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5 Bücher, die uns daran erinnern, was es heißt, ein Außenseiter zu sein

Einzelgänger, Sonderling, Teenage Dirtbag, Weirdo, schwarzes Schaf oder graues Mäuschen. Es gibt viele Synonyme für den Begriff des Außenseiters und jeder von uns wurde wahrscheinlich schon mal als einer bezeichnet.

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08 August 2016, 10:27am

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Ich gegen Osborne, Joey Goebel
James Weinbach geht im Anzug zur Schule, Schlips und Kragen sind ein Muss. Der Siebzehnjährige ist einer vom alten Schlag, einer der noch eine Idee davon hat, welche Bedeutung Begriffen wie Anstand und Moral innewohnt. Niemand versteht den Sonderling, der eigentlich gar nicht verstanden werden will. Niemand außer Chloe. Doch selbst Chloe scheint nach dem Spring Break verändert, und das – in James' Augen – nicht gerade zum Positiven. James startet einen Rachefeldzug gegen "die große dumme Hurerei", wie er es nennt, gegen die Osborne High, gegen den Rest der sexbesessenen, konsumgeilen und sinnentleerten Welt und schafft es letztlich sogar den Abschlussball platzen zu lassen. Doch bald merkt James, der für sich das Privileg beansprucht, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, dass auch er Teil der Gesellschaft ist, die er so sehr verachtet, dass auch er in seiner blinden, unreflektierten Wut auf die Welt sich zu verachtenswerten Handlungen hinreißen lässt. Zwischen Sätzen wie "Häufig sagte ich mir im Stillen, ich müsse keine Schuldgefühle haben, weil ich sie verurteilte, denn wenn wir in die Köpfe der anderen gelangen könnten, würden wir erkennen, dass wir füreinander ohnehin Arschlöcher waren" oder "Die Jugendkultur generell bewirkte, dass ich mir am liebsten in die Hände gekotzt hätte", muss sich James letzten Endes zwischen selbstgefälligem Gesellschaftspessimismus und dem eigenen Glück entscheiden.


Auch auf i-D: Vom Außenseiter zum Superstar


Junge Wölfe, Colin Barrnett
In Junge Wölfe begegnen wir Türstehern, die unglücklich in die Tochter des Clubchefs verliebt sind, wir dürfen Heiratsanträge bestaunen, die mit umgeworfenen Autos übermittelt werden, treffen auf gewiefte Mädchen, die hilflose Jungs in den Wald entführen, um an ihnen Knutsch-Rituale durchzuführen, lernen halbstarke Einzelgänger kennen, bewaffnet mit einem Sixpack, das Gas des Mofas am Anschlag, zurückgebliebene (in beiden Bedeutungen des Wortes) Kleinkriminelle, die auf die in Großstädten studierenden Muttersöhnchen und verzogenen Gören schimpfen, weil sie sich sonst mit sich selbst beschäftigen müssten. Colin Barrnett zeichnet in seinen Geschichten ein düster-melancholisches, jedoch keinesfalls depressives Bild des ländlichen Irlands: brutal und zärtlich – brutal zärtlich. Außenseiter, die ihr Dasein am Rande der Gesellschaft gleichermaßen durch immerwährende Attacke und ewigen Rückzug untermauern. Barrnett schönt nichts, die Geschichten sind so rau und roh, wie die Sprache in der sie geschrieben sind. Doch neben der irischen Tristesse gibt es Lichtblicke und -figuren; zwischen angekratzter Ehre, blutigen Lippen und ungewollter Schwangerschaft gibt es sie, die Momente vom Zauber schallenden Gelächters in einem siffigen Pub.

Mein Vater ist Putzfrau, Saphia Azzedine
Paul, genannt Polo, wächst in den Pariser Banlieues auf. Im Grunde genommen sind die meisten, die hier leben, Außenseiter. Von der Gesellschaft Vergessene, im wahrsten Sinne an den Rand gedrängt. Wer sich hier behaupten will, muss die Ellenbogen ausfahren, wer anerkannt sein will, muss sich Respekt verschaffen, wer verstanden werden will, muss des Straßenjargons mächtig sein. All das kann der vierzehnjährige Polo nicht auf der Liste seiner Eigenschaften verzeichnen. Polo ist ein Außenseiter unter den Außenseitern. Und von wem lernen, zu wem aufschauen? Seine Schwester interessiert sich für kaum etwas anderes als für ihre Fingernägel und Schönheitswettbewerbe, seine Mutter hängt krankheitsbedingt nur noch vor der Flimmerkiste und sein Vater? Der ist Putzfrau, verdammt noch mal! Oft begleitet Polo seinen liebevollen, doch sich den Umständen ergebenen Vater zu Putzaufträgen und erlebt dort wie dieser von solchen, die eine Sprosse höher auf der Statusleiter stehen, gedemütigt wird. Nein, so will er nicht enden. Denn wie soll er jemals bei einem Mädchen wie Priscilla punkten, wenn er statt mit dicken Scheinen und Selbstbewusstsein nur mit seiner rechten Hand und dem Putzlappen wedelt? Als Polo seinen Vater eines Nachts zum Putzen in eine Bibliothek begleitet, stößt er auf etwas, was unter den Cool Kids der Pariser Vororte höchstens als Staubfänger oder Versteck für Grastütchen herhalten würde: Bücher. Sind sie sein Weg hinaus aus der Misere, hinaus aus dem Außenseiterdasein, hinaus aus der Schreckensvorstellung ebenfalls Putzfrau zu werden? Denn das hieße "öfter den Boden als den Himmel im Blick zu haben, was dich nicht daran hindert, in die Scheiße zu treten".

Ein ganzes Leben, Robert Seethaler
Ein ganzes Leben Außenseiter. Andreas Egger hat es erlebt. Ums Jahr 1900 kommt er als uneheliches Kind auf den in den Bergen gelegenen Hof seines Onkels. Als Knecht ausgebeutet, zum Krüppel geprügelt, deklassiert und erniedrigt. Doch Egger bleibt stumm, beschwert sich nicht. Als es ihm gelingt, sich von den Pranken des Alten zu befreien, schließt er sich einem Arbeitstrupp an, der für den Bau der Seilbahn vom Tal hinauf in die Berge zuständig ist. Stoisch geht er seiner Knochenarbeit nach, hat Kollegen, aber Freundschaft schließt er nie. Egger, im Dorf Hinkebein gerufen, verliebt sich in Marie, die nach Heu, Seife und Sauerbraten riecht. Die beiden wollen heiraten. Das erste und einzig große Glück in Eggers Leben. Ein Glück, das stark genug ist, sämtliches Unglück seines Lebens wettzumachen. Ein Glück jedoch, das nicht von langer Dauer ist: Egger zieht in den Krieg, Egger kehrt zurück, Egger bleibt Egger, doch die Welt ist im Wandel, das merkt man selbst in der Abgeschiedenheit der Berge. Von den Dorfbewohnern und den Touristen, die mittlerweile den kleinen Ort heimsuchen, skeptisch, ängstlich und auch belustigt beäugt, lebt Egger als der merkwürdige Bergschrat, den die Leute in ihm sehen, vor sich hin. Was kratzt es ihn, was die Leute über ihn reden und denken? Sollen die sich ihr Maul doch zerreißen. Er bleibt in sich gekehrt und verschlossen, denn "wem das Maul aufgeht, dem gehen die Ohren zu".

Carrie, Stephen King
Bei der sechzehnjährigen Carrie handelt es sich um eine ganz besondere Sorte Außenseiter: Ihre Mutter, religiösem Wahn erlegen, verhindert über Jahre hinweg ein normales Heranwachsen und macht dem Teenie durch ihren christlichen Eifer das Leben zur Hölle. Die anderen Mädchen hänseln und demütigen die ohnehin schon verunsicherte Carrie, die längst als Weirdo gilt. Doch Carrie ist ein Weirdo mit ganz besonderen Fähigkeiten. Als Reaktion auf die Beleidigungen und Hänseleien entdeckt sie ihre telekinetischen Fähigkeiten, die sie auch zusehends vor ihrer Mutter schützen. Carrie wünscht sich nichts sehnlicher, als ein normales Mädchen zu sein und als solches natürlich auch den Schulball zu besuchen. Als sie sogar zur Ballkönigin gekürt wird, scheint sie am Ziel ihr Träume angelangt. Sie ahnt allerdings nicht, dass all dies Teil einer groß angelegten Inszenierung ihrer Mitschüler ist, um Carrie öffentlich zu erniedrigen und bloßzustellen. Ein großer Spaß, in dem Schweineblut eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Alle lachen, lachen laut, lachen sich tot. Denn Carrie ist in dieser Nacht zum letzten Mal gedemütigt worden...

Carrie ist 1974 erschienen und war die erste Veröffentlichung Stephen Kings, die ihn auf Anhieb zum gefeierten Star-Autor – nicht nur in der Horror-Literatur – aufstiegen ließ. Carrie geht nicht nur auf Grund der Schockelemente unter die Haut, sondern vor allem, weil es den Horror menschlicher Gemeinheiten gegenüber Schwächeren aufzeigt und wir uns vielleicht sogar in Abstrichen in diesem Handeln wiedererkennen.