mario testino über unerreichbare schönheitsideale und viel nackte haut

Wir haben Fotografen-Legende Mario Testino im Zuge seiner neuen Ausstellung “Undressed“ in Berlin getroffen und mit ihm über Unsicherheit, Geschlechterrollen und Nacktheit gesprochen.

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Juni 7 2017, 10:40am

Als Kind wollte Mario Testino eigentlich Priester werden, landete für sein Fotografie-Studium dann aber doch in London. Mittlerweile zählt der Peruaner zu den bekanntesten Modefotografen der Welt und scheint mehr Bücher veröffentlicht zu haben, als manch einer von uns im letzten Jahr gelesen hat. Seine Fotografien der britischen Königsfamilie zählen zu seinen bekanntesten Werken und sind nicht nur bis heute fest in unseren Köpfen verankert, sondern haben auch seinen fotografischen Stil maßgeblich geprägt: majestätisch und doch modern mit einer ganz eigenen, geradezu malerischen Ästhetik, die nur allzu gerne versucht, Geschlechterstereotype aufzubrechen. Wir haben den Modefotografen im Zuge seiner Ausstellung Undressed im Museum für Fotografie der Helmut Newton Stiftung in Berlin getroffen, um mehr über intime Momente, unerreichbare Schönheitsideale und Geschlechteridentitäten zu erfahren.

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Was fasziniert dich so an nackter Haut in Zeiten, in denen sie in den Medien allgegenwärtig ist?
Perfektion — sie ist etwas, das man nur sehr selten findet. Ich habe so viele Nacktaufnahmen geschossen und wenn du sie bearbeitest, gibt es vielleicht zehn, die großartig sind. Es ist nicht so, dass Perfektion das wäre, was mein Leben ausmacht, aber wenn es um Nacktheit geht, fasziniert es mich, zu sehen, dass mein Körper nicht perfekt ist — aber ich arbeite hart daran.

Was bedeutet Intimität für dich?
Intimität ist interessant, weil du sie nur bekommst, wenn du den Menschen kennst. Du kannst nur intim sein, wenn du vollkommen sicher bist und weißt, dass alles, was du machst oder sagst, bei dem Menschen gut aufgehoben ist. Das ist es, was ich bei meinen Fotografien erreichen möchte. Manchmal habe ich aber nur zehn Minuten, um diesen Moment der Intimität zu bekommen. Damals habe ich sehr viele Aktaufnahmen im Studio gemacht, die die Form eines Menschen zeigen. Ich wollte festhalten, wie sich die Leute bewegen, wenn sie diese Körper haben, und erfahren, ob ihr Selbstbewusstsein anders ist. 

Ist dieser Moment von Intimität der aufregendste eines Fotoshootings?
Für mich ist er das, weil er die Tür öffnet, damit andere Dinge passieren können. Mit Intimität kommt Entspannung, Sicherheit und Humor. Wenn Leute sicher sind, können sie noch so dämlich aussehen und fühlen sich selbst dann wohl — das könnte das Foto sein. Ich suche immer nach meinen Bildern, die nur zustande kommen, wenn ich das Foto mache. Menschen fühlen sich in Gegenwart unterschiedlicher Leute immer anders. Also will ich sicherstellen, dass meine Fotografie in direktem Verhältnis dazu steht, was die Leute in dem Moment gerade für mich empfinden.

Mario Testino, James Gooding and Donovan Leitch, Los Angeles, c. 1999 © Mario Testino

Hast du dich je damit beschäftigt, dass deine Arbeit für viele Menschen unerreichbare Schönheitsideale vermittelt?
Natürlich habe ich darüber nachgedacht. Aber wenn ich mir Bilder ansehe, schätze ich sie und möchte nicht unbedingt so sein wie sie. Auf eine gewisse Art können sie also vielleicht so wirken, aber sie können auch dabei helfen, Stärke zu entwickeln. Am Ende geht es einfach darum, unterschiedliche Menschen zu dokumentieren. Ich habe eben über einen Job geredet, den ich gerade für Dove gemacht habe. Es geht um echte Frauen.

Ich glaube, dass ich die Kampagne kenne.
Alle Frauen hatten unterschiedliche Formen, unterschiedliche Hautfarben und waren unterschiedlich alt — und alle sehen wunderschön aus. Schönheit ist so irrelevant. Ein Großteil meiner Arbeit dokumentiert Menschen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Körperproportionen für die Industrie ausgewählt wurden. Die Mode wird von Designern bestimmt, die wiederum Kleidungssamples in einer bestimmten Größe kreieren, die für Magazine fotografiert werden. Diese Größe muss dem Mädchen passen. Das allein grenzt ein, wen wir fotografieren können. Wenn du jemanden mit anderen Proportionen nimmst, musst du die Kleidung am Rücken aufschneiden, um sie hineinzubekommen. Das können wir nicht machen, weil die Kleidung uns nur für einen Tag geliehen wird. Viele der Menschen, die ich fotografiere, finde ich schön, aber meine Mutter, die letztes Jahr gestorben ist, hat mich immer gefragt: "Hättest du kein schöneres Mädchen finden können?" Für sie waren sie nicht schön, aber das war meine Vorstellung von Schönheit.

Spürst du auch nach dem Tod deiner Mutter noch einen von ihr ausgehenden Druck?
Vieles machen wir, um unsere Eltern stolz zu machen im Gegenzug für ihre Mühen, ihre Liebe und ihre Hingabe. Als meine Mutter gestorben ist, habe ich etwas verloren: den Menschen, den ich anrufen will, um zu sagen: "Schau, was ich erreicht habe". Das habe ich nicht mehr. Sie war sehr offen und verständnisvoll. Mein erstes Buch hieß Any Objections? und war voll nackter Haut. Ich wollte es meiner Mutter nicht geben, aber jeder hat ihr erzählt, dass ihr Sohn ein Buch herausgebracht hätte. Also habe ich schnell Front Row/Backstage veröffentlicht, um ihr dieses Buch bringen zu können. "Es ist mir egal. Das ist dein Beruf. Ich weiß, dass du ein guter Mensch bist. Und was dein Auge sehen und schätzen kann, hat nichts mit deinen Qualitäten als Mensch zu tun", waren ihre Worte.

Mario Testino Paris, Vogue Italia, 2000 © Mario Testino

Was hältst du von Definitionen wie Feminität und Maskulinität?
Das sind falsche, vorgefasste Ideen. Ich denke, dass jeder beides hat. Warum wird ein Mann, der weint, als feminin angesehen? Jeder weint. Wenn eine Frau taff auf der Arbeit ist, wird sie als zu maskulin wahrgenommen. Warum assoziiert man das? Für mich bedeuten diese Worte nichts. Jeder ist alles.

Und wo siehst du dich selbst, wenn es um Geschlechteridentität geht?
Ich denke, dass ich ein bisschen von allem bin. Als ich jung war, wurde ich immer dafür kritisiert, zu feminin zu sein. Dann bin ich aber wiederum so maskulin in der Art, wie ich mein Geschäft führe. Warum sollte ich denken, dass das eine maskulin und das andere feminin ist? Wir leben gerade in einer Zeit, in der Gender sehr verwirrend ist. Es verändert sich, wie wir denken und was wir wissen. 

Ich habe gelesen, dass dich Kunst sehr inspiriert. Welche Aktdarstellung magst du am liebsten?
Es gibt so viele Momente der Nacktheit in der Geschichte, die uns auf unterschiedliche Arten sehen lassen. Ich habe bemerkt, dass Nacktheit schon früh in der Kunst dekoriert wurde. Mit den Jahren wurde sie roher, aber wenn man sich einen Rubens, Rembrandt oder irgendeinen Akt eines alten Meisters ansieht, dann sind sie so unterschiedlich, so verbessert, so verschönert. Ich glaube, sie alle haben mich auf verschiedene Art und Weise beeinflusst.

Vervollständige bitte folgenden Satz: Ein Leben ohne Fotografie wäre…
schrecklich! 

@mariotestino

Credits


Text: Agata Waleczek
Foto: Mario Testino über Nadine Dinter PR