Foto: JP Talapian für Young Star 

'Grrrl Gang Manila' sorgt für einen feministischen Aufstand auf den Philippinen

In einem Land, in dem Abtreibung noch immer illegal ist, kämpft das radikale Kollektiv für spürbare Veränderungen – und brüllt Punksongs in Pfadfinderuniformen.

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11 Januar 2019, 9:42am

Foto: JP Talapian für Young Star 

Am 21. Januar 2018, dem Tag nach der Amtseinführung von Trump, demonstrierten Frauen auf der ganzen Welt. In den USA, Deutschland, Indien, Afrika und sogar der Antarktis gab es kollektive Protestmärsche. An diesem Tag war die 37-jährige Mich Dulce auf den Straßen in Paris unterwegs. Hier sah sie ein Plakat mit der Aufschrift "Gegen Trump, Putin und Duterte" – sofort musste sie an ihre philippinische Heimat denken, in der heute garantiert kein Aufmarsch stattfinden würde.

"In diesem Moment habe ich mich nur gefragt 'Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?'", erzählt Mich gegenüber i-D. "Es war ein ausschlaggebender Moment, in dem ich realisiert habe, dass ich etwas unternehmen muss." Statt gegen Trump und für die Gleichstellung der Geschlechter in den USA zu protestieren, kehrte sie nach Manila zurück und gründete Grrrl Gang, ein feministisches Kollektiv, das laut ihrem Manifest "einen zugänglichen und generationsübergreifenden Raum für Mädchen und Frauen schaffen will, um Themen zu diskutieren, die uns persönlich betreffen."


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Grrrl Gang Manila nutzt Kunst, Aktivismus und Bildung, um auf den Philippinen einen sicheren Raum für Feminismus zu schaffen. Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, die Philippinen seien den USA in Sachen Gleichberechtigung ein gutes Stück voraus – schließlich gab es hier schon zahlreiche Präsidentinnen und Regierungsführerinnen. Dennoch ist Abtreibung illegal und jegliche Verhütungsmittel wurden seitens der Regierung für ein Jahr verboten. Der derzeitige Präsident Rodrigo Duterte hat sich öffentlich gegen Kondome ausgesprochen und in seinen Reden sogar mehrmals über Vergewaltigungen und sexuelle Belästigung Scherze gemacht. "Duterte verkörpert und ermöglicht eine Macho-Kultur in der philippinischen Politik, die Frauen, die Armen und den Rest der Gesellschaft, die nicht der Elite angehören, unterdrückt", erklärt Mariah Yonic, Mitglied von Grrrl Gang. "Es ist entmutigend und überwältigend, aber wir müssen den Mut haben, dagegen anzukämpfen."

Durch Kunstausstellungen und von den Riot Grrrls inspirierte Auftritte, bei denen Dulce und Yonic's Band The Male Gaze oft in Girl-Scout-Uniformen auf der Bühne stehen, stärkt das Kollektiv nicht nur Frauen, sondern fördert auch spürbare Veränderungen. "Demos auf der Straße, Gigs, politische Kampagnen. Das sind alles kraftvolle Möglichkeiten, um Menschen zu motivieren", sagt Dulce. "Aber es muss auch konkrete soziale Maßnahmen geben. Wenn man eine Gruppe von Frauen zusammenbringt und gewisse Richtlinien hat, um eine einfühlsame und rücksichtsvolle Umgebung zu erschaffen, kann man wirklich unglaubliche Dinge erreichen."

Wir wollten mehr erfahren und haben Grrrl Gang Manila-Mitglied Mich Dulce zum Interview gebeten.

Was ist Grrrl Gang Manila?
Wir sind ein feministisches Kollektiv, das auf den Philippinen Safe Spaces für Frauen und Mädchen kreieren will. Als wir angefangen haben, merkten wir schnell, dass wir nicht einfach nur eine Gruppe von Mädchen sein wollten, die sich ab und zu versammeln. Wir wollten konkrete Maßnahmen erarbeiten, die sozialen Wandel bewirken. Die Idee hinter Grrrl Gang ist also, es ein sicherer Ort für Menschen zu sein, um sich miteinander auszutauschen und an echten sozialen Veränderungen teilzunehmen. Jeden Monat haben wir eine kostenlose Veranstaltung namens "Girl Meets". Wir fragen unsere Community, welche Themen momentan für sie relevant sind und was sie gerne machen würden. Wir sind keine NGO, sondern nur ein paar Mädchen, die etwas bewegen wollen.

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Hast du dich vorher schon feministisch engagiert?
Nein, ich war gefangen in meiner Blase aus Privilegien. Meine Mutter war gegen Aktivismus und hielt mich von der Welt fern. Genau zur Zeit des Frauenmarsches fing ich an, meine Eier einzufrieren. Für mich war diese ganze Erfahrung wirklich traumatisch. Ich war immer das Mädchen, das nur männliche Freunde hatte, aber diese Erfahrung konnten nur Frauen nachvollziehen. Es waren Frauen, die ebenfalls ihre Eier eingefroren hatten. Frauen, die bereits Kinder hatten. Transfrauen, die sich Hormone injizierten. Sie alle haben mir dabei geholfen, diese Erfahrung zu verarbeiten. Ich fing an, mich zu fragen, warum es für Frauen häufig so schwierig ist, die Fragen zu stellen, die sie zum Feminismus haben.

Es gibt so viel Verurteilung und Negativität. Dabei brauchen Menschen Räume zum Lernen und um sich weiterzubilden. Auf den Philippinen haben wir nicht die Möglichkeit, Fehler zu machen, Fragen zu stellen und über frauenspezifische Themen zu diskutieren. Natürlich gibt es feministische Gruppen, die wirklich erstaunliche Arbeit leisten, aber es ist immer wieder einschüchternd.

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Foto: Kristelle Ramos

Wie sieht das politische Klima für Frauen momentan auf den Philippinen aus?
Auf den ersten Blick wirken die Philippinen ziemlich gleichberechtigt. Wir hatten bereits zwei Präsidentinnen, es waren jede Menge Frauen im Senat und auch viele in anderen Machtpositionen. Bezüglich des Lohngefälles gibt es hier keine gravierenden Unterschiede, aber dann hört es auch schon auf. Die Scheidung ist erst seit ein paar Monaten legal. Es gibt immer noch keine "Pille danach", weil es als Abtreibung angesehen wird und diese offensichtlich illegal ist. Und jegliche Verhütungsmittel wurden ein Jahr lang verboten.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass die Gleichberechtigung nur oberflächlich greift?
Es gibt hier so viele extreme Stigmata. Wir müssen unsere Kämpfe weise wählen und die Schlachten langsam austragen. Der strikte Katholizismus des Landes spielt dabei eine große Rolle. Es gibt nur katholische Mädchenschulen, die uns eintrichtern, wie wir uns verhalten sollen. Wir haben immer noch Schulfächer, in denen wir lernen, wie wir den Haushalt führen oder richtig putzen. Auch die Geschichte der Philippinen trägt dazu bei: Unser Nationalheld ist dieser Typ, Jose Rizal, der während der spanischen Kolonialzeit subversive Romane schrieb. Der weibliche Charakter in diesen Büchern, Maria Clara, ist im Grunde der Inbegriff dessen, was eine Filipina-Frau sein soll. Sie ist unterwürfig, macht, was sie gesagt bekommt und meidet direkten Blickkontakt. Sie ist sehr schüchtern, bescheiden und sehr hellhäutig. Das ist das philippinische Ideal. Sie ist im Grunde eine Heilige hier.

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Foto: Chalk

Warum war der derzeitige Präsident Duterte so ein ausschlaggebender Faktor für die Gründung von Grrrl Gang Manila?
Er hat die Angewohnheit, diese verrückten, misogynen Kommentare zu machen. Einmal sagte er, "Kondome zu benutzen, wäre so, als würde man Süßigkeiten mit der Verpackung essen." Eine zutiefst unverantwortliche Aussage, schließlich regiert er über ein ganzes Landes; Menschen blicken zu ihm auf. Die Philippinen haben derzeit die höchste Verbreitung von AIDS und HIV in Asien. Die Leute hier sind nicht ausreichend über geschützten Sex aufgeklärt. Und jetzt haben wir einen Präsidenten, der sagt, dass Verhütungsmittel scheiße sind. Wir als Gruppierung können nicht riskieren, dass Teenager denken, so ein Verhalten wäre in Ordnung. Es geht nicht unbedingt um Grrrl Gang, sondern darum, dass Menschen sich auflehnen und in ihren Häusern und Körpern wohl fühlen können.

Wie war es für euch, eine feministische Gruppe unter so einem bekennenden Frauenfeind zu gründen?
Es ist in vielerlei Hinsicht kompliziert. Obwohl wir denken, dass Feminismus politisch ist, möchten wir niemanden ausschließen – und jedem die Chance geben, sich zu äußern. Wir hatten schon Frauen in unserer Runde, die Duterte unterstützen. Wir wollen nicht als Anti-Duterte-Frauengruppe angesehen werden, die bestimmte Menschen ausschließt, obwohl sie über ihre Probleme sprechen möchten. Wir müssen es schaffen, die Gruppe gleichzeitig darüber zu informieren, dass sein Verhalten falsch ist, ohne Frauen auszuschließen, die sich in ihren Führungspositionen wohlfühlen.

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Als Kollektiv nutzt ihr Kunst, um euren Aktivismus zu kommunizieren. Du selbst bist in einer Riot Grrrl-Band namens The Male Gaze zusammen mit einigen anderen Grrrl Gang-Mitgliedern. Was macht Kunst zu so einem wichtigen Werkzeug, um feministische Ansichten zu verbreiten?
Die Sache mit der Kunst ist, dass man Leute erreichen kann, die nicht unbedingt vom Aktivismus angelockt werden. Viele Leute, die zu Male Gaze-Shows gehen, wollen einfach nur einen guten Freitagabend erleben. Sie rechnen nicht damit, dass ich mich dann auf der Bühne darüber beschwere, dass wieder einmal eine Frau belästigt wurde. Plötzlich werden sie mit der Realität konfrontiert. Für mich ist es nur eine weitere Gelegenheit, jemanden zum Nachdenken zu bewegen. Das ist doch die Aufgabe von Kunst: jemanden emotional zu berühren. Warum sollte das nicht auch Spaß machen können? Die amerikanische Sängerin Kathleen Hanna hat immer gesagt, Riot Grrrl sei die Einstiegsdroge für den Feminismus. Wenn Grrrl Gang für jedes Mädchen der Einstig zum Feminismus ist, oder nur ein paar Leute beschließen, dass sie aufgrund unserer Auftritte eine gleichberechtigte Welt wollen, ist das gut genug für mich.

Wie schafft es Male Gaze die Ideen der Gruppe nach außen zu tragen?
Als Mariah und ich uns dazu entschlossen haben, The Male Gaze zu gründen, wollten wir es super feministisch aufziehen. Die Band sollte ein Ort sein, um über alles zu reden. Durch Musik habe ich viel über Feminismus gelernt. Wenn irgendeine Frau aus Amerika Songs schreiben kann, die mich in der "Dritten Welt" so berühren, dann stelle dir nur mal vor, was eine Musikerin erreichen kann, die zu Frauen in der "Dritten Welt" spricht, die dieselben Erfahrungen teilt?

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Foto: Kristelle Ramos

Manchmal scheint es, als würden sich die Leute nur mit Feminismus beschäftigen, wenn es gerade im Trend ist oder etwas Schlimmes passiert ist. Wie schaffen wir es, den Widerstand an 365 Tagen im Jahr am Leben zu erhalten?
Genau darüber musste ich auch nach dem Frauenmarsch nachdenken, da er keine wirkliche Veränderung gebracht hat. Die Menschen müssen erkennen, dass es beim Feminismus nicht darum geht, zu sagen "Oh ja, ich bin Feministin", sondern darum, etwas zu verändern. Man muss ein konkretes Ziel haben. Das fängt schon mit kleinen Gesten an, wie jemanden auf diskriminierende Witze hinzuweisen – sogar das ist schon eine bedeutende Veränderung und wichtiges Training.

Aber ist es manchmal auch hilfreich für eine Bewegung, wenn sie Mainstream wird?
Auf den Philippinen ist Feminismus immer noch ein schmutziges Wort. Ich glaube, dass es durch Grrrl Gang etwas cooler wurde. Deswegen habe wir uns auch nicht "Feminists of the Philippines" oder "Manila Feminists" genannt. Die Idee war ein Ort zu kreieren, der nicht einschüchtert. Oft hört man, dass Frauen hier sagen: "Nein, ich bin keine Feministin."

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Foto: Kristelle Ramos

Die Sorge ist wahrscheinlich, dass Feminismus, sobald er im Trend liegt, sehr verdaulich wird. Wenn er nicht mehr radikal ist, ist es dann überhaupt noch möglich, etwas zu verändern?
Die Philippinen sind sehr stark von Amerika beeinflusst. Sobald der Feminismus in Amerika groß ist, wird er es definitiv auch hier in der Oberschicht sein. Trotzdem gibt es eine große Kluft zwischen der oberen und der unteren Klasse – selbst die Mittelklasse ist winzig. Die meisten Menschen auf den Philippinen wissen noch nicht einmal, wer Beyoncé ist. Deswegen sehen wir Grrrl Gang als ein feministisches Trainingslager. Die Philippinen bestehen aus über 7000 Inseln. Wir wollen, dass Frauen ihre eigene Grrrl Gang in ihrer Stadt gründen. Das ist unser Ziel: dass sich Menschen überall in Communitys zusammenfinden.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.