diese fotografin hat männer auf tinder gefragt, was sie an ihr schön und hässlich finden

Eylül Aslan hat sich in ihrem neuen Projekt mit den Grenzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinandergesetzt. Dafür hat sie 20 Fremde gebeten, sich mehr mit ihrem und ihrem eigenen Körper zu beschäftigen. Ihre Erkenntnisse hat die Künstlerin in...

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Juni 27 2017, 10:56am

Eylül Aslan ist einer dieser Menschen, die Tinder relativ spät für sich entdeckt haben — und das auf eine andere Weise, als du jetzt vielleicht vermutest. Anstatt wahllos ein Tinder-Date nach dem anderen zu treffen, hat sich die in Berlin lebende Türkin dazu entschlossen, aus ihren Matches ein Kunstprojekt zu entwickeln.

Ihr ist aufgefallen, dass sich viele der Männer nach einem ganz bestimmten Muster darstellen. "Wenn ein Typ seine Arme besonders toll findet, greift er auf seinem Foto zum Beispiel nach einem Buch im Regal, damit du seine Muskeln besonders gut siehst", erklärt Eylül. Um diesen Beobachtungen auf den Grund zu gehen, hat sie 20 ihrer Matches getroffen und gebeten, die Teile ihres Körpers zu nennen, die sie am meisten und am wenigsten an sich selbst mögen — im Gegenzug sollten sie die gleiche Frage auch in Bezug auf Eylül beantworten. Ihre Erfahrungen hat die Fotografin nun in ihrem neuen Bildband Trompe L'Oeil festgehalten und uns im Interview verraten, was sie über ihren eigenen Körper gelernt hat, was es mit der wechselseitigen Wahrnehmung von Schönheit auf sich hat und warum unsere Augen tatsächlich so oft getäuscht werden. 

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Die meisten von uns haben mit Sicherheit schon das ein oder andere komische Tinder-Date erlebt. Was war für dich der merkwürdigste Moment während des Projekts?
Bei den ersten Treffen hatte ich meine Absichten noch nicht in mein Tinder-Profil geschrieben, also habe ich dem erst Kerl erst während unseres ersten Dates erzählt, was meine Intention war. Daraufhin ist er plötzlich richtig wütend und gemein geworden und hat mir vorgeworfen, ich hätte ihn verarscht, dann ist er einfach abgehauen. Komisch wurde es aber auch mit den Männern, die ich attraktiv fand, weil ich normalerweise nur Frauen fotografiere. Es herrschte in dem einen oder anderen Moment schon eine Art sexuelle Spannung.

Welche Teile deines Körpers wurden am häufigsten von den Männern genannt?
Es kamen die unterschiedlichsten Antworten. Drei Typen haben meinen Arsch wirklich toll gefunden, mein Gesicht wurde aber auch relativ oft genannt. Die Körperteile, die sie aber am wenigsten mochten, waren dafür viel unterschiedlicher: Alle 20 Männer haben etwas anderes gesagt. Ein Typ hat meine Lippen nicht gemocht, weil sie so dünn sind, ein anderer mochte das wiederum. Der andere hat meine Stirn als zu klein empfunden. Wiederum ein anderer hat meinen Ellenbogen genannt. Schönheit liegt tatsächlich im Auge des Betrachters — und das ist mir durch dieses Projekt noch klarer geworden.

Würdest du sagen, die Antworten stimmen mit deiner eigener Körperwahrnehmung überein?
Ehrlich gesagt ja. Auch wenn ich dazu sagen muss, dass es eine Weile gedauert hat, bis ich mein komplettes Gesicht als schön empfunden habe. Interessanterweise war es mir völlig egal, wenn die Männer ein Körperteil, das ich wirklich an mir mag, als hässlich empfunden haben. Als hingegen Antworten kamen wie "Ich mag dein kleines Doppelkinn nicht" — das ich selbst auch nicht wirklich mag —, war das etwas komplett anderes. Ich war beinahe traurig, dass es anderen Menschen genauso auffällt wie mir. Es hat mich wirklich sehr verletzt, gleichzeitig waren sie das in diesem Moment aber auch. Also war es nur fair, mich in dieses Projekt miteinzubeziehen.

Warum trägt dein Buch den Titel Trompe L'Oeil, was so viel wie Täuschung des Auges bedeutet?
Das ganze Projekt ist aus einer sehr visuellen Betrachtungsweise heraus entstanden: Wie kannst du jemanden über einen Bildschirm davon überzeugen, Interesse an dir zu haben? Dabei wirst du eigentlich ausgetrickst, weil viele der Typen, die ich getroffen habe, online ganz anders ausgesehen haben oder wirklich komisch oder unhöflich im echten Leben waren. Zwar helfen dir deine Augen, aber gleichzeitig tricksen sie dich auch aus. Deswegen hat der Name auch so gut gepasst, weil Trompe-l'œil auch eine bestimmte Kunstform ist, bei der man Dinge so aussehen lässt, wie sie eigentlich gar nicht sind.

Was hast du rückblickend über dich selbst und deinen Körper gelernt?
Nach dem Projekt mag ich mich selbst tatsächlich viel mehr. Ich wusste zwar tief in mir drin, dass Schönheit sehr subjektiv wahrgenommen wird, aber ich hätte nie gedacht, dass es sich wie ein Zitat aus einem Film anhört: Akzeptiere und liebe dich einfach. Es geht nicht um die Zustimmung der anderen, sondern wie du mit dir selbst zurechtkommst. Auch wenn ich das vorher vielleicht schon wusste, haben mir die Männer das noch einmal gezeigt.

Schönheit ist etwas sehr Subjektives. Was macht sie für dich gerade aus?
Ich habe wirklich viele Bücher darüber gelesen und herausgefunden, dass ein durchschnittlich schöner Mensch als attraktivster angesehen wird. Wenn du anders aussiehst als der Durchschnitt, kreierst du damit zwar einen interessanten Look, trotzdem ist es nicht das, was man erwartet. Mit dem Alter habe ich gelernt, dass Schönheit von innen kommt — auch wenn das jetzt sehr kitschig klingen mag. Im Grunde genommen glaube ich, dass es dabei um uns selbst und um unsere Beziehung zu uns selbst geht.

@eyluelaslan

Am 29. Juni findet der Book-Launch von "Trompe L'Oeil" in der Blogfabrik statt. Mehr Infos dazu findest du hier.  

Credits


Text: Juule Kay
Fotos: Eylül Aslan