shigeo anzaï dokumentierte die japanische kunstszene der nachkriegszeit

Die Arbeiten des japanischen Fotografen halten einen besonderen Moment in der Geschichte des asiatischen Landes fest, in dem durch politische Umbrüche neue künstlerische Ausdrucksformen möglich wurden.

von Felix Petty
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25 November 2015, 2:30pm

Die Nachkriegskunst Japans erfährt momentan eine Neubewertung. Galerien wie Pace, Lisson, Blum&Poe und Taka Ishii zeigten dieses Jahr Einzelausstellungen mit Werken von einigen der größten Namen der japanischen Kunstszene, einschließlich Lee Ufan und Kishio Suga. Koki Tanaka wurde von der Deutschen Bank im März als „Künstler des Jahres" ausgezeichnet und der Künstler bildete die zehnte Tokio-Biennale von 1970 nach, auf der unter anderem Konzeptkünstler Richard Serra, Carl Andre und Daniel Buren zahlreiche ihrer einflussreichen Arbeiten präsentierten. Da viele der Kunstwerke vernichtet wurden, sind die Bilder von Fotograf Shigeo Anzaï die einzigen Dokumente, die die Entstehung und Existenz vieler japanischer Kunstwerke festhielten.

Shigeo Anzaï begann in den Sechzigern als Maler, als das Nachkriegswirtschaftswunder in Japan einsetzte. Er wandte sich jedoch schnell der Fotografie zu und fing die Kreativität ein, die in den späten 60ern durch Tokio wehte, besser bekannt unter der Sammelbezeichnung Mono-ha. Diese lose Künstlergruppe verband ähnliche Themen und Stile und war kein organisiertes Künstlerkollektiv. 

Shigeo Anzai, Jannis Kounellis, The 10th Tokyo Biennale '70 -- Between Man and Matter, Tokyo Metropolitan Art Museum. Mai, 1970.

Wie ein Großteil der damaligen Kunst wurden viele Arbeiten durch die Proteste gegen den Vietnamkrieg und den allgemeinen politischen Umbruch politisch inspiriert. Die USA hatten in Japan eine Militärbasis. Der Mona-ha-Stil war antimodernistisch und war gekennzeichnet von natürlichen Formen und Materialien: Steine, Hölzer und Metall. Nach Ausstellungsende wurden die jeweiligen Arbeiten meistens zerstört. Der Markt für Mono-ha-Kunst war klein, es gab wenige Käufer und die Künstler konnten ihre Arbeiten auch nicht aufbewahren, die Bewegung wäre in den Untiefen der Kunstgeschichte verschwunden, gäbe es nicht die Fotos von Shigeo Anzaï. Sie fangen die Turbulenzen der damaligen Zeit und die Schönheit der Arbeiten ein, ehe sie für immer verschwanden. Die Schwarz-weiß-Bilder dokumentieren nicht nur die Kunstwerke, sondern auch den Schaffensprozess und den Ausstellungsbetrieb. Wir trafen den Fotografen und sprachen mit ihm über seine Fotografie und sein Leben. 

Shigeo Anzai, Christo, The 10th Tokyo Biennale '70 — Between Man and Matter, Tokyo Metropolitan Art Museum. Mai, 1970.

Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Ich begann als Maler. In einem Laden neben dem Gebäude, in dem ich die Kinder unterrichtete, hat mich eine Kamera wie magisch angezogen. Irgendwas hatte diese Kamera, dass ich sie kaufen musste und dann musste ich Bilder machen. Zu der Zeit wurde mein altes Atelier abgerissen und es gab keinen Ort, um meine Arbeit fortzusetzen.

Ich war oft in der Tamura Gallery. Sie hat der Öffentlichkeit die Mono-ha-Bewegung zugänglich gemacht; eine Anerkennung, die ihr endlich zu Teil wird. Dort traf ich viele Mitglieder der Bewegung. Der minimalistische Maler Lee Ufan aus Korea gehörte auch dazu. Als wir uns unterhalten haben, gab er mir den Rat, dass ich mit dem Fotografieren solange weitermachen soll, bis ich weiß, was ich machen möchte.

Shigeo Anzai, Kishio Suga, Trends in Contemporary Art, National Museum of Modern Art, Kyoto. Juli 6, 1970. 

Haben Ihre früheren Werke als Maler Ihren Zugang zur Fotografie beeinflusst?
Ich wurde von den Künstlern der Mono-ha-Bewegung beeinflusst, die von den vorherrschenden Kunstrichtungen in den 60ern wegwollten. Sie wollten einen neuen Ausdruck mit ihren eigenen Händen schaffen.

Mich trieb Empathie dafür an, was diese Künstler taten, und wie sie zu ihren Ergebnissen kamen. Ich wollte ihre Experimente dokumentieren, auch wenn die endgültigen Bilder keinen Fokus haben oder Einzelaufnahmen sind. Wenn es die Bilder nicht geben würde, wären die Arbeiten verloren.

Zu fotografieren war meine natürliche Reaktion auf meine Umgebung. Glücklicherweise hatte ich eine eigene Kamera. Ich habe intuitiv den Auslöser gedrückt, wenn ich eine persönliche Bindung gespürt habe.

Shigeo Anzai, Kishio Suga, Trends in Contemporary Art, National Museum of Modern Art, Kyoto. Juli 6, 1970. 

Waren Sie sich der Bedeutung dessen, was vor Ihrer Linse haben, bewusst?
Ja, natürlich. Ich fand alles sehr aufregend.

Bei The Creator's Project erfährst du mehr über die Arbeiten von Julie Watai, die in ihren Bildern den Sex-Appeal von Japans Popkultur versammelt.

Sie haben ein Jahr lang die New Yorker Kunstszene fotografiert. Wie war das und worin unterscheidet sich New York von Tokio?
1978 fand in Tokio ein internationales Videokunstfestival statt. Ich traf Bill Viola und andere Leute aus dieser Szene. Später war ich in New York, ich hatte mich für ein Stipendium eines Austauschprogramms beworben. Ich sollte darüber berichten, was in Japan passiert. Gleichzeitig wurde ich aber auch zum Beobachter der zeitgenössischen Kunstszene in den USA. Dank Bill habe ich viele wichtige Orte, Galerien und Künstler kennengelernt, die dann zu Freunden wurden. Während meiner Zeit in New York unterstützte er mich. Als ich wieder in Japan war, erhielt Bill ein Stipendium, um in Japan zu leben. Über drei Jahre standen wir immer wieder in Kontakt.

Shigeo Anzai, Koji Enokura, The 10th Contemporary Exhibition of Japan 1971, Tokyo Metropolitan Art Museum. May, 1971. 

Haben Sie ein Lieblingsfoto? Oder Lieblingserinnerungen? Welches Bild bedeutet Ihnen am meisten?
Es gibt zu viele Erinnerungen. An eine erinnere ich mich besonders gerne: Ich fuhr mit Nobuo Sekine für seine Ausstellung nach Kopenhagen und meldete mich bei Barry Flanagan, der mein einziger Kontakt in London war. Durch ihn traf ich dann Michael Craig-Martin, Bruce McLean, Tony Stokes, Nice Style und Gilbert & George. Mich hat die britische Kunstszene mit ihrem feinen Sinn für Ironie bewegt, das war etwas Neues für mich.

Shigeo Anzaï: Index I ist noch bis zum 23. Januar 2016 in der Londoner White Rainbow Gallery zu sehen.

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Credits


Text Felix Petty
Photography courtesy the artist and White Rainbow, London
Main image  Richard Serra, The 10th Tokyo Biennale 70 -- Between Man and Matter, Tokyo Metropolitan Art Museum. May, 1970.

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