Diese Kurzgeschichten bringen dich durch den Weihnachtsstress

Angeblich handelt es sich ja bei der Adventszeit um die besinnlichste Zeit des Jahres. Doch statt Lichtern in den Bäumen flackert bloß die Leuchtreklame, statt gemütlichem Beisammensein wird über den Weihnachtsmarkt gedrängelt, statt Tee und Plätzchen...

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07 Dezember 2016, 1:20pm

Babys machen, Laurie Penny
Laurie Penny hat sich mit ihren Essay-Bänden Unsagbare Dinge und Fleischmarkt völlig zurecht einen Namen gemacht. Babys machen ist ihr erstes fiktionales Werk. Wie auch schon bei ihren vorherigen Veröffentlichungen ziehen sich Feminismus und Gesellschaftskritik durch diese zehn Kurzgeschichten. Penny webt ein Geflecht aus Utopien und Dystopien, verschiebt und abstrahiert die Wirklichkeit, die wir immer noch als die unsere erkennen können. Uns erwarten Roboterbabys mit Snooze-Funktion, Katzen-Videos als staatlich gesteuerte Gehirnwäsche, eine im Himmel verortete Telefonseelsorge und Serienmord als Kunstform. Ein weirdes, bissiges, politisch aufgeladenes Potpourri, das nicht nur artifiziell wirkt, sondern auch ist—im allerbesten Sinne.

Unterm Lagerfeuer, Nickolas Butler
Geschichten, die Namen wie Die Kettensägen-Soiree, Regenwasser oder Rohes Öl tragen, lassen bereits auf eine gewisse Naturbezogenheit schließen. Nickolas Butler ließ schon in seinem großartigen Roman Shotgun Lovesongs das ländliche Amerika die Hauptrolle einnehmen. Die großen Themen: Freundschaft, Familie, Heimat. Klar, das sind Themen, die immer und überall in der Literatur zu finden sind. Doch Butler schafft es, sie sprachlich so zärtlich und rau in seine Erzählungen einzubetten, wie der Mittlere Westen der USA es selbst ist. Ein rituelles Zusammentreffen von Freunden im Nirgendwo, ein alter Mann und ein kleiner Junge, die in einer Hütte auf Tochter und Mutter warten, die Wiedervereinigung zweier Kumpels auf einem Pilztrip, die Entführung eines Ölkonzern-Vorsitzenden und vieles, vieles mehr. Die Menschen, die uns begegnen, könnten unterschiedlicher nicht sein, sind jedoch verbunden durch tiefe menschliche Sehnsüchte und dem Land, auf dem sie wandeln. Die Stories in Unterm Lagerfeuer sind melancholisch und von schlichter Schönheit.

Zehn Wahrheiten, Miranda July
Zehn Wahrheiten von Miranda July umfasst viel mehr als nur zehn Wahrheiten. In 16 Geschichten erzählt die Autorin vom Innenleben der Frauen—von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt werden alle Eventualitäten, zig mögliche Wahrheiten, im Kopf abgewogen. Die Handlung ist sehr zurückgenommen, bietet bloß die Ausgangssituation für ein weiteres gedankliches Szenario—nie zufrieden sein im schier endlosen Meer der Möglichkeiten. Die Charaktere sind sonderbare, nicht immer sympathische Gestalten. Doch wer kann das Gegenteil von sich behaupten? July ist eine Tausendsasserin: Sie ist Schriftstellerin, Filmemacherin, Künstlerin. Sie gibt sich nicht mit dem einen Weg zufrieden. Es gibt nicht den einen Weg. Es gibt nicht die eine Wahrheit. Das hatten wir natürlich schon vorher geahnt. Aber sprachlich so wundervoll pointiert und trotz aller Ernsthaftigkeit so herrlich komisch, wie bei Miranda July, kommt es in den seltensten Fällen vor.

Nirvana, Adam Johnson
Nirvana ist nicht das, was man ein Feel-good-Buch nennen würde. Vielleicht eher ein Feel-tense-Buch. Denn intensiv ist es definitiv. Der Pulitzer-Preisträger Adam Johnson schildert beklemmende Lebenssituationen, erzählt von Personen, die sich in einem Nirwana befinden. Nicht tot, nein. Aber auf die eine oder andere Weise bewegungsunfähig, von ihrer Wirklichkeit als Geisel gehalten; in ihrem Körper, in ihrem Ich, in ihrer Vergangenheit und Zukunft. Hier geht es weniger um die Lösung zu einem Umstand, denn um eine Erlösung aus jenem. Und wer bei dem Titel gedacht hat, es könne irgendetwas mit der Band zu tun haben, der täuscht sich nicht: Neben vielen anderen begegnen wir auch Kurt Cobain (in Form eines digitalen Geistes). Der Autor braucht keine schnörkeligen Umschreibungen, um Stimmung zu vermitteln. Die Empathie für seine fragilen Figuren schwingt im ruhigen Ton dieser teils futuristisch angehauchten Erzählungen mit. Leser, die sich auch gerne mal inhaltlich unbequemerer Literatur annehmen, ist Adam Johnsons Nirvana wärmstens ans Herz zu legen.

Was ich sonst noch verpasst habe, Lucia Berlin
Noch nie von Lucia Berlin gehört? Liegt vielleicht daran, dass 1960, als sie 24 war, ihre für zwei Jahrzehnte einzige Erzählung veröffentlicht wurde. Danach hat sie viele Berufe bekleidet: Sie war Putzfrau, Telefonistin, Krankenschwester, Lehrerin, und nicht zuletzt alkoholkranke, alleinerziehende Mutter von vier Söhnen. Ab den 80ern erschienen vereinzelt Erzählungen, doch sie blieb unter dem Radar und war lange Zeit ein Geheimtipp. Dieses Jahr erschien dann Was ich sonst noch verpasst habe, eine Sammlung von 30 Kurzgeschichten. Der Titel mutet etwas nichtssagend an, der jedoch vor dem Hintergrund ihrer Biografie an Bedeutung gewinnt. Man kommt nicht umhin, die Geschichten zumindest in großen Teilen als autobiografisch zu betrachten. Denn da sind sie, die jungen, trinkenden, unterprivilegierten Frauen. Da ist sie, die von lasterhaften Männern dominierte Welt. Da sind sie, die Trennungen, die Drogen, der erdrückende Alltag. All das in einer Sprache, die mal ruppig, mal poetisch daherkommt, ohne dabei die Komik in der Tragik, oder wie es die Übersetzerin im Vorwort formuliert „das Absurde in der der Verzweiflung, im Schrecklichen den Witz" zu übersehen.

Credits


Text: Kai Hilbert
Foto: Alexandra Bondi de Antoni