Foto (links): Last Heirs, Foto (rechts): UY Studio

Warum Gender in der Mode (bald) keine Rolle mehr spielt

Wir haben sechs deutsche Designer*innen gefragt, wann Geschlechtergrenzen endlich zu einer Reliquie der Vergangenheit werden

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09 Oktober 2018, 3:20pm

Foto (links): Last Heirs, Foto (rechts): UY Studio

Sprechen wir über Kommunikationsmittel, denken wir ans Handy. An unseren Computer. An die Werbung in der U-Bahn. Vielleicht sogar an die Werke von Dokumentarfotograf*innen oder Filmemacher*innen. Ein Mittel, das im kollektiven Bewusstsein jedoch nur selten als ein solches angesehen wird, ist die Mode. Die Kleidung, die unserem Gegenüber mal mehr mal weniger subtil die Codes unserer Interessen, unserer Vergangenheit und Gegenwart übermittelt. Doch was passiert, wenn diese Codes durch die soziokulturelle Stigmatisierung eines gesellschaftlichen Konstrukts namens Gender beeinflusst, wenn nicht sogar kategorisiert werden? Wenn das Ausleben oder Ablehnen von Gender eben keine freie Entscheidung ist, sondern seit der Blau-Rosa-Klassifizierung unsere individuelle Identitätsfindung immer wieder mit Klischees konfrontiert wird?


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Vor allem Menschen, für die Gender nicht im schwarz-weißen – oder wahlweise blau-rosa – Kontext stattfindet, stoßen schnell an heteronormative Grenzen. Im Mainstreamdenken heißt es, Röcke seien für Frauen, Hemden für Männer und Latzhosen für hängengebliebene Hippies. Und genau diese sehr vereinfachte Einordnung anhand von vermeintlich geschlechtsspezifischer Kleidung erschwert ein unvoreingenommenes Wahrnehmen der anderen angesichts eines so sensiblen und bunten Themas wie Gender.

Eigentlich ist es verblüffend, dass heute, im Jahr 2018, die Diskussion rund um diese Thematik immer noch so kontrovers geführt werden muss. In allen Bereichen der Kultur gibt es Protagonist*innen, die ihren Einfluss dazu nutzen, die Schlagworte Sex, Gender und Sexualität immer fluider zu gestalten. Da sind Boychild, Campbell Addy und 070Shake. Da sind Desmond, Munroe Bergdorf und Arca. Da sind so viele mehr. Wie auch die Designer*innen, die etablierte Konzepte hinterfragen und eine nicht-binäre Realität zum Textil werden lassen.

Damit schauen sie zurück in die Modehistorie, in der Ludwig XIV ungestört in High Heels, mit funkelndem Schmuck, wallendem Haar und Strumpfhose durchs Schloss spazieren konnte. Damit reanimieren sie David Bowies Transformation zu Ziggy Stardust. Damit treten sie in die Fußstapfen von Visionären wie Yohji Yamamoto, der schon in den Achtzigern proklamierte: "I always wonder who decided that there should be a difference in the clothes of men and women. Perhaps men decided this."

Zu den Revolutionären unserer Zeit gehört der Kanadier Rad Hourani, der seit 2013 als erster Modeschöpfer eine Unisex-Kollektion im Rahmen der Pariser Haute Couture Schauen zeigt – ein Statement in diesem so elitären Kreis. Da müssen Namen wie JW Anderson, Martine Rose, Eckhaus Latta, Vaquera, Vetements und Palomo Spain genannt werden, deren Kreationen von allen Geschlechtern getragen werden. Der momentane Hype um die Streetwear-Bewegung, die mit Sneaker und Trackpants physische Unterschiede annulliert, darf natürlich auch nicht fehlen. Bis dato ungesehene Shop-Konzepte, wie die genderneutrale Abteilung bei Selfridges oder The Phluid Project in New York, tragen dazu bei, ein demokratisches Kauferlebnis zu generieren.

Aber auch in Deutschland gibt es Kreative, die die Bewegung um geschlechtsneutrale Bekleidung vorantreiben:

Foto: Jaap Bräutigam, Styling: Theresa Gross, Hair & Makeup: Victoria Reuter, Models: Franek & Greta

Verena Schepperheyn, SCHEPPERHEYN:

"Für uns ist es spürbar, dass die Gender-Differenzierung in der Mode immer unbedeutender wird. Für unseren Designprozess liegt der Hauptfokus nicht mehr bei der Frage, welches Geschlecht unsere Bekleidung tragen wird, sondern in sich stimmige Produkte zu kreieren. Nach und nach hat sich gezeigt, dass unsere Herrenmode auch von Frauen getragen wurde (uns mit inbegriffen), deshalb haben wir entschieden, die Gender-Unterscheidung auch in unserer Kommunikation hinter uns zu lassen. Für uns war das eine logische Weiterentwicklung. Wir glauben allerdings nicht, dass sich in naher Zukunft alle nur noch genderless kleiden werden. Trotzdem hoffen wir, dass in der Gesellschaft die Toleranz für das Erscheinungsbild anderer weiter wachsen wird." – @schepperheyn

Jessica Dettinger, FORM OF INTEREST:

"Die Arbeit im Bereich Mode lässt nicht aus, sich früher oder später mit dem Thema Gender auseinanderzusetzen und eine Haltung einzunehmen. Ästhetik kommt in und aus der Mode, aber der männliche und weibliche Körper bleibt als Konstrukt bestehen. Die Modewelt ist noch nicht ganz dort angekommen, wo man auf intellektueller Basis hin möchte. Die Kategorisierung in Menswear und Womenswear findet meistens noch statt, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Die Mode ist auf einem guten Weg, einen Gegenpol zu kreieren, der über Gendernormen hinaus Menschen kleiden darf und kann. Diesen Zustand haben wir Wegbereitern der Mode und gesellschaftlichen Strömungen der Punk- und Grunge-Szene zu verdanken. Erst jetzt finden diese mutigen Gedanken im Mainstream Anklang, auch wenn es noch viele gesellschaftlich verankerte Gendernormen gibt, die vermutlich erst durch einen Generationswechsel in die breite Masse überführt werden. In meiner Arbeit definiere ich Unisex oder Gender eher humanistisch. Persönlich war es mir eigentlich immer schon zu wenig, einen Menschen durch die oberflächliche Genderbrille zu betrachten. Das ist doch gerade die Freiheit in der Mode, dass Codes nicht mehr gelesen werden müssen. Warum also noch auf Männer- und Frauenmode verweisen?" – @form_of_interest

Idan Gilony & Fanny Lawaetz, UY STUDIO:

"Wir leben in einer revolutionären Zeit, in der High Fashion Frauenkleidung an Männermodels zeigt, in der Drag-Queens auf den Covern von Hochglanzmagazinen zu sehen sind. Es ist unglaublich, diese Revolution mit unserem Ansatz der Genderfluidity mitzugestalten. Unsere Designs erlauben es, von jeder Person – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Körperform – entspannt getragen zu werden und Raum für eigene Interpretation zu geben. Genau das bedeutet geschlechtsneutrale Kleidung: Dass Stereotype und Fremdurteile überwindet werden und die Freiheit des persönlichen Ausdrucks zugelassen wird. Es wäre eine positive Zukunftsvision, dass Menschen hauptsächlich Unisex-Kleidung tragen, doch bis dahin muss unsere Gesellschaft noch einige Hürden überwinden. In der Zwischenzeit versuchen wir, alle dazu zu inspirieren, außerhalb ihrer Komfortzone zu denken." – @uy.studio

Hermione Flynn, HERMIONE FLYNN:

"Kleidung hat eine prägnante Rolle, wenn es darum geht, Gender zu definieren. Es gibt bestimmte Regeln innerhalb der Kulturen, die zeigen, welche Bekleidung für Männer und Frauen akzeptiert ist. Für mich gibt es keine logische Erklärung, warum Männer keinen Rock tragen sollten – und dennoch fühlen sich viele Menschen der westlichen Welt davon angegriffen. Das ist ein großer Teil des Problems. In unserer Arbeit versuchen wir unser Bestes, um gesellschaftliche Gendernormen in der Mode zu ignorieren und das Design stattdessen von der Körperform abhängig zu machen. Inspiriert wurde ich dazu von meiner ersten Kollektion, deren Kampagne eine Bodybuilderin zeigt. Ich war fasziniert von der Idee, dass du deinen Körper zu einer Skulptur machen kannst, die im Gegensatz zu dem steht, was von der Gesellschaft als normal angesehen wird. Ich wollte schauen, wozu eine Frau wird, wenn sie sich von der maskulinen Ästhetik beeinflussen lässt. Geschlechtslose Kleidung kann dazu beitragen, diese Art der Limitierungen zu bekämpfen. Wir müssen diese Werte an die nächste Generation weitergeben – die Zukunft liegt in den Händen unserer Kinder." – @hermione_flynn

Foto: Elizaveta Porodina, Models: Alex W., Fiwoo, Jason Harderwijk, Hair & Makeup: Janina Zais

Sarah Effenberger, FOMME:

"Meiner Meinung nach hat das Thema Gender gerade in der Mode den Höhepunkt an Relevanz erreicht, weil wir gezwungen sind, dieses Thema neu zu definieren. In der Geschichte der Bekleidung war es normal, die Geschlechter klar zu definieren, allerdings wurde schon immer voneinander abgeschaut. Unser Zeitgeist verlangt von uns, diese Rollen aufzubrechen, zu vereinen und auch zu entfernen. Politisch sind wir gerade auf einem Höhepunkt hinsichtlich der Themen Emanzipation und Gleichstellung der Geschlechter, aber vor allem auch was die Anerkennung der sexuellen Orientierung angeht. Es war schon immer die Aufgabe der Mode, ein Spiegel der Gesellschaft zu sein. Wir Designer tragen einen großen Teil dazu bei, dass diese Offenheit für einen Wandel passieren kann und konnte. Fomme will Gleichberechtigung auf eine demokratische Weise vorantreiben und die Leute zum Nachdenken bewegen." – @fomme_official

Foto: Sven Marquardt, Produktion: R&D Lab*, Art Direction: Lea Roth, Fashion Director: Maximilian Dörner, Styling: Johny Pham, Hair & Make-Up: Kristin Roes & Saskia Krause, Assistenz: Hardy Paetke,
Model: Elias Gozal

Lea Roth & Max Dörner, LAST HEIRS:

"Genderless ist nicht unser Ding, genderneutral oder genderfluid schon eher. Wir versuchen mit unseren Kollektionen neue, offene Räume für einen Diskurs zu schaffen, statt aktuelle Gendernormen zu unterstreichen. Für uns bedeutet das, unseren Kund*innen die Wahl zu lassen, was sie tragen. Wir haben uns dazu entschlossen, mit Gendergrenzen zu brechen, weil unsere Wurzeln im Berghain und der LGBTQ+ Szene liegen. Unsere Musen bewegen uns konstant dazu, für das Recht der Akzeptanz und Toleranz zu kämpfen und neue Normen aufzustellen, damit Gendergrenzen irgendwann eine belächelte Reliquie der Vergangenheit werden." – @lastheirs

Foto: Sven Marquardt, Produktion: R&D Lab*, Art Direction: Lea Roth, Fashion Director: Maximilian Dörner, Styling: Johny Pham, Hair & Make-Up: Kristin Roes & Saskia Krause, Assistenz: Hardy Paetke
Model: Merle Japp