Foto: Screenshot von Vimeo aus dem Video "Precious Stones" von Matthew Kaundart

Mit Aktmalerei gegen toxische Männlichkeit

"Wenn ich Männlichkeit umprogrammiere, versuche ich die Nervenbahnen neu zu vernetzen. Ich ersetze sie durch Empathie, sexuelle Achtsamkeit und Zärtlichkeit"

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12 Dezember 2018, 12:24pm

Foto: Screenshot von Vimeo aus dem Video "Precious Stones" von Matthew Kaundart

Bereits in den ersten Jahren seines jungen Lebens musste Daniel Crook Furchtbares durchstehen: Er lebte im Schatten der unvorhersehbaren, explosiven Gewalt seines Vaters, die so ausartete, dass dieser beinahe Daniels Mutter umbrachte. Das klingt erstmal schockierend, doch für Crook fühlte es sich so unglaublich normal an. Gewalt stand in seinem ländlichen Zuhause auf der Tagesordnung. Sie war so alltäglich wie die Berieselung durch den Fernseher, den er immer dann einschaltete, wenn er die Schreie seiner Eltern ausblenden wollte.

In einer Stadt, deren männliche Bevölkerung ihre Unterhaltung darin fand, sich zu betrinken, Frauen zu belästigen und sich zu prügeln, war es keine wirkliche Neuigkeit, dass eine Ehefrau geschlagen wurde. Was wir heute als "Toxic Masculinity" kennen, gehörte damals einfach dazu. Von Männern wurde erwartet, dass sie aggressiv, dominant und gefühllos waren, ansonsten wurden sie nicht als "echte" Männer angesehen.


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Als ein heranwachsendes queeres Kind, das mehr nach der empfindsamen Mutter als dem gewalttätigen Vater kam, konnte Crook nur schwer nachvollziehen, weshalb dieses Männerbild die Norm sein sollte. Er spürte, dass mit seinem Vater und den anderen Männern im Dorf etwas gründlich schief lief.

"Diese Männer waren so traurig und fragil", sagt Crook. "Für mich war es klar, dass ihre Aggression nur dazu da waren, um ihre Verletzlichkeit zu verstecken. Ich habe einen Großteil meiner Kindheit damit verbracht, meine eigenen Erfahrungen mit ihren zu vergleichen und habe mich dabei immer gefragt, was es eigentlich bedeutet, ein Mann zu sein."

Crook entwickelte eine Faszination dafür, wie sich gewalttätige, hegemoniale Maskulinität ausdrückt und erwischte sich dabei, ein tiefes Mitgefühl für die Männer zu entwickeln, die von ihrem Zwang stereotypische Normen einzuhalten, limitiert wurden. Die davon abgehalten wurden, Liebe zu zeigen, bestimmte Emotionen zuzulassen und Dinge kategorisch ablehnten, die von anderen vielleicht als "schwul" oder "girly" angesehen wurden. Er selbst hatte sich nie von diesen Grenzen einschränken lassen – vielleicht könnte er also auch anderen dabei helfen, auszubrechen.

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Nachdem er seine Heimat verlassen hatte, entwickelte er eine Methode, um genau das zu tun. In den letzten fünf Jahren hat der Maler, Musiker und Performance-Künstler heterosexuelle Cis-Männer zu einem besonderen Projekt eingeladen: In oft stundenlangen Sessions posieren sie für Aktgemälde, in denen Crook – natürlich nur mit ihrem Einverständnis – versucht, ihre Männlichkeit zu dekonstruieren, um einen gesunden Zugang zur Männlichkeit zu ermöglichen.

Crook bezeichnet sein Projekt als "Masculinity Reprogramming", ist sich aber bewusst, dass nicht alle Formen von Maskulinität so bösartig sind wie die, die seine Arbeit inspirierten. Alle Mitwirkenden müssen daher wirklich wollen, dass ihre Identität analysiert wird. Ein Mann, der für ihn posierte, hatte zum Beispiel so viel Angst davor, seine Emotionen zu zeigen oder nach Hilfe zu fragen, dass er in den letzten fünf Jahren nicht ein Mal umarmt werden konnte. "Wenn ich Männlichkeit umprogrammiere, versuche ich die Nervenbahnen, die zu solcher Unterdrückung führen, neu zu vernetzen. Ich ersetze sie durch Empathie, sexuelle Achtsamkeit und Zärtlichkeit", meint Crook.

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"Das kann, je nach Model, entweder furchteinflößend oder stärkend sein", erzählt er weiter. "Die meisten dieser Männer standen noch nie nackt vor einem anderen Mann. Das kann ziemlich intensiv sein. Doch an einem sicheren und gleichberechtigten Ort hilft ihnen die Nacktheit dabei, eine neue Verbindung zu ihrem Körper aufzubauen – und zwar in einer Art, die mit all ihren bisherigen Vorstellung bricht. Sie hören auf, sich als eine gefährliche Waffe zu sehen."

Sich auszuziehen, kann im ersten Moment eine extrem verletzliche Situation sein, aber nach kurzer Zeit fängt die sorgsam aufgebaute Fassade langsam an zu bröckeln. Die Männer geben sich langsam ihrer Nacktheit hin. Sie hören auf, eine Projektion ihrer selbst zu sein. Sie sind nicht mehr länger der Jäger, der Schläger, der Anführer. Sie sind einfach nur ein Mensch, der vor einem anderen steht – nichts weiter.

Schaue hier den Film zur Entstehung von Precious Stones:

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.