Ann Ray öffnet ihr Fotoarchiv mit seltenen Aufnahmen von Alexander McQueen

VonSarah MorozFotos vonAnn Ray

Die französische Fotografin hat den Designer 13 Jahre bei seiner Arbeit begleitet.

Ann Ray und Alexander McQueen begegneten sich 1996 zum ersten Mal. Kurze Zeit später wurde der Brite zum Chefdesigner von Givenchy berufen. Bis zu seinem Tod im Jahr 2010 fotografierte ihn die Französin bei seiner Arbeit, im Atelier und vor jeder Modenschau – sowohl für das französische Couture-Traditionshaus als auch für sein eigenes Label. Die beiden haben die Ästhetik der Kubrick-Filme geliebt und waren Fans der Arbeiten von Richard Avedon und Irving Penn. Im Laufe der Jahre entstand so ein Fotoarchiv aus 35.000 Analog-Fotografien, bei einigen davon hat sie seltene Foto-Print-Verfahren aus dem 19. Und 20. Jahrhundert wie Bromöl oder Gummidruck eingesetzt.


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Ein Teil dieses Archivs ist jetzt als Ausstellung The Unfinished – Lee McQueen im Rahmen des Fotografie-Festivals im südfranzösischen Arles zu sehen. Ausgestellt werden Groß- wie Kleinformate, die das außergewöhnliche Leben und Schaffen von Lee McQueen – wie ihn seine Freunde genannt haben –, zelebrieren. Ann Rays Aufnahmen zeugen vom Genie des Ausnahmetalents. Wir haben uns mit der französischen Fotografin über die Trauer um seinen zu frühen Tod und ihr Archiv unterhalten.

Wie hast du Alexander McQueen kennengelernt?
Wir haben ähnliche Leben geführt und hatten den gleichen Rhythmus, so haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Ich habe Lee kennengelernt, als ich in Japan gelebt habe. Givenchy schickte ihn im April 1997 aus irgendeinem Grund für drei oder vier Wochen nach Tokio. Zu dieser Zeit habe ich ihn fotografiert, wie wir auf den Straßen der japanischen Hauptstadt unterwegs waren, um Kimonos zu kaufen. Da war er noch sehr jung, Baby Lee. Im Sommer 1997 bin ich dann nach London gezogen, weil mein Ehemann dort einen Job bekam.

Und wie kam es zu der langjährigen Zusammenarbeit?
Lee bat mich, an seinem Universum zu arbeiten. Wir haben uns alle zwei Wochen, wenn nicht sogar jede Woche getroffen. Als ich nach Paris gezogen bin, hatte er bereits Givenchy verlassen und fing an, in der französischen Hauptstadt seine neusten Kollektionen zu zeigen. Wir haben nie besonders viel miteinander geredet, trotzdem fühlten wir uns sehr verbunden.

Er wusste, dass er mir vertrauen konnte. Wir haben ein paar Porträts gemacht, nach zehn Bildern fragte er: "Bist du fertig?!". Er mochte sein Äußeres nicht. "Kannst du was mit dem Gesicht machen? Mach mich schön", meinte Lee immer wieder zu mir. Er fühlte sich in seinem Körper nicht wohl, er war schüchtern und zurückhaltend. Auch allen anderen hat er immer etwas abverlangt und sie herausgefordert. Für Fotografen ist es ein Albtraum, backstage zu fotografieren. Es ist dunkel, der Kontrast ist zu stark und überall sind Menschen. Wenn ich ihn versucht habe dort zu fotografieren, antwortete er immer: "Nein, fang mich, wenn du kannst."

Das Archiv ist so groß. Wie behältst du den Überblick?
Das müssen fast 40.000 Bilder sein. Kisten voll mit Negativen, die alle sorgfältig aufbewahrt werden. Ich habe die Fotografien nicht digitalisiert. Das wäre ein Vollzeitjob und ich bin die Einzige, die das Archiv verwaltet. Ich kann mich auch nicht an jedes Einzelne der Bilder erinnern. Einige bleiben mir im Gedächtnis, weil ich Gänsehaut von ihnen bekomme. Wieder andere haben mehr Reportagen-Charakter: Sie zeigen Lee beim Arbeiten und wie er mit Freunden lacht. Die Mode war wichtig, aber nicht alles für mich. Der Mann hinter dem Modedesigner war für mich ein Künstler und sein Medium nur zufällig die Mode.

Du zeigst mit deinen Fotografien eine ganz bestimmte Zeit im Schaffen von Lee. In dieser gab es noch einen ganz anderen Ansatz und Zugang zur Fotografie.
Das richtige Timing ist sehr wichtig. Bei einer Fashionshow macht man vor allem eins: warten. Es gibt natürlich viel Hektik, aber es gibt auch viele Momente dazwischen. Als Fotografin hatte man damals die Möglichkeit, diese Momente der Zerbrechlichkeit und Schönheit festzuhalten.

Welche Unterschiede gibt es zu heute?
Ich war vor Kurzem mal wieder backstage, im Januar bei der Couture-Show von Givenchy. Alle haben nur auf ihre Handys gestarrt – das zerstört die Magie. Zwar sind alle zusammen im selben Raum, aber auch sehr mit sich selbst und ihrer eigenen Welt beschäftigt. Sie schreiben Nachrichten an ihre Freunde und checken E-Mails und Social Media. Die Models sind zwar da, aber nicht anwesend. Die intimen Momente in der Hektik sind verloren gegangen. Handys sind der Fluch der Menschheit. Entspannt euch mal!

Lee McQueen ist 2010 gestorben. Hat das dein Verhältnis zu deinem Archiv verändert?
Ich hatte eine professionelle und eine private Beziehung zu Lee, die ich beide auseinanderhalten muss. 2012 habe ich mein erstes Buch veröffentlicht. Das war ein Schrei voller Trauer. Das ist meine Hommage an meinen verstorbenen Freund Lee. Ich bin dafür chronologisch vorgegangen: eine Fashionshow nach der anderen. Ich war damals emotional noch nicht in der Lage, analytisch vorzugehen. Ich musste erst lernen, mit meiner Trauer umzugehen. Das ist ein schwieriger Prozess, aber durch den zeitlichen Abstand lernt man dazu.

Erzähl uns mehr über die Ausstellung.
Normalerweise schaut man sich nur ab und zu seine eigenen Fotos an. Für die Ausstellung habe ich mir seit September jeden Tag 15 Stunden Fotografien vom Gesicht eines Freundes angeschaut, der Suizid begangen hat. Ich bin froh, dass es vorbei ist. Ich beschwere mich nicht, es war ein Privileg, aber es war auch sehr schwer. Für mich markiert es den Abschluss einer ganz besonderen Ära: London in den späten 90ern. Die Trauer um den Tod von Lee überschattet alles. Sein Ende ist tragisch. Aber das ist nicht alles, das Lee war.

"The Unfinished - Lee McQueen" kannst du dir noch bis zum 23. September im Rahmen des Fotografie-Festivals in Arles anschauen. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.