Hannah Dunkelberg

Young Talents: 7 Berliner Künstler, die keine Grenzen kennen

Sie erzählen von Klischees, ihrem Studium und den Reaktionen Außenstehender.

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Okt. 25 2018, 4:53pm

Hannah Dunkelberg

Kunst-Studierende müssen sich so einiges anhören. Da fragt der Großvater gerne mal, womit man denn eigentlich sein Geld verdienen wolle oder virale Memes vergleichen Berliner Kunst-Studis mit einem Staubsauger in Nasenform, der verdächtiges weißes Pulver "einatmet". Bei wenigen treffen diese Klischees tatsächlich die Realität – die meisten erlernen einfach ein wunderbares Handwerk, das ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Inneres und unsere Gesellschaft auf bislang ungesehene Art widerzuspiegeln.

In dem sich stets revidierenden Kunstmarkt werden am Laufband neue Galerien und Ausstellungskonzepte geboren, die besonders jungen Talenten die Freiheit geben, ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren, ihre persönlichen Werte zu kommunizieren und Alteingesessenes in Frage zu stellen.


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Die Förderung eben dieser bisher unentdeckten Generation liegt der Kuratorin von Young Talents, Miriam Schwarz, besonders am Herzen: "Eine Karriere am Kunstmarkt, ganz besonders der Einstieg, ist nicht einfach. Und gerade die ersten Schritte nach dem Studium sind schwierig. Während des Studiums lebt man in einer Art Vakuum. Man profitiert von den internen Netzwerken und Infrastrukturen – nach dem Studium muss man sich diese erst einmal selbst aufbauen, Werkstätten und Ateliers suchen. Neben dem Finden der eigenen künstlerischen Identität und Sprache ist für die jungen Künstler*innen also vor allem die praktische Erfahrung enorm wichtig. Ausstellungen initiieren und Netzwerke aufbauen." Genau das passiert nun bei der Ausstellung Young Talents, in der zwölf Studierende der Universität der Künste ihre Werke zum Thema Form und Farbe präsentieren. "Die jungen Künstler*innen haben oft eine sehr freie und unvoreingenommene Herangehensweise und geben uns einen Einblick in die Themen und Ästhetik ihrer Generation – das macht die Zusammenarbeit mit ihnen unglaublich spannend", bemerkt die Kuratorin.

Miriam Schwarz stellt den Nachwuchs der deutschen, der Berliner Kunstszene in den Mittelpunkt und beweist, dass die Hauptstadt trotz all der Gentrifizierung weiterhin Kunststandort ist: "Obwohl die Lebensbedingungen sicherlich schwieriger geworden sind, ist Berlin als Basis für junge Künstler*innen immer noch attraktiv. Berlin bietet so viele Off-Spaces und andere spannende Gelegenheiten außerhalb klassischer Galerien und Institutionen, das macht es sowohl für die Kunstschaffenden als auch Besucher*innen sehr attraktiv. Im Vergleich zu anderen deutschen Städten ist Berlin immer in Bewegung, die Hotspots ändern sich ständig. Außerdem glaube ich, dass Berlin und seine Kunstszene international gesehen immer noch stark mit dem Arm aber Sexy-Mythos identifiziert werden."

Die Studierenden überschreiten Grenzen. In ihren Arbeiten, in ihren Ideen – aber auch im geographischen Kontext. Denn von diesen jungen Talenten wird die Welt noch viel hören.

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Andi Fischer

Was ist die wichtigste Lektion, die du während deines bisherigen Studiums gelernt hast?
Dass Stichsägen nicht rückwärts sägen können.

Was ist das nervigste Vorurteil, mit dem du als Berliner Kunststudent konfrontiert wirst?
Dass auf Familienfeiern alle denken, man könne realistisch malen.

Welche Reaktion möchtest du bei Betrachtern deiner Arbeiten auslösen?
Ich mag es, wenn Leute darüber schmunzeln oder sogar laut lachen und im nächsten Moment ruhig und nachdenklich werden. Oder andersherum.

Würdest du dich noch mal dazu entschließen, Kunst in Berlin zu studieren?
Das Kunststudium in Berlin war die einzige Option. Ich wollte Berlin nicht verlassen. Auch wenn ich nicht wusste, was es bedeutet, Kunst zu studieren. Ich wusste nur, dass ich so den Massen an Hausarbeiten und Prüfungen entgehen konnte, denen man in anderen Studienfächern ausgesetzt ist. Während meines Studiums hatte ich den Vorteil, bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung und einen festen Job zu haben. Das gibt einem eine gewisse Sicherheit, die ein Kunststudium angenehm machen kann. Also ja, ich würde mich noch mal so entscheiden.

Welche Entwicklung in der Kunst findest du momentan besonders spannend?
Dass sie leider eher leiser anstatt lauter wird.

Welchen anderen jungen Künstler*innen sollten wir folgen?
Okka Hungerbühler, Thomas Mader, Lars Fischer, Conny Maier, Konrad Hanke

@andifishfish

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Felix Schröder

Was löst deine Kunst in dir aus?
Das ist eigentlich immer sehr dynamisch, das wechselt von Bild zu Bild. Oft ist es Wut und Nervosität oder, für einen sehr kurzen Moment, Zufriedenheit. Aber meistens hoffe ich, dass das Bild schön genug wird, sodass ich es ertragen kann.

Wie kommst du in die richtige Stimmung neue Werke zu schaffen? Und woran merkst du, dass deine Malerei gut ist?
Die Stimmung dazu ist eigentlich immer da. Quavo und Ein-Euro-Apfelschorle im Atelier reichen da schon für das richtige Ambiente. Die Ideen entstehen im täglichen Datenstrom, der auf mich einwirkt – ich muss sie nur richtig filtern. Ich scheitere lieber an der Umsetzung der Idee und interessiere mich dann für die Fehler. Diese probiere ich in der nächsten Arbeit bewusster zu nutzen. Am Anfang wirken Ideen oft spannend, doch ob sie das auch nach der Umsetzung sind, ist eher Spekulation. Wenn das Bild lang genug steht, ohne zerstört zu werden, war die Idee gut genug.

Was ist die wichtigste Lektion, die du während deines bisherigen Studium gelernt hast?
Ich habe gelernt, immer kritisch gegenüber meiner Arbeit zu bleiben.

Welche anderen jungen Künstler*innen sollten wir kennen?
Lena-Elise Aicher, Martin Remus, Dennis Buck, Phillip Köstermenke

@felixoxo2k19

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Caroline Steinke

Wie reagieren andere Menschen auf deine Kunst?
Ich stand mal mit einer Galeriebesucherin vor einem meiner Bilder. Da ich sehr abstrakt arbeite, wollte sie von mir wissen, wann für mich der Zeitpunkt gekommen war, zu sagen: "So, das Bild ist jetzt fertig." Für mich steckte in dieser Frage eine gewisse Kritik, da sie offensichtlich anderer Meinung war als ich. Gehetzt vom Zeitdruck, im Trubel der lauten und schnelllebigen Großstadt, sah sie etwas anderes in meinen Bildern. Losgelöst von jeglichen Verpflichtungen, Regeln und auch Grenzen gibt mir meine Kunst das Gefühl, dass ich stehenbleiben und tief durchatmen darf.

Was ist das nervigste Vorurteil, mit dem du als Berliner Kunststudentin konfrontiert wirst? "Ach ja, ich hätte auch ganz gern die Zeit zum Malen."

Welche Entwicklung in der Kunst findest du momentan besonders spannend?
In meiner eigenen künstlerischen Arbeit nehmen die aktuellen Entwicklungen in der Kunstszene eher wenig Raum ein. Seitdem ich male, fasziniert mich die Farbe Weiß. Das Verhältnis von Weißraum und Farbe auf der Leinwand. Gerade lese ich Schriften von Kandinsky und Malewitsch, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit naturwissenschaftlichen und physikalischen Fragen befassten und eine Mehrdimensionalität in der Farbe Weiß sahen.

Wie sieht dein Arbeitsprozess aus?
Es gibt zwei Phasen in meiner Arbeitsweise, die sich regelmäßig abwechseln. Die eine befasst sich damit, die Farbe ohne viel Nachdenken auf die Leinwand zu bringen. Im zweiten Schritt beginne ich zu konstruieren, die Farben aufzubauen – aber auch wieder zu entfernen. Für mich wird es interessant, wenn die Flüssigkeiten eine Art Eigenleben entwickeln. Damit meine ich beispielsweise ungeplante Verläufe oder auch Reaktionen der Farben untereinander. Grundsätzlich ergeben sich neue Ideen meistens im Prozess. Ob die auch dazu führen, dass eine Arbeit abschließen kann, ist bei jeder Leinwand unterschiedlich.

@caroline.steinke

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David Amberg

Wie nimmst du als junger Kunstschaffender die deutsche Kunstszene wahr?
Wie den Scheinriesen aus Jim Knopf – je näher man kommt, desto weniger furchterregend.

Was hat sich während deines Studiums besonders in deinen Kopf gebrannt?
Ich hab mal einen gebrauchten Kunstband gekauft und auf der ersten Seite hatte der*die Vorbesitzer*in mit Bleistift reingeschrieben: „Eine Mischung aus Disziplin und Leidenschaft. Aber vor allem: Keine Angst haben.“

Was ist das nervigste Vorurteil, mit dem du als Berliner Kunststudent konfrontiert wirst?
Dass man eine sehr spannende Person sei.

Warum hast du Berlin für dein Kunststudium ausgewählt?
Ich hab mal gehört, der einzige Vorteil an einem Studium in Berlin wäre, dass man nach der Uni nicht mehr hierherziehen muss. Nein, aber ernsthaft, die eigene Ausbildung, das ist ja nicht das Nine to Five an der Uni, sondern auch das gesamte Umfeld. Und wenn man jeden Abend auf eine Eröffnung oder einen Talk gehen kann, ist das natürlich fantastisch.

Was interessiert dich in deiner Kunst?
Mich interessiert es, Bilder zu machen, die mit Formen von Ambivalenz und Uneindeutigkeit spielen. Zum Beispiel ob das, was man anschaut, eine Fotografie oder ein Rendering ist, ob die Szene tatsächlich stattgefunden hat oder nicht. Oder was das überhaupt ist, was man da anschaut, und sich das visuelles Gedächtnis anstrengen muss. Wenn man sich fragt: "Wie sieht eine feste, wie eine flüssige Oberfläche aus? Wie eine Fotografie und wie eine Computersimulation?"

@david.amberg

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Walker Brengel

Was möchtest du mit deiner Kunst bewirken? Welche Reaktionen möchtest du im Publikum auslösen?
Mein Ziel ist es, etwas zu kreieren, das mich selbst überrascht. Es gibt bestimmte Momente, in denen ich nicht vorhersehen kann, ob ich das Werk am Ende lieben oder hassen werde. Das macht es spannend für mich. Wenn ich arbeite, versuche ich nicht an die Reaktionen außerhalb meines Ateliers zu denken. Dann gestalte ich die Arbeit nur für mich selbst. Wie der Betrachter dann auf darauf reagieren wird, liegt nicht in meiner Hand. Jeder lässt seine eigene Persönlichkeit, Vorlieben, Erfahrungen und Gedanken in die Arbeit einfließen – es gibt nicht die eine richtige Interpretation.

Warum studierst du ausgerechnet Kunst in Berlin?
Mir wurde hier eine Chance geboten und ich bin dankbar, diese wahrgenommen zu habe. Ich denke nicht viel über das Kontrafaktuale nach.

Wie nimmst du als junger Kunstschaffender die deutsche Kunstszene wahr?
Vor allem die Berliner Kunstszene bietet starke Unterstützung für junge Künstler. Als ein Künstler, der hier lebt, ist man ziemlich verwöhnt mit der Menge an Institutionen und Galerien. Bisher weiß ich noch nicht so viel über die Kunstszene im Rest von Deutschland.

Was ist das nervigste Vorurteil, mit dem du als Berliner Kunststudent konfrontiert wirst?
Das Nervigste ist, das Label Student zu tragen, während man versucht, außerhalb der Universität ernst genommen zu werden.

Welche anderen jungen Künstler*innen sollten wir kennen?
Malte Zenses, David Schiesser, Tom Król, Christian Hoosen, Jenny Brosinski

@walkerbrengel

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Hara Shin

Was lässt dich deine Kunst fühlen?
Während ich an meiner Kunst arbeite, spüre ich eine Lücke, die zwischen der Realität und meiner Imagination entsteht. Diese Lücke löst in mir Gefühle aus, die meine Gedanken schweifen lassen. Grundsätzlich stelle ich mir die Frage, was ich mit meiner Kunst ausdrücken möchte. Dabei betrachte ich mich und meine Werke aus unterschiedlichen Perspektiven. Aus verschiedenen Standpunkten, in denen ich mich selbst befinde.

Was ist das nervigste Vorurteil, mit dem du als Berliner Kunststudentin konfrontiert wirst?
Als Berliner Kunststudentin habe ich bisher keine nervigen Vorurteile erlebt. Jedoch muss ich mich als Ausländerin, die in der Kunst tätig ist, immer wieder beweisen und zeigen, weshalb ich "gerade in dieser Stadt" studieren muss. Manchmal mache ich mir Sorgen, dass ich Berlin verlassen und in mein Heimatland zurückkehren muss. Um das Visum zu verlängern, muss man nachweisen, dass es einen Grund gibt, weiterhin in dem Land bleiben zu müssen.

Welche Entwicklung in der Kunst findest du momentan besonders spannend?
Es ist eigentlich langweilig zu sagen, dass die Grenzen zwischen Bereichen wie Mode, Design, Architektur, Film, Tanz und Kunst verschwinden, aber seitdem sich das Internet und die Social-Media-Kultur so rasant entwickeln, werden diese Bereiche sehr viel schneller in der Kunst integriert. Viele haben sogar den Begriff "Kunst" hinterfragt. Es gibt aufregende visuelle Plattformen im virtuellen, aber auch realen Raum, die nur für eine kurze Zeit konsumiert werden und dann wieder verschwinden. Außerdem: Während es eine Menge bedeutender Kunst von Einzelpersonen gibt, werden gleichzeitig riesige Biennalen und Ausstellungen in Museen von Star-Kurator*innen und Star-Künstler*innen organisiert. Diese beiden Seiten der Kunst vermischen sich, sie leben in einer Co-Existenz – das ist spannend.

@shin_hara_

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Hannah Dunkelberg

Wie nimmst du als junge Kunstschaffende die deutsche Kunstszene wahr?
Ich bin mir nicht sicher, aus meiner Perspektive Grenzen zwischen deutscher und nicht-deutscher Szenerie ziehen zu können. Kunst und diejenigen, die sich um sie bewusst bemühen, nehme ich sehr motiviert wahr. Manchmal wünsche ich mir mehr Mut zur Ehrlichkeit ­– ehrliches Interesse oder Desinteresse.

Welche wertvolle Erfahrung hast du aus deinem bisherigen Studium mitgenommen?
Ich habe mich umgeschaut und versucht, mich nicht von Geschwafel ablenken zu lassen und zu dem zu stehen, was meine Gedanken ausmacht, was mir Lust und Begehren bereitet. Ich denke, eine Art mutige Faszination und leidenschaftliche Neugierde zuzulassen und viele verschiedene Menschen und deren Ansichten kennenlernen, ist das, was an einer Kunsthochschule bereichernd sein kann. Außerdem durchhalten und froh sein, welche tollen Möglichkeiten und Werkstätten es an Kunsthochschulen so gibt.

Welche Intention verfolgst du mit deiner Kunst?
Das kann vieles sein und löst ja im jeweiligen Betrachter individuelle Gedanken und Gefühle aus – bestenfalls ein erlösendes Schweigen. Dann findet eine Art unausgesprochene Verabredungen zwischen deiner Arbeit und dem Auge des Betrachters statt, in der sich ein paar wortlose Fragen erheben und an Formen entlanghangeln. Dinge, die ab und zu das Sichtbare im Verborgenen – und das Verborgene im Sichtbaren – aufblitzen lassen. Ähnlich wie Dinge, die im Halbschatten glänzen. Ich freue mich, wenn das gelingt und wenn mit Humor gezeigt wird, wie kraftvoll Kunst sein kann und wie sie gleichzeitig in ihrem belanglosen Zusammenspiel irritiert und verführt. Das könnte quasi (m)ein Traumformat sein.

@hannahsophiedunkelberg

Die Ausstellung Young Talents, in der zwölf Studierende der Universität der Künste im SAP SE Walldorf (in Kooperation mit der Berliner galerie burster) ihre Werke präsentieren, ist vom 26. Oktober 2018 bis zum 22. Februar 2019 zu sehen.