
Styling-Assistenz: Madison Matusich, Milton Dixon III und Yasmin Regisford
Haar-Assistenz: Kabuto Okuzawa und Kazuhide Katahira
Make-up-Assistenz: Kuma
Produktion: Katie Fash
Produktions-Assistenz: Layla Néméjanksi und Adam Gowan
Creative und Casting Consultant: Ruba Abu-Nimah
Casting Director: Samuel Ellis Scheinman // DMCASTING

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus der neuen i-D 'The Post Truth Truth Issue', no. 357, Autumn 2019. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.