wie hollywood mit haaren und rollenklischees spielt

Nur über 60-jährige Frauen haben graue Haare, nur verrückte Frauen haben bunte Haare, nur introvertierte Frauen tragen kurze Frisuren und beinahe alle Frauen, egal ob verrückt, introvertiert, begehrt oder alt, haben rasierte Achseln.

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Juni 23 2017, 9:23am

Diese Woche steht ganz im Zeichen von Haaren. In unserer i-D Hair Week erkunden wir, wie Haare eine Konversation über Identität, Kultur und Gesellschaft starten.

Als Gal Gadot im letzten Wonder-Woman-Trailer ihre Arme hob, um zum Kampf anzusetzen, zog nicht etwa ihr beeindruckender Bizeps alle Aufmerksamkeit auf sich. Nein, es waren ihre glatt rasierten Achseln, die eine Debatte auf Twitter auslösten: Wonder Woman, die auf einer abgeschiedenen Amazoneninsel aufgewachsen ist, kann nicht den patriarchalischen Schönheitsidealen unterliegen; Wonder Woman, eine Superheldin mit der Mission, die Welt zu retten, hat keine Zeit, sich morgens die Achseln zu rasieren. Natürlich geht es in der Diskussion nicht nur um Wonder Woman und Logik. Die Empörung ist eine Reaktion auf den allgemeinen Zustand in Hollywood, in dem Frauenkörper abgesehen vom Kopf fast ausnahmslos haarlos zu sehen sind — und zwar bis zum heutigen Tag.

Haare, ob lang, kurz, bunt, auf dem Kopf oder unter den Achseln, haben schon immer eine wichtige Rolle in der Filmgeschichte gespielt. Nicht selten haben sie zu Empörung, Debatten über Stereotype, Diskussionen über Schönheitsideale oder Wellen an Friseurbesuchen geführt. Immerhin ist das, was wir auf der Kinoleinwand sehen, nicht nur ein Abbild unserer gegenwärtigen Kultur, es nimmt auch unterbewusst Einfluss darauf, wie wir unsere Ideale, Werte und Trends formen. 

Auch auf i-D: Aktivistin Grace Neutral war für uns in Brasilien, um sich ein Bild davon zu machen, wie sehr Frau dort unter dem Druck stehen, den perfekten Körper und lange Haare zu haben

So ist es nicht verwunderlich, dass Kurzhaarschnitte immer noch an Frauen gezeigt werden, die als psychisch labil beschrieben werden. Wynona Rider in Girl, Interrupted ist eines der berühmtesten Beispiele (1998). Als Susanna Kaysen spielte sie eine suizidgefährdete Psychiatriepatientin, die ihren Zustand verleugnet. Ebenso, wenn auch in abgeschwächter Form, präsentierte Audrey Tautou in Amélie (2001) das Bild eines sozialphobisches, naiv liebenswerten Mädchens. Zweifelsohne wirkten auch hier die kurzen Haare auf die Darstellung des Charakters ein.

Unzählige andere Beispiele (Clueless, Rosemary's Baby, The Royal Tenenbaums, ...) scheinen in die gleiche banale Vorstellung von Hollywood einzuspielen: Überspitzt gesagt sind nur introvertierte Personen verrückt genug, sich die Haare abzuschneiden und in die Missgunst der Männer zu fallen. Dem gegenüber steht der klassische Moment, den Hollywood gerne benutzt, um das weibliche Objekt der Begierde vorzustellen: die berühmte Szene, in der die schöne Frau ihre langen Haare schüttelt oder diese über die Schulter wirft, oft mit einer aufregend-rockigen Musik unterlegt. Natürlich funktioniert das nur mit einer vollen Mähne, und natürlich beeindruckt es die Männer immer immens und lässt sie erstarren.

So wie labile Frauen kurze Haare tragen, so haben durchgeknallte oder träumerische Frauen oft bunte. Kate Winslet spielt in Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) den unbefangenen, intensiven Freigeist Clementine Kruczynski, der sich unsterblich in Joel Barish verliebt. Ihre ständig wechselnde Haarfarbe wird vom ersten Moment der Begegnung thematisiert und ist sehr bezeichnend für ihren Charakter. Auch wenn die Assoziation beinah lieblos ist, entscheiden sich Rollen, die nicht in die Norm passen, häufig für eine abnorme Haarfarbe.

Und selbst wenn man auf die natürlichen Haarfarben blickt, gibt es große Unterschiede. Olivia Wilde betont in einem Interview den plötzlichen Unterschied an Rollenangeboten, nachdem sie ihre blonden Haare braun gefärbt hatte. Während sie vorher noch "the really pretty girl" oder "the sexy hot chick" war (außer in O.C. Calfiornia, wo sie das punkige Mädchen mit der lila Haarsträhne spielte), kamen als Brünette auf einmal die Rollen als Doktor oder leidende Kellnerin reingeflattert. Schwer zu glauben ist das nicht, wenn man seit ein paar Jahrzehnten Filme schaut.

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele und zahlreiche Filme, in denen die Rollenklischees nicht erfüllt werden. Man denke nur an die beiden kurzhaarigen Bondgirls Grace Jones in A View to a Kill (1985) und Halle Berry in Die Antother Day (2002). Während der Großteil aller Bondgirls mit langen Mähnen erschienen, wechselten Jones und Berry die Ansicht auf den beinahe nervigen Sexappeal einer langen Mähne. Mitte der Neunziger wendete Uma Thurman das Blatt, indem sie als Mia Wallace in Pulp Fiction (1994) dem kurzen Bob einen unerschöpflichen Coolnessfaktor zurückgab, der bis heute imitiert wird. Lola rennt oder The Fifth Element gaben Rotschöpfen viele positive Assoziationen. 

Erst kürzlich sah man die immer blonde, vom Jugendwahn gestreifte Nicole Kidman auf dem Cannes Film Festival in der neuen Top-of-the-Lake-Staffel zum ersten Mal in einem natürlichen, wundervollen Grauton. Ihre graue Mähne an sich scheint nicht revolutionär zu sein, doch sehen wir solche Momente viel zu selten. Nur über 60-jährige Frauen haben graue Haare, nur verrückte Frauen haben bunte Haare, nur introvertierte Frauen tragen kurze Frisuren und beinahe alle Frauen, egal ob verrückt, introvertiert, begehrt oder alt, haben rasierte Achseln. Auch Wonder Woman passt einwandfrei in das vorherrschende Schönheitsideal für Frauen.

Wie die Debatte um Wonder Womans Achseln ausgesehen hätte, wenn sie unrasiert gewesen wären, ist halbwegs klar: Sie wäre weit über Twitter und einen feministischen Diskussionskreis hinausgegangen. Dass inzwischen aber immerhin öffentliche Diskurse auf diese Weise ausgelöst werden und die Empörung genau in die entgegengesetzte Richtung funktioniert, ist ein gutes Zeichen. Der Anfang ist gemacht. Nun muss Hollywood nur noch anfangen, nicht nur das Klischeedenken der Masse abzubilden, sondern schon jetzt versuchen, es auch zu formen.

Credits


Text: Viola Funk 
Fotos: Imago