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gesprächsfetzen sind die beste alltagsphilosophie

Das Leben schreibt bekanntlich die besten Geschichten - die Illustratorin Silvie Bomhard schreibt immer mit.

von Lisa Leinen
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08 November 2016, 11:45am

Vor einem halben Jahr hat sich Silvie Bomhard als Graphikdesignerin selbstständig gemacht, ihr Instagram-Account @love.kram war damals eher als persönliches Notizbuch gedacht, erreicht aber mittlerweile über 5.000 Follower. Darauf postet sie lustige, romantische oder absurde Dialog- und Gesprächsfetzen, die jedem irgendwie vertraut und dennoch fast philosophisch erscheinen. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt und sie gebeten, uns einige der Geschichten genauer zu erzählen. 

Ich wohne im Hamburger Univiertel. Dort laufen mir fast jeden Tag großartige Geschichten über den Weg. Im Sommer saß ich in einem Café, neben mir unterhielten sich zwei Mädels über eine Party, die am Wochenende stattgefunden hatte. Dabei fiel dieser Satz, den ich sehr lustig fand. Welches Mädchen mag keine Zaubertricks?

Du illustrierst Hamburger Alltagssituationen—wie kam dir die Idee dazu?
Ich hatte meinen Job gekündigt, und war dann in so einer Phase, in der ich viel darüber nachgedacht habe, was ich überhaupt machen will im Leben, eine klassische Orientierungsphase also. Dementsprechend hatte ich viel Zeit, um durch die Straßen zu flanieren oder im Café zu verweilen. Irgendwie war ich also immer unter Menschen, unter irgendwann hab ich angefangen, zuzuhören. Eines Abends saß ich wieder irgendwo und jemand um mich herum hat etwas ganz komisches gesagt und ich dachte nur: Warum hält das eigentlich niemand fest? Das ist viel zu schade ... Und dann hab ich angefangen, die einzelnen Sätze oder kurzen Dialoge in kleine Illustrationen zu verwandeln. Denn viele davon sind wirklich fast philosophisch! Am Anfang war es eher ein persönliches Projekt, das dann aber sehr schnell gewachsen ist, weil immer mehr Leute mehr Geschichten hören und sehen wollten.

Schicken dir die Leute auch ihre kurzen Geschichten?
Ja! Ich bitte auch die Leute darum ... Ich arbeite jetzt wieder mehr und habe leider nicht mehr die Zeit, den ganzen Tag und den ganzen Abend in der Stadt zu verbringen. [Lacht] Und deswegen bin ich auch so ein bisschen darauf angewiesen—es kommen mittlerweile echt krasse Perlen bei mir an.

Diesen Satz habe nicht ich gehört, sondern er wurde mir zugeschickt. Die Geschichte dazu: Die Frau stand vor einem Copyshop. Zwei Punks laufen vorbei. Der eine zählt auf, wo man sich aktuell überall politisch engagieren müsse, der andere stöhnt und sagt: Eigentlich hat man gar keine Zeit mehr, verliebt zu sein …

Der Sommer war ziemlich schön in Hamburg. Während meiner Mittagspause bin ich an einer Gruppe von Männern in Anzügen vorbeigegangen, sie saßen in der Sonne und aßen Currywurst. Ein Mann stieß dazu und war sichtlich erfreut, einen alten Freund zu treffen. Er wollte sich sofort verabreden. Der andere klagte jedoch über immensen Freizeitstress und fasste es mit diesem Satz zusammen.

Haben sich schon mal Leute auf deinem Account wiedererkannt und dich angeschrieben? Wie waren und sind die Reaktionen?
So explizit bisher noch nicht, was aber manchmal der Fall ist, ist, dass die Leute unter dem Post kommentieren und Freunde verlinken und fragen: „Waren wir das?" Aber das ist eher im Scherz, jedenfalls hat sich bis jetzt noch niemand beschwert, und das versuche ich auch zu vermeiden, ich bin da schon vorsichtig. Mir ist bewusst, dass ich irgendwie in das Leben der Leute reinhorche, und ich will mich da ja nicht dran bedienen wie an so einem Kreuzfahrt-Büffet.

Was war die schönste Situation, in die du als stille Zuhörerin geraten bist? Welche Konversation ist dir besonders im Kopf geblieben?
Ich glaube, meine liebsten Sätze drehen sich immer um Liebe und Beziehungen, da sind die Leute immer besonders ehrlich und schonungslos und kreativ. Das Gespräch mit der besten Freundin kennen wir doch alle, oder? Und Kinder, Kinder sind großartig. Die sagen einfach, was sie denken, und dabei entstehen dann die witzigsten Sätze.

Ich stand eines morgens an der Ampel, als ich dieses Gespräch mitbekam. Eine Mama und ihre kleine Tochter waren auf dem Weg in den Kindergarten. Die Mama war sichtlich gestresst und wollte, dass ihre Tochter sich beeilte. Die kleine Madame sah das aber überhaupt nicht ein und ließ sich gar nicht aus der Ruhe bringen.

Steckt hinter manchen der ausgewählten Situationen eine Gesellschaftskritik? Oder ist der Account nur zur Unterhaltung gedacht?
Mein primäres Ziel ist tatsächlich die alltägliche Unterhaltung. Ich bin glücklich, wenn ich daran denke, dass meine Follower morgens auf ihr Handy schauen und kurz schmunzeln müssen. Aber natürlich unterhalten sich die Menschen über gesellschaftskritische Themen und Situationen, und wenn ich das aufschreibe und festhalte, übe ich sie indirekt natürlich auch aus. Das passiert dann eben so nebenbei ... auf den zweiten Blick ...

Wenn wir schon beim Thema Social Media sind: Welchen Einfluss haben die Sozialen Medien auf dich und deine Arbeit?
Es hat sich dort so eine Community zusammengefunden, die mich jeden Tag aufs Neue überrascht. Es gibt Leute, die regelmäßig kommentieren und mir schreiben, das gibt mir ein gutes Gefühl, also diese Art von Verbundenheit in einem unverbindlichem Medium. Und natürlich schnappe ich oft Gespräche über Soziale Medien auf, die sind einfach mittlerweile so ein großer Teil unseres Lebens. 

Ich war nach der Arbeit kurz was essen und am Nachbartisch saßen zwei junge Männer. Ein dritter Mann kam dazu, den einer der beiden kannte. Als sich die beiden Unbekannten vorgestellt wurden, brachte einer diesen Spruch. Es war typisches Platzhirschgehabe und ich musste sehr schmunzeln. Der Pullover von dem die Rede ist sah übrigens nicht so aus, wie auf der Illustration.

@love.kram

Credits


Text: Lisa Leinen
Foto: via Instagram