sasha lane, der shootingstar aus „american honey“, im ausführlichen interview

Sasha Lanes Filmdebüt in „American Honey“ ist etwas Besonderes. Die Performance der nicht klassisch ausgebildeten Schauspielerin in einem der wichtigsten Filme des Jahres 2016 ist von Beginn an packend. Der wunderbare Film ist eine Hommage an die...

von Hattie Collins; Übersetzt von Michael Sader
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09 Dezember 2016, 9:45am

Die Twitter-Bio verrät viel über eine Person. Wie bei JME zum Beispiel: „Kein Manager, kein PA, kein Stylist, kein Instagram, kein Fleisch, keine Milchprodukte, keine Eiprodukte & keine Fluoride." Oder Hillary Clinton: „Ehefrau, Mutter, Oma, Aktivistin für Frauen- und Kinderrechte, FLOTUS, Senatorin, Außenministerin, Frisuren-Ikone, Liebhaberin von Hosenanzügen, Präsidentschaftskandidatin 2016." Oder Millie Bobby Brown: „Einige Leute nennen mich Eleven." Die Bio der 22-jährigen Schauspielerin Sasha Lane liest sich so: „Frauen, die sich gut benehmen, schreiben kaum Geschichte. *vibe*." „Ich habe diese Worte im Büro meiner Ersatzmama gelesen und ich fand sie gleich gut", sagt Sasha und meint damit Andrea Arnold, die Regisseurin, mit der sie zusammen am preisgekrönten Film American Honey gearbeitet hat. „Ich bewundere an ihr, wie hart sie arbeitet und wie zielstrebig sie das erreicht, was sie sich vorgenommen hat. „Manchmal müssen Regeln und Konzepte um 180 Grad gedreht werden", sagt sie weiter. „Keiner erinnert sich an das Mädchen, das ruhig in der Ecke sitzt und sich in ihr Schneckenhaus zurückzieht. Ich möchte, dass meine Energie die Leute bewegt. Mir ist es egal, ob mich die Leute als Außenseiterin wahrnehmen."

Eins steht am Ende dieses Jahr fest: Sashas Stern leuchtet sehr hell. Der Star des Indiefilms 2016 liefert in American Honey mit ihrem Filmdebüt gleich eine beeindruckende Performance ab. Kaum erscheint sie auf dem Bildschirm, nimmt man ihr ihre Rolle ab, mit einer Zigarette im Mund, abgekauten Fingernägeln, Abfälle essend und trampend mit zwei Verwandten, ihre Dreads bewegen sich im Wind. Sie schlängelt sich so durch das Leben und muss dabei mit Hunger, Missbrauch und Vernachlässigung umgehen. Sasha nimmt den Zuschauer sofort gefangen. Sie kann mehr als einfach nur mit Shia LeBeouf und Riley Keough mithalten, trotz ihrer fehlenden Erfahrung. „Sie hat aus vielen anderen herausgestochen", erklärt uns Regisseurin Arnold. „Nicht nur äußerlich, auch ihr Geist war ein anderer. Sie hatte ein Zentrum, sie war sehr von sich überzeugt." Sasha wurde in Panama City gecastet, als sie in der Stadt war, um Springbreak zu feiern. Andrea Arnold war gerade die Hauptdarstellerin abgesprungen und sie ging zum Strand und sah die damals 19-jährige. Sasha hatte zwar keinerlei Schauspielerfahrung, sie studierte zu der Zeit gerade ziellos und wusste nicht, wie ihre Zukunft aussehen würde. Wie Star war sie auf der Flucht vor einer unglücklichen Vergangenheit. Die britische Regisseurin hat ihr nicht nur einfach nur eine neue Erfahrung angeboten, sondern ein neues Leben—und Sasha hat die Chance sofort ergriffen. „Ich bin noch am selben Abend zu ihr ins Hotel gefahren und wir haben mit Freunden von ihr auf dem Flur improvisiert", so Andrea Arnold. „Sie war wirklich gut. Sie hat sehr vorsichtig, aber auch offen für neue Dinge. Ich erinnere mich noch daran, wie ich ihr auf dem Walmart-Parkplatz Rae Rae vorgestellt habe, die Shaunte im Film spielt, das kleine Mädchen mit dem Hund. Während Springbreak steigt jeder aus seinem Auto aus und twerkt auf dem Parkplatz. Rae Rae liebt es, auf dem Dach ihres Autos zu twerken, also habe ich Sasha gebeten, das auch zu tun. Sie ist aufs Dach gesprungen und hat angefangen zu tanzen. Dann dachte ich: ‚Ich habe mein Mädchen gefunden'."

Der Film zeigt auf sehr gekonnte, hintergründige und schöne Art und Weise, wie sehr die amerikanische Gesellschaft geteilt ist. Nach dem desaströsen Ausgang der US-Wahl bekommt American Honey noch einmal eine ganz neue Relevanz. „Es war perfektes Timing, jetzt einen Film zu machen, der die amerikanische Mittelklasse auf so authentische Weise zeigt", stimmt Sasha ihrer Regisseurin zu. „Das war und ist die Realität, aber keiner hat es gemerkt und auf einmal wurde Trump [zum Präsidenten] gewählt. Deshalb ist das Timing so perfekt. Es zeigt eine Realität, von der so viele jahrelang die Augen verschlossen haben. Eine ganze Generation wurde ignoriert. Auch wenn der Film kein großer Erfolg an den Kinokassen war, ist er dennoch wichtig, weil er so echt, so realistisch und so authentisch die von vielen ignorierte Lebenswirklichkeit zeigt. Man freut sich regelrecht, dass es den Film gibt. Viele von uns in dem Film haben solche Biografien und wer wir sind und was wir kennen ist echt."

Sasha kann sich mit vielen Themen, die im Film angesprochen werden, selbst identifizieren. Das Ausmaß der Armut, mit der so viele Amerikaner zu kämpfen haben, die prekären Positionen, in denen Frauen und Kinder oft gezwungen werden, die Entscheidungen, die so viele Leute treffen, wenn sie keine andere Wahl haben. Sashas, genauso wie Arnolds Perspektive geht aber darüber hinaus. Es geht in dem Film nicht um Verzweiflung und Trostlosigkeit, sondern um Hoffnung und Optimismus, es geht darum, unter all dem Hässlichen das Schöne zu entdecken. „Ich bin ein Kind der amerikanischen Mittelschicht, ich habe das alles mitbekommen: die fehlenden Chancen, die Art und Weise, wie dich andere behandeln", beschreibt sie ihre Kindheit in Dallas, Texas. „Das Schöne in so einer Situation ist, dass man sich mit Leuten, die genauso leben, sofort versteht. Wir wissen, dass es nicht darum geht, die Leben der anderen zu bewerten und zu beurteilen. Ich finde, dass wir mehr Liebe, viel mehr Empathie und weniger Wertung brauchen. Trump gehört definitiv nicht in diese Kategorie", fügt sie hinzu. „Da müssen wir wieder hinfinden. Wenn die Wahl etwas Positives hat, dann dass sie die Menschen aufgerüttelt hat. Viele begreifen jetzt, was sie tun können. Die Menschen engagieren sich wieder. Ich habe Hoffnung, weil ich viele junge Leute treffe, deren Einstellungen mich umhauen. Sie stehen für Liebe und Offenheit, die sich nicht an die Normen halten", so die Newcomerin. „Ich glaube, wenn wir damit anfangen und uns die Dinge aus allen Perspektiven anschauen, nicht mehr so vorschnell werten, mehr Mitgefühl und Licht zeigen, dann wird die Welt wieder stärker ihre menschliche Seite zeigen. Wir brauchen Offenheit und weniger Hass."

Sasha ist nicht nur Aktivistin und Denkerin, sondern, um wieder zu ihrer Twitter-Bio, zu kommen, auch Feministin. Die beiden nächsten Filme, in denen sie mitspielt, wurden von Frauen geschrieben, Frauen haben Regie geführt und in den Hauptrollen sind nur Frauen zu sehen. Born in The Maelstrom von der Regisseurin Meryam Joobeur basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte der kanadischen Romanautorin Marie-Claire Blais. Gedreht wurde in der kanadischen Wildnis und in dem Film geht um Fragen der Identität und der Herkunft in den 50ern. Sasha Lane spielt die Hauptrolle. „Wie die Frauen gearbeitet haben, war einfach so gut. Das war mein zweiter Film und ich haben begriffen, dass ich das kann." Wenn man an die Worte des kommenden Vizepräsidenten Mike Pence denkt, der Homosexuelle zwangsheilen will, dann ist die Literaturverfilmung The Miseducation of Cameron Post vielleicht wieder so gut getimt wie American Honey. Die Hauptrollen spielen Sasha und Chloë Grace Moretz, Regie führt Desiree Akhavan, die auch schon bei Appropriate Behaviour verantwortlich war. Es handelt sich um einen Coming-of-Film über eine junge Frau, gespielt von Moretz, die zu einer Konversionstherapie gezwungen wird. Die junge US-Schauspielerin hat vor Kurzem über den Film getwittert, dass die Arbeit in einem reinen Frauenteam etwas Wertvolles sei. Warum ist es ihr so wichtig, Geschichten aus einer weiblichen Perspektive zu erzählen? „Es ist so wichtig, dass alle Frauen gezeigt werden, egal was gerade passiert. Filme, die starke und unabhängige Frauen zeigen, müssen auch weiterhin gedreht werden. Für mich ist das etwas Besonderes", erklärt uns Sasha. „Ich habe noch nie mit einem Regisseur zusammengearbeitet, deshalb kann ich sie gar nicht kritisieren. Soweit es die Frauen betrifft, mit denen ich zusammengearbeitet habe, kann ich nur sagen, dass sie mir erlaubt haben, von meiner verletzlichen und starken Seite zu zeigen. Es gibt keine versteckten Motive, nur eine bestimmte Verbindung, die da zwischen uns existiert. Regisseurinnen geben ihren Protagonistinnen eine Vielschichtigkeit, keine ist nur böse oder nur gut, oder nur das heiße Mädchen, nur die Bitch, jede hat mehrere Seiten an sich. Das ist in einer Welt, die Menschen und besonders Frauen immer noch auf eine bestimmte Art und Weise darstellt, ein starkes Zeichen."

Den Film mit Chloë Grace Moretz gibt es zwar noch nicht im Kino zu sehen, da gibt es schon den ersten kleinen Shitstorm, der sich nach einem Tweet zusammengebraut hat: „Warum wird nicht eine wirklich lesbische Schauspielerin engagiert? Das wäre doch mal was. Oder ist das nicht wichtig?", fragt Userin @Dykes1Tired. Sasha hat darauf geantwortet: „Ihr wisst gar nicht wer ich bin, entspannt mal." Sasha möchte sich nicht nach heteronormativen Kategorien definieren müssen. „Die Menschen glauben, dass sie einen kennen und Bescheid wissen. Die Userin hat zwar geschrieben, dass sie damit nicht mich gemeint hat, aber trotzdem: Du kennst mein Leben nicht, oder wie andere leben, also nehme nicht irgendwas an. Wie kannst du wissen, dass jemand hetero ist, nur weil man mal eine Person gedatet hat? So ein Verhalten brauchen wir gerade gar nicht. Du kennst mich nicht, also maße dir auch nicht an, mein Leben zu bewerten."

Die erste Rolle hat Sasha bei einer Regisseurin ergattert, die mit eher unkonventionellen Filmmethoden arbeitet. Andrea Arnolds Ansatz ist sehr persönlich. Sie geht mit der Kamera sehr nah an ihre Figuren heran. Als Vorbereitung auf die Dreharbeiten hat die Regisseurin den Cast mit auf einen Roadtrip genommen, auf dem sie das Drehbuch, die Handlung und den fantastischen Soundtrack getestet haben. Wie empfand Sasha danach die Zusammenarbeit mit Regisseurinnen und Schauspielerinnen, die eher traditionell operieren? „Meine erste Rolle lässt alle andere etwas komisch wirken, aber mir hat es gefallen. Ich hatte keine Probleme damit, mich der Vision einer anderen Person anzupassen", erinnert sie sich an die Dreharbeiten. „Ich liebe es, Leute zu beobachten. Ich schaue mir an, wie die Person mir gegenüber tickt, was sie bewegt, wie sie Informationen verarbeitet, dem passe ich mich dann an. Ich möchte dabei helfen, die Vision einer anderen Person zu verwirklichen, deshalb versuche ich, mir ihre Sichtweise zu eigen zu machen."

Die Filme, in der die 22-jährige Schauspielerin mitspielt, machen nachdenklich, aber unterhalten auch gleichzeitig. Möchte sie uns etwas mit den Rollen, die sie annimmt, sagen? „Ich möchte bei Filmen mitspielen, mit denen sich Leute identifizieren können, die ihnen neue Sichtweisen vermitteln und ihre Horizonte erweitern. Filme, die so sind, werden immer zu mir passen", erklärt sie. „Die Filme sollen die Zuschauer in ihren Bann ziehen, weil ich das gerne selbst habe. Sie sollen Debatten auslösen, sie sollen wichtig, informativ und relevant sein. Aber es ist auch wichtig, dass es Filme gibt, durch die man sich einfach gut fühlt", fügt sie hinzu. „Filme, die einen zum Grinsen bringen oder an eine bestimmte Zeit im eigenen Leben erinnern." Wir kommen im Gespräch immer wieder auf die Themen Wahrheit, Positivität, Gemeinschaft, Aktivismus und Hoffnung. In Hollywood gilt sie zwar als Newcomerin, aber man spürt, dass ihr ihre Ideale wichtig sind. Wenn sie sich ihren Instinkt für die Rollen beibehält, dann wird sie in diesem System nicht nur überleben, sondern auch wachsen. Im Moment steht Sasha am Scheideweg: Ihre neuen Filme werden in den nächsten Monaten in den Kinos starten, die Award Season nimmt an Fahrt auf und die roten Teppiche rufen. Was hat sie über sich in den letzten zwei Jahren gelernt? „Dass ich an mich selbst glauben darf und dass ich Leidenschaft für eine Sache empfinden muss", antwortet sie. „Ich bin auch offener geworden. Ich habe gelernt, dass ich mich führen lassen kann und dass es gut ist, wenn ich mich meinen Ängsten stelle." Eine Lektion, die wir alle von Sasha lernen können. „Ich bin wirklich glücklich, aber das war auch sehr viel in kurzer Zeit. Aus einer wenig hoffnungsvollen Lage zu kommen und dann das alles in zwei Jahren zu erleben, ist surreal und nervenraubend", gibt sie zum Abschluss unseres Gespräches zu. „Ich vertraue einfach meinem Bauchgefühl und das fühlt sich echt gut an. In die Projekte, an denen ich gerade mitarbeite, habe ich vollstes Vertrauen. Ich sehe die Zukunft der Jugend in diesem Land auch positiv. Alles, was einem am Ende bleibt, ist doch der Glaube und die Hoffnung, oder?"

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Credits


Text: Hattie Collins
Foto: Zoë Ghertner
Styling: Julia Sarr-Jamois
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Sasha trägt Louis Vuitton Frühjahr/Sommer 17