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liegt im 3d-druck die zukunft der mode?

Ein Gespräch mit Joris Debo, Kreativdirektor der Firma Materialise, die unter anderem die Kreationen der Vorzeige-3D-Designerin Iris van Herpen gedruckt hat und aktuell für das Projekt „Futurecraft 3D“ mit Adidas kooperiert.

von Lisa Riehl
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05 November 2015, 12:10pm

iris van herpen spring/summer 16 - foto: jason lloyd evans

Die Mode langweilt sich. Und die Mode steckt in einer Sackgasse. Alles will schon einmal da gewesen sein und ein jedes Kleid wurde bereits entworfen, behaupten zynische Zungen. Noch dazu fehle die Zeit, etwas wirklich Neues zu schaffen und vielleicht mit einer einzigen Idee die ganze Branche zu revolutionieren, so klagen im Zuge dessen die Designer. Wenn sie nicht gleich ganz hinschmeißen wie jüngst Alexander Wang (bei Balenciaga) und Raf Simons (bei Christian Dior).

Und so liegt die größte Neuerungskraft der Mode tatsächlich in ihrer Materialität, die eng gekoppelt ist mit technischem Fortschritt. Wovor Kanye West erklärtermaßen Angst hat (er hat schließlich schon die Musikindustrie durch die Digitalisierung beinah zugrunde gehen sehen) und was Iris van Herpen 2011 zu den vom Time Magazine ernannten wichtigsten Innovateuren des Jahres gemacht hat, könnte zum Teil die Zukunft der Mode und die Mode der Zukunft sein: 3D-Druck. Gemeinsam mit der belgischen Firma Materialise realisiert van Herpen seit 2009 skulpturale, 3D-gedruckte Kleider. Aufgrund ihrer Preise (mehrere 1000 Euro) und ihrer Produktionszeit (bis zu mehrere Monate) sind diese mehr Couture und gehen schwer als Prêt-à-Porter durch. 

In Kooperation mit Adidas hat Materialise jetzt eine kommerzielle Lösung dieser modischen 3D-Experimente entwickelt - ein Laufschuh, dessen Innensohle für den Fuß maßangefertigt - oder besser: maßgedruckt - wird. Anlässlich des Ende Oktober von der AMD Akademie Mode & Design Düsseldorf initiierten Think Tanks, sprachen wir mit Joris Debo, Kreativdirektor von Materialise, über Entwicklung und Zukunftspotenzial des 3D-Druckens in der Mode.

Ist das Experimentieren mit neuen Technologien, Materialien und Herstellungsprozessen die natürliche Konsequenz einer übersättigten Modebranche?
Wir sind umgeben von Technologie und dabei ist die Mode eine der einzigen Industrien, deren Umgang mit ihr noch recht archaisch ist. Hier muss ein Paradigmenwechsel stattfinden. Was du zum Beispiel bei Iris van Herpen siehst, ist die Spitze des Experimentierens und bedeutet nicht, dass wir irgendwann in naher Zukunft 3D-gedruckte Kleidung tragen werden, vielmehr werden andere Innovationen angeregt. Nicht unbedingt im 3D-Druck selbst, sondern zum Beispiel darin ein Produkt zu kaufen, zu fertigen und auszuliefern.

Wie kommerzialisiert man 3D-gedruckte Mode und macht sie einem breiten Publikum zugänglich?
Das passiert aktuell über Schuhe und Brillen und zwar im Bereich der Personalisierung, nicht nur im Design. Etwa über Technologien und eine neue Generation von 3D-Kameras, die das Gesicht scannt und die Daten für eine Brille liefert, die perfekt auf der Nase sitzt. 

Oder wie beim Schuh „Futurecraft 3D" von Adidas eine personalisierte Sohle druckt...
Genau. Und das wirft eine wichtige Frage auf: Druckt man einen ganz Schuh oder nur einen Teil? Adidas hat sich zum Beispiel für einen Hybrid entschieden, bei dem nur die Innensohle 3D-gedruckt und maßangefertigt wird. Das geht weg von der Massenproduktion.

Wie kann sichergestellt werden, dass ich die druckfähige Datei dann auch tatsächlich nur für mich verwende und zum Beispiel ein Kleid, das ich mir beim Designer gekauft habe, nicht auch für meine Schwester und Freundinnen ausdrucke?
Dem Thema muss sich die 3D Druck-Industrie annehmen. Denn viele Designer sind unsicher und haben Angst davor, was mit ihrem intellektuellen Eigentum passieren wird. Der Musikindustrie hat Apple mit iTunes eine günstige und faire Lösung gegen Raubkopien geboten. Im Bereich Produktdesign muss man durch die gleiche Lernkurve gehen.

Gibt es bereits Lösungsansätze?
Es gibt Firmen, die Dateien entwickeln, die man nur einmal drucken kann. Auf der anderen Seite gibt es aber eine Gegenbewegung von Designern, die ihr Produkt nicht allein besitzen sondern es verfügbar machen möchten. Die stehen im Kontrast zu jenen, die ihr intellektuelles Eigentum um jeden Preis sichern wollen. Im Moment befinden wir uns irgendwo in der Mitte, da beide Bewegungen ihre Daseinsberechtigung haben.

In welche dieser Bewegungen ordnest du die Modebranche ein?
Gute Frage. Mode ist Eigentum, Menschen möchten ein Kleid besitzen, während Designer die Designidee besitzen möchten. Es gibt aber im Bereich 3D-Druck auch schon Designer, die Modifikationen an ihren Dateien erlauben.

Auf Motherboard erfährst du, wie du dir Teddys selber drucken kannst und wie ein Arzt aus Gaza mit 3D-Druck gegen die medizinische Unterversorgung kämpft.

Das bringt mich zu der Frage der Nachhaltigkeit. Wie nachhaltig ist 3D-Druck hinsichtlich Reparaturen und Veränderungen am gedruckten Produkt?
Auch hier gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze. Es gibt 3D-Drucker für die industrielle Produktion und es gibt die Desktop-Drucker, denen man prophezeit, dass sie bald in nahezu jedem Büro stehen werden - was ich persönlich bezweifle. Aber ist die Branche nachhaltig? Das würde ich verneinen, denn wir arbeiten mit Polymeren, hauptsächlich mit Plastik. Trotzdem ist die Idee extrem nachhaltig. Denn die Industrie bewegt sich hin zu einer lokalen Produktion. Man darf nicht vergessen, dass unsere Industrie erst 30 Jahre alt ist, die Technologie ist noch sehr jung und muss reifen. Im Moment gibt es einfach einen großen Hype. Besonders in der Mode sehe ich manchmal keinen Sinn darin, 3D-Druck zu nutzen, wenn es dem Produkt keinen Mehrwert gibt.

Wie bewertest du das Zusammenspiel von traditionellem Handwerk und 3D-Druck in Zukunft?
Von dieser Zusammenarbeit bin ich großer Fan. 3D-Druck ist nicht die einzige Lösung, genauso wenig ist das reine Handwerk in Zukunft noch eine ganzheitliche Lösung. Aber wenn beide zusammenkommen, entsteht daraus ein verbessertes Produkt. Das kann man bereits an vielen Beispielen festmachen. Bei Porzellan zum Beispiel: Wir können Keramik ausgezeichnet drucken, das bedeutet aber nicht, dass wir es so veredeln können wie die großen Manufakturen.

Die Projekte, die du für Materialise mit Modedesignerinnen wie Iris van Herpen realisiert hast, sind immer auch in Kooperation mit einem Architekt entstanden. Welche Aufgabe hat dieser?
Wir als Firma beschäftigen uns nicht vordergründig mit dem Design. Wir bekommen eine fertige Datei geschickt und machen den Rest. Aber wenn Designer mit einer Skizze zu uns kommen, die sie selbst nicht in eine Datei übersetzen können, helfen wir mit einem großen Netzwerk von Experten, zum Beispiel im Bereich Programmierung. Architekten haben oft die Fähigkeiten etwas umzusetzen, bei dem Modedesigner an Grenzen stoßen. Das bedeutet nicht, dass der Architekt die Rolle des Designers übernimmt, er ist vielmehr das Äquivalent zum Schnittmacher.

Wie lässt sich das an den Projekten festmachen, die du bisher betreut hast? Die Kleider von Iris van Herpen sehen aus wie ein Hybrid aus Architektur und Mode.
In diesem Fall kann man tatsächlich den Stil des jeweiligen Architekten, den er über Jahre perfektioniert hat und der natürlich immer einfließt, in den Kleidungsstücke sehen. Jedes einzelne ist unverkennbar ein Teil von Iris van Herpen, aber Isaie Bloch hat zum Beispiel eine Vorliebe für Knochenstrukturen, die man im Skelett-Kleid sieht, während Daniel Widrig eher fließende Formen schafft, die man in seiner Architektur wie im Kleid für Iris van Herpen erkennt.

Was ist in puncto Materialität im 3D-Druck im Moment möglich und was wird in Zukunft möglich sein?
Schon jetzt gibt es unzählige Materialien, mehr noch als die meisten Leute wissen. Das fängt bei Plastik und Metallen wie Stahl und Titan sowie Silber, Gold und Platin an. Man kann auch in Holz, Glas und Keramik drucken. Was aber für die Mode besonders interessant ist - und daran glaube ich persönlich ganz fest - sind die Designer, die in Richtung gezüchteter und wachsender Materialien forschen. Suzanne Lee von Biocouture etwa züchtet künstliche Materialien unter der Verwendung von Mikroorganismen. Man stelle sich einmal vor, was möglich wäre, wenn man einen Schuh aus biologisch abbaubarem Material druckt und das Leder darum herum wachsen lässt. Viele solcher Experimente finden in kleinen Ateliers statt, nicht in großen Stoffunternehmen und es erreicht die Massen noch nicht. Es wird passieren, aber es braucht immer noch Zeit.

Kann 3D-Druck dann je im Bereich Fast Fashion bei H&M, Zara & Co. ankommen?
Das ist schwierig vorauszusagen, aber ich denke nicht. Denn man muss beim 3D-Druck die Beziehung zwischen Geschwindigkeit und Kosten bedenken. Wenn man die Kosten für die Produktion eines T-Shirts von einem Fast Fashion-Hersteller betrachtet, dann ist das ein wirklich kleiner Betrag. Und egal wie schnell die Maschinen werden, dieser Betrag ist dann vermutlich immer noch viel zu klein, um den 3D-Druck abzudecken.

Für Materialise arbeitest du mit etablierten wie jungen Modemarken gleichermaßen zusammen. Was muss ein Projekt mitbringen, um dich zu reizen?
Es klingt ein bisschen wie ein Klischee, aber am wichtigsten ist immer das Konzept. Die interessanten Projekte sind die unerwarteten. Jene, von denen man anfangs glaubt, dass sie niemals umsetzbar sein werden. Und am Ende entsteht etwas Außergewöhnliches.

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Credits


Text: Lisa Riehl 
Runway-Bilder via vogue.com

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