Ein Einblick in die weibliche Skateboardszene Berlins

„Leise, lieb und nett funktioniert auf dem Skateboard nicht.“

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Jan. 9 2017, 10:35am

Nachdem wir euch letztes Jahr die internationalen Girl-Skatecrews vorgestellt haben, denen ihr auf Instagram folgen solltet, und mit der erst 17-jährigen Skateboarderin Josie Millard in Brighton unterwegs waren, fanden wir, dass es an der Zeit ist, Berlins Skateboaderinnen zu Wort kommen zu lassen. Dazu haben wir die regelmäßige i-D Fotografin Britta Burger losgeschickt, um auf den Straßen von Berlin die coolsten Girls für uns zu fotografieren. Britta ist vor circa einem Jahr von London nach Berlin gezogen und hatte in der britischen Hauptstadt eine enge Bindung zur Skateboardszene: „Ich hatte in London schon immer viel mit Skateboaderinnen zu tun. Ich mag diese Schnittstelle aus Subkultur, Style, Sport und Feminismus, und wollte herausfinden, ob es auch in Berlin eine Szene gibt. Die Skateboarderinnen habe ich in der Nähe ihrer Skatespots fotografiert, über ganz Berlin verstreut", erklärt sie. Wie Skateboarden die Welt verbessern kann und ob es überhaupt eine wirkliche weibliche Skateboaderszene in Berlin gibt, haben uns Erika, Linda, Luzie, Mitzi und Hannah erklärt. 

Erika

Was ist dein Lieblingsskatespot in Berlin?
Es gibt ein paar gute in der Nähe vom Hauptbahnhof und Gleisdreieck, aber normalerweise Feld, Dog Shit oder MBU.

Dein Lieblingstrick?
Momentan Backside Flips.

Was ist das Beste daran, Skateboarderin zu sein?
Skateboarden!

Kann Skateboarden die Welt verändern?
Skateboarden hat mich weltoffener, abenteuerlustiger, kreativer gemacht. Die Welt könnte von allen diesen Eigenschaften profitieren. Das ist auch die Grundidee hinter Projekten wie Skateistan, das ich schon seit Jahren unterstütze.

Bist du in die kreative Skateboardszene involviert? 
Ich bin Teil einer Crew aus Kanada, die das Skateboard/Motorrad Zine Idlewood herausbringt. Mit der Truppe machen wir auch einen jährlichen Skate/Motorrad-Trip, immer eine riesige Inspirationsquelle für mich. In Europa starte ich gerade mit ein paar Freunden das Projekt „&c", eine Art Kollektiv, aber auch Zine.

Gibt es eine weibliche Skateboardszene in Berlin?
Eindeutig, nur sehe ich nicht viele andere Skateboarderinnen. Ich skateboarde meistens mit meinen Nachbarn, Arbeitskollegen oder wer gerade am Spot ist. Meine Freunde Christian und Carla unterstützen mit ihrer Firma Ten viele Skateboarderinnen, das ist mein bisher bester Kontakt in die Berliner Skateboardszene.


Auch auf i-D: Eine Skateboarderin zeigt uns ihre Welt


Linda

Was machst du außer Skateboarden?
Arbeiten (Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung, Familienhilfe sowie verschiedene Projekte), sonst nicht viel.

Bist du in einem Team?
Ich freue mich sehr, Mitglied des Team Girls von Ten Skateboards zu sein.

Was macht für dich den Reiz des Skateboardens aus?
Zum einem besonders das kontinuierliche Überwinden von eigenen Grenzen, zum anderen bin ich wohl einfach nur süchtig nach dem Gefühl, auf dem Brett zu stehen.

Gibt es eine weibliche Skateboardszene in Berlin?
Es gibt schon irgendwie eine Szene, aber die ist sehr locker miteinander verbunden. In der Regel kennt man sich, aber tatsächlich komme ich auch immer wieder an Spots und sehe einige zum ersten Mal.

Was sind deine Lieblingsskatespots in Berlin?
Ich habe den Wassertorplatz sehr gemocht, aber der ist nun Geschichte. Ansonsten ist das Schöne an Berlin, dass man dort wegen der Größe immer wieder neue Spots entdeckt.

Was sind deine Lieblingstricks?
FS Boardslide in verschiedenen Variationen.

Broadly erklärt, warum es Frauen in der Skateboardszene immer noch schwerer haben.

Luzie

Wo sind deine Berliner Lieblingsskatespots?
Das Polendenkmal. Am Alexanderplatz kann man auch gut hinter dem Fernsehturm skaten.

Und dein Lieblingstrick?
Der Kickflip! Außerdem mache ich gerne No-Complys und FS Boardslides.

Was macht für dich den Reiz des Skateboardens aus?
Niemand schreibt mir vor, was ich zu tun und zu lassen habe. Alle Fortschritte und Erfolge gehen auf meine Kappe.

Was machst du außer Skateboarden?
Ich studiere Computerlinguistik an der Uni Potsdam, spiele Volleyball, gehe Schwimmen, mache Musik, und zwar spiele ich Klavier und Saxophon. Das Prinzip beim Lernen von einem Musikinstrument ist das gleiche wie beim Skateboarden: Ich komme nur mit viel Übung und Ausdauer voran.

Was würdest du als deinen größten Erfolg beim Skateboarden bezeichnen?
Der Kickflip. Als ich vor fünf Jahren mit dem Skateboarden angefangen habe, war der einzige Trick, den ich im Kopf hatte, der Kickflip. Von Tag eins an habe ich ihn geübt und geübt und geübt. Dabei konnte ich noch nicht einmal einen schönen Ollie, geschweige denn die anderen Basic Tricks. Ich habe mich so sehr festgebissen bei dem Kickflip, dass ich mich oft am Ende einer (kickfliplosen) Session gefragt habe, wozu ich das Ganze überhaupt mache. Ich habe circa ein Jahr gebraucht, um meinen ersten Kickflip zu landen. Mindestens ein weiteres, um ihn sicher zu stehen. Als ich den Kickflip nun also konnte, beschloss ich, mich nie wieder so sehr auf einen einzigen Trick zu fokussieren. Es geht beim Skateboarden um das Individuum, die Kreativität, den Style, den Spaß.

Wie ist die weibliche Skateboardszene in Berlin?
In Berlin gibt es auf jeden Fall eine weibliche Skateboardszene und die ist in den letzten Jahren gewachsen. Allzu aktiv würde ich sie trotzdem nicht nennen. Das könnte auch daran liegen, dass Berlin ziemlich groß ist und die meisten keine Lust haben, ans andere Ende der Stadt zu fahren, um dort mit anderen Frauen zu skateboarden, wo sie doch zehn Minuten um die Ecke ihren Local Park haben. So ist es zumindest bei mir.

Kann Skateboarden die Welt verbessern?
Ja, auf jeden Fall. Vom feministischen Aspekt über das entspannte Zusammenkommen am Wochenende bis hin zum Skateboarden in Entwicklungsländern (Skateistan, SkatePAL, ... ): Skateboarden hat das Potenzial, überall Freude zu verbreiten und die Menschen unabhängig von Herkunft, Alter, Aussehen und Geschlecht zusammenzubringen.

Mitzi

Wo skateboardest du in Berlin am liebsten?
Die Bowl im Gleispark, der Weichselplatz am Maybachufer, der Dog-Shit an der Warschauer Brücke und der Spot am Heidelberger Platz

Was machst du außer Skateboarden?
Als Content Managerin lohnarbeiten, an meinem Skate-Blog und beim Skatenetzwerk Skate Girls Berlin arbeiten, zeichnen, programmieren lernen, reisen, manchmal auch schlafen und Trash-TV gucken.

Bist du in einem Team?
Mit 20 hatte ich eine Boys Crew. Wir haben alles zusammen gemacht: skateboarden, essen, feiern. Das Crew-Feeling bekomme ich langsam bei den „Skate Girls Berlin". Es macht als Gruppe viel mehr Spaß. Mein größter Erfolg ist wohl, dass ich immer noch skateboarde, obwohl ich es schon zwei Mal abgeschrieben habe. Einmal fand ich, dass es nicht zur Karriere passt, einmal weil ich einen Kreuzbandriss nicht noch mal riskieren wollte.

Was reizt dich am Skateboarden?
Es ist ein Gefühl von Freiheit auf ganz vielen Ebenen. Sich fortzubewegen, sofort eine Gemeinsamkeit mit anderen Menschen zu haben, das Skateboarden mit Kunst und Musik zu verbinden. Und mich von meiner Sozialisation als Frau zu befreien. Leise, lieb und nett funktioniert auf dem Skateboard nicht.

Gibt es eine weibliche Skateboardszene in Berlin?
Es gibt auf jeden Fall Frauen, die skateboarden. Die Szene ist sehr klein und wenig vernetzt. Das liegt vielleicht auch an der Weitläufigkeit von Berlin. Es gibt aber immer wieder Versuche, mit Workshops, Contests und Skateboard-Sessions etwas zu bewegen. Es entwickelt sich langsam.

Kann Skateboarden die Welt verändern?
Mindestens die Welt einer einzelnen Person.

@aboutaboard
@skategirlsberlin

Hannah

Wo skateboardest du am liebsten in Berlin?
Die Holzbowl in der Skatehalle, ein kleiner Spot im Görlitzer Park, der neue DSS Park unter der Brücke, allerdings eher zum Zuschauen.

Und was ist dein Lieblingstrick?
Ein Steazy Frontside Rock. Da bleibt für mich die Zeit stehen.

Was macht den Reiz des Skateboardens aus?
Sogar an einem Horrortag geht es mir danach besser. Skateboarden ist wie ein Freund, der immer da ist, und es hat mir die Türen zur Welt geöffnet: zum Dschungel in Kambodscha, nach Johannesburg und in die kalifornische Wüste.

Verändert Skateboarden die Welt?
Bei meiner Arbeit geht es oft darum, Skateboardinnen zu pushen, um Geschlechterstereotypen zu hinterfragen. Wenn Skateboarderinnen in den Medien sind, bedeutet das weniger unrealistische Beauty-Standards und mehr ehrliche und inspirierende Inhalte. Und egal, ob es darum geht, Communitys in Kriegsgebieten mit Skateboardprojekten zu helfen oder das Selbstbewusstsein europäischer Mädchen zu stärken, Skateboarden kann einen Unterschied machen. Also ja, es verändert die Welt.

Erzähle uns von den Skateboardprojekten, auf die du besonders stolz bist.
Ich hatte im Sommer meine erste Soloshow, „Skate Stories" mit Lomography in London. Vier Jahre Skateboardfotografie, die die weibliche Skateboardszene, hauptsächlich in Großbritannien, dokumentiert. Das Timing war gut, momentan ist das Interesse an Frauen, die skateboarden, sehr groß. Mit meiner Firma Tie Dye High Five habe ich an einer Limited-Edition-Kollaboration mit Lovenskate gearbeitet: 30 exklusive, handgefärbte, handbedruckte, bunte Skatedecks, die glücklich machen sollen.

@neonstash
@freelifemag
@tiedyehighfiv

Credits


Fotos: Britta Burger