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haben wir verlernt, wie man liebt?

Ja. Nein. Vielleicht.

von Lisa Leinen
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09 August 2016, 8:30am

Dürfen wir uns vorstellen, wir sind die Generation Y. Die, die alles und irgendwie auch nichts vom Leben will, die sich nicht entscheiden kann, die aber oft dafür und meist dagegen ist. Eine Generation, die verlernt hat, mit dem, was sie hat, zufrieden zu sein, und deshalb auch ständig Ausschau nach etwas Neuem hält. Denn neu ist aufregend und aufregend ist gut—bis es auch wieder alt ist. Generation Tinder eben. Weiterwischen, next. In Jogginghose und mit Pizza auf dem Schoß den attraktivsten Mann oder die schönste Frauen anschreiben? Machbar. Sich dabei absolut begehrenswert fühlen? Absolut. 

Schneller Spaß statt langer Liebe. Das Kennenlernen ist so leicht wie nie, für alle, die sich drauf einlassen. Sich zu verlieben aber, scheint alles andere als einfach zu sein. Auch nicht ganz uninteressant: 42 Prozent aller Tinder-Nutzer sind verheiratet oder in festen Beziehungen.

Im April 2015 stellt der Blogger Michael Nast einen Text online, der innerhalb einer Woche über eine Million Mal geklickt und gelesen wird. Darin beschreibt er das typische Leben der dreißigjährigen Singles, die in Berlin vor sich hinleben und -lieben und die sich mehr Gedanken um die nächste WG-Party als über das Erwachsenwerden machen. Im Februar dieses Jahres bringt er dann das darauf aufbauende Buch Generation Beziehungsunfähig heraus—und alle drehen durch. Endlich jemand, der die Worte dafür findet, was wir alle denken—und fühlen. Nast wird zum Sprachrohr einer ganzen Generation. Und die pilgert wie eine hörige Schar zu seinen Lesungen. In Köln kündigen sich bei Facebook über 2.000 Menschen an, in Hamburg sind es noch mehr, in Berlin—wer hätte es gedacht—am meisten. Das Buch ist mittlerweile auf der Spiegel-Bestsellerliste gelandet. Nast selbst ist längst zu einem Helden aller Rast-und Ratlosen avanciert. 

Von allen Seiten, Artikeln, Büchern, Filmen und Menschen, die glauben, etwas darüber sagen zu können, bekommen wir genau das suggeriert: Dass wir beziehungsunfähig sind und wir uns lieber mit uns selbst statt unserem Gegenüber beschäftigen. Aber woran liegt das? An den unbegrenzten Möglichkeiten, die uns umkreisen und tagtäglich geboten werden oder vielleicht doch einfach an uns selbst? Der amerikanische Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm hat in seinem Buch Die Kunst des Liebens aus dem Jahr 1956 geschrieben, dass die Menschen geradezu nach Liebe hungern—immer. „Sie sehen sich unzählige Filme an, die von glücklichen oder unglücklichen Liebesgeschichten handeln, sie hören sich Hunderte von kitschigen Liebesliedern an—aber kaum einer nimmt an, dass man etwas tun muss, wenn man es lernen will zu lieben." Haben wir also vielleicht einfach verlernt, wie man liebt?

„Nein, wir beginnen, es gerade zu lernen. Unsere Eltern und Großeltern sind Beziehungen eingegangen, um versorgt zu sein, um eine Sicherheit zu haben. Doch über 90 Prozent der Jugendlichen glauben heute an die große Liebe und suchen einen Weg, um sie auch im Alltag zu verwirklichen. Um die Liebe steht es besser als um ihren Ruf", ist sich der Psychotherapeut und Buchautor Dr. Wolfgang Krüger sicher.

„Die Liebe wird uns immer wichtiger, deshalb lesen wir viel über das Gelingen von Partnerschaften, besuchen Kurse, machen eine Paartherapie. Wir sind bereit, viel in die Liebe zu investieren, damit sie gelingt", erklärt er weiter. Der Psychologe erforscht das Thema Liebe seit über 40 Jahren und hat über 1.000 Paare kennengelernt, die mit ihm über ihre Beziehung gesprochen haben. Laut ihm glauben die meisten der Jugendlichen heutzutage an die große Liebe und suchen eine Möglichkeit, um sie auch im Alltag zu verwirklichen. Stichwort: Online-Dating. Sind wir dadurch abgestumpft? Ein bisschen vielleicht, ja. Aber das Online-Dating sei ja nur der erste Schritt. Danach müsse man sich im der realen Begegnung dem Herzklopfen und den feuchten Händen aussetzen. 

Denn wir alle kennen ihn, den Moment, in dem die Welt Kopf steht. Wenn dieser angenehme Schlag in den Magen sich in ein berauschendes Gefühl verwandelt, so, als hätte man eine Brausetablette in die Blutbahn geschmissen. Wenn man sich schon alles erzählt, aber noch längst nicht alles gesagt hat. Wir haben nicht verlernt zu lieben. Eher haben wir vergessen und verdrängt, dass wir Gefühle zulassen können, und uns nicht in Wenn-Dann-Gedanken verlieren müssen, um uns jegliche Optionen offen zu halten und ja nicht verletzt zu werden. Zu verstehen, warum wir so ticken, ist das eine. Daraus zu lernen, das andere. Fangen wir also an, wieder Entscheidungen zu treffen—egal, ob wir sie eines Tages bereuen werden. Oder eben nicht. 

Credits


Text: Lisa Leinen
Foto: Eylül Aslan