wie alexander mcqueens neffe den mcqueen-traum weiterlebt

Gary James McQueen ist wie ein Phoenix aus der Asche aufgestiegen. Nach dem dunklen Kapitel in der McQueen-Familiengeschichte tritt er in die modischen Fußstapfen seines verstorbenen Onkels und Designers Alexander McQueen.

von Caryn Franklin
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13 Juni 2017, 10:20am

Dieser Artikel ist zuerst auf i-D UK erschienen. 

Gary James McQueen wurde von seinem Onkel, dem verstorbenen Alexander "Lee" McQueen, an die Mode herangeführt. Der legendäre Designer hat ihn inspiriert, er war sein Mentor und Freund. Gary hat von 2005 bis zum Lees Tod 2010 bei Alexander McQueen im Menswear Ready-to-wear-team gearbeitet. Letzte Woche hat Gary James McQueen offiziell seine Debütkollektion aus Seidenschals lanciert, die auf Bestellung produziert werden — und wird dabei von vielen aus der Modebranche unterstützt. Kim Blake, die die PR in der Anfangszeit von Lee gemanagt hat, unterstützt ihn und Anderson and Sheppard, ein Herrenausstatter und Maßschneider in Londons Savile Row, führt die Schals.

Auch auf i-D: Wir haben uns mit Caryn Franklin darüber unterhalten, welche Verantwortung die Modeindustrie für Frauen und Männer trägt und welche Rolle dabei Designer spielen.

Caryn Franklin, die Anfang der 90er für die BBC Lee McQueen für ein Millionen-Publikum interviewt hat, hat mit Gary über seinen verstorbenen Onkel, seinen eigenen Designansatz und seine erste eigene Kollektion gesprochen.

Wie war es mit einem der besten Designer auf der Welt zusammenzuarbeiten?
Ich wollte Lee gefallen, das wollte jeder. Wir wollten alle sein Lob erhalten. Wenn sich Lee im Gebäude aufgehalten hat, dann hast du erst den Rauch gerochen und dann sein Lachen gehört. Lee hat alles mit Gefühl gemacht. Er hat eine Geschichte glaubhaft erzählt, er war so charismatisch und verletzlich. Auch wenn ich sein Neffe und zehn Jahre jünger war als er, hatte ich immer das Gefühl, dass ich ihn beschützen musste.

Habt ihr euch für die gleichen Dinge interessiert?
Ich habe mit meinen Zeichnungen immer Welten und Charaktere erschaffen. Lee wusste, dass ich Zeichnen liebe und er hat mich immer mit den Zeichnungen aufgezogen, die ich als Kind gemalt habe, als er unser Babysitter war. Ich habe ihn beobachtet, wie er Entwürfe angefertigt hat. Er hat dabei nicht geredet, aber wie ein Irrer vor sich hin gekritzelt. Für mich hat er auch Dinge gemalt, das meiste davon waren Horrorsachen. Lee hat Horrorfilme mitgebracht und uns Horrorgeschichten erzählt. Ich war damals acht Jahre alt. Er hat uns durchs Haus gejagt und uns an den Haaren gezogen. Sein Lachen hatte etwas von einem Psycho-Lachen. Das war keine Abende wie mit Mary Poppins, aber er hat meine Vorstellungskraft und die Arbeiten, die ich heute produziere, beeinflusst.

Wie hast du den Job bei McQueen bekommen?
Ich wollte eigentlich Kunst studieren. Der Tutor hat mir damals davon abgeraten, weil die Jobaussichten nicht so gut waren, also habe ich mich für Grafikdesign entschieden. Ich war eine Zeit lang arbeitslos und meine Mutter Janet [die Schwester von Lee] hat ihn gefragt, ob er mir helfen könne. Ich wusste, dass er eigentlich keine Familienmitglieder haben wollte, aber ...

Was hast du von Lee gelernt?
Lee hat uns herausgefordert. Die Idee war nur der Anfang. Seine Spezialität war es, diese Idee so weiterzentwickeln, dass sie am Ende sehr weit weg vom Ausgangspunkt entfernt war. Du musstest etwas in dir haben und die Fähigkeit besitzen, etwas durchzuziehen.

Die erste Saison war hart. Ich hatte keine Ahnung von Mode, aber ich kannte mich mit Mustern aus und habe mir schnell eine Nische geschaffen, in der ich sie als Vehikel für meine Kunst nutzen konnte. Lee hat an mich geglaubt und mich ermutigt, Grenzen zu überschreiten. Ich wurde schnell in die Menswear-Abteilung gesteckt, um für die Hemden, T-Shirts und Oberflächen mit Prints zu arbeiten. Ich habe jeden Schädel auf Kleidungsstücke gepackt, als wirklich jede Art von Schädel. Später habe ich mit gewebten Jacquard-Stoffen gearbeitet, die so bearbeitet waren, dass das gedruckte Bild zu einem zweiteiligen Anzug passt. Zum Ende hin habe ich erst bemerkt, wie viel auf Lees Schultern lastet. Ich wusste, dass er müde ist. Das war schon hart, ihn so zu sehen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihn nicht erreichen kann. Ich war ein Mitarbeiter und ich hatte meinen Platz.

Worüber habt ihr euch als letztes unterhalten?
Ich habe an einem Marmorengel für den Grabstein von Lees Mutter Joyce, meiner Tante, gearbeitet. Er fand meinen Entwurf toll, hatte mich aber gebeten, die Hände des Engels nach oben zu drehen, damit man Blumen darauf ablegen kann. Er hat mir gesagt, dass ich den Gabstein alleine fertigstellen soll. Ich habe nicht gefragt warum. Am nächsten Tag hat er sich selbst umgebracht.

Du hast die Firma zwei Jahre nach seinem Tod verlassen. Warum?
Lee hat mir den Job verschafft und ich habe es seinetwegen gemacht. Ich habe nicht Mode studiert. Ich habe wie ein Bildender Künstler gearbeitet und hatte noch seinem Tod keinen Grund mehr dort zu bleiben. Für mich hat nur seine Meinung gezählt, nachdem er gegangen war, haben mich die anderen nicht interessiert.

Erzähle uns mehr über deine Kollektion.
Sie ist Lee gewidmet. Sie erzählt die Geschichte von Leben, Tod und Wiedergeburt. Sie ist meine Interpretation des Zyklus kreativer Energie. Das habe ich von Lee gelernt und mir für mein eigenes Label angenommen. Es gibt drei verschiedene Schals. Jeder dieser Schals enthält ein Element, das Lee entweder geliebt oder vor dem er Angst hatte. Die Vögel stehen für das Leben, weil Lee Vögel geliebt hat. Das zweite Design repräsentiert Tod und zitiert den Elfenbeinhandel im viktorianischen England. Es ist eine Hommage an vom Aussterben bedrohte Tierarten. Das Thema lag Lee sehr am Herzen.

Die letzte Geschichte handelt von Wiedergeburt. Man sieht ein Kampagnenfoto, das ein Wesen in Form eines Oktaeders darstellt und als Portal zu dem Körper fungiert. Der Print besteht aus Körpern, die so wirken, als ob sie im Nichts schweben. Das ist vielleicht etwas melancholisch, aber meine Gefühle haben schon immer meine Arbeiten beeinflusst.

Wie sieht dein Arbeitsprozess aus?
Die Qualität der Seide ist wichtig. Italien verfügt momentan über die besten Druckverfahren, aber ich habe es lieber, dass die Sachen in Großbritannien hergestellt werden, damit ich so oft wie möglich den Herstellungsprozess begleiten kann. Die Ränder werden per Hand bestickt und sind handgerollte. Ich möchte das Business langsam entwickeln, deswegen werden die Schals erst auf Bestellung produziert. Das ist Slow Fashion. Ich habe mitbekommen, unter welchem Druck Lee stand und das ist nichts für mich. Ich werde mich auf mein Erbe konzentrieren: die Qualität steht ganz oben und dass die Teile eine Geschichte erzählen. Ich lebe von Geschichten, weil sie dich in eine andere Welt transportieren. Ich lebe für die Geschichten und die Kunst.

garyjamesmcqueen.com

Credits


Text: Caryn Franklin
Foto: über i-D UK

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