Offset trägt Louis Vuitton by Virgil Abloh. Foto: Manuel Obadia

Offset will seine Geschichte selbst bestimmen

Wir haben mit dem 'Migos' Rapper über Ablehnung und Durchhaltevermögen gesprochen. Nur den Namen seines Albums wollte er nicht verraten ...

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01 Februar 2019, 8:51am

Offset trägt Louis Vuitton by Virgil Abloh. Foto: Manuel Obadia

Offset stürmt in das schicke Restaurant. Er leuchtet förmlich in seinem komplett weißen Outfit. Bald kommt sein erstes Solo-Album raus. Seine beiden Migos-Kollegen sind ihm dabei schon voraus. Einzig den Titel hält er noch immer geheim. "Ich möchte, dass die Leute alles auf einmal bekommen, die Songs und den Namen", erzählt der Musiker. "Wenn du den Titel im Vorfeld verrätst, hat er bereits einen Einfluss darauf, wie das Album angenommen wird." Es scheint, als möchte Offset das Narrativ um seine erste Solo-Veröffentlichung genau kontrollieren. Keine große Überraschung, wurde er in den letzten Monaten doch wie unter einem Mikroskop beobachtet – sein Privatleben wurde in der Öffentlichkeit bis ins Kleinste seziert.

Er ist Teil von Migos, eine Band, die kein großes Intro bedarf. Die drei Goldjungs aus Atlanta sind es gewohnt, mit den krassesten Superlativen gepriesen zu werden. Mit ihrem kontroversen 'Triplet Flow' und viralen Hits wie Hannah Montana oder Versace wurden sie von vielen als klassische One-Hit-Wonder abgestempelt – bis sie ihren Track Culture Anfang 2017 veröffentlichten. Für die meisten waren die drei Stimmen zu Beginn unmöglich auseinanderzuhalten, aber mit der Zeit haben Quavo, Takeoff und Offset jeder seinen individuellen Stil entwickelt. Offset bestätigt diese Theorie: "Ich glaube unsere Styles werden immer unterschiedlicher, aber die Wahrheit ist: Bei meinem Solo-Album geht es nicht darum, meinen Flow zu trainieren oder mich als Solo-Künstler zu etablieren, sondern auch darum, meine Geschichte zu erzählen, da mich am Ende des Tages die Leute überhaupt nicht kennen."

Offset Manuel Obadia
Offset trägt Louis Vuitton / Virgil Abloh. © Manuel Obadia

Kannst du kurz etwas über die Entstehung von Migos erzählen?
Quavo, Takeoff und ich stammen aus derselben Familie. Ehrlich gesagt habe ich zuerst nicht mal gerappt, wir haben das zu Beginn auch nicht wirklich ernstgenommen. Quavo und ich haben uns mehr für Football interessiert. Ein paar Jahre später haben wir Sonny Digital getroffen [der ikonische Producer des 808 Mafia Kollektivs], der Treffen mit ein paar Labels arrangiert hat. Es hat nicht direkt geklappt, fast jedes große Label da draußen hat uns abgelehnt. Wir waren der damaligen Zeit einfach voraus ...

Der Gedanke ist irre, dass Labels ihre Chance vertan haben, Migos unter Vertrag zu nehmen. Und dann wurdet ihr zu einer Sensation, als Atlanta zur neuen Hauptstadt des Raps erklärt wurde.
Coach K [sein Manager und Kopf von Quality Control] sagt immer, Atlanta sei das schwarze Hollywood. Aber es stimmt, wir sind in der Szene aufgetaucht, als Gucci Mane, Future, K Camp und Peewee Longway schon da waren. Diese Zeit war komplett verrückt. Wir haben mit Peewee aufgenommen, da er bereits ein Studio hatte. Alle hingen dort ab, sogar Lil Baby chillte dort, bevor er Rapper wurde. Peewee hat einiges für den Atlanta Rap getan. Er war es auch, der uns P vorstellte, der andere Kopf hinter dem Label Quality Control – der Deal mit ihnen hat es ermöglicht, dass unsere Karriere so abgehen konnte.

"Wenn du irgendwann auch rappen willst, benutze gerne den Flow. Sei dir nur bewusst, von wem du ihn dir borgst."

Aber der Durchbruch lag doch bestimmt an eurem Migos Flow?
Ich mag es gerne, ein Anführer zu sein. Es fühlt sich unglaublich an, wenn ich darüber nachdenke, wie sehr unser Flow die Leute begeistert. Als andere anfingen so zu rappen wie wir, gab es viele Hater – wir haben das aber eher als Kompliment aufgefasst. Manche beanspruchen ihren Style für sich, so bin ich nicht. Wenn du irgendwann auch rappen willst, benutze gerne den Flow. Sei dir nur bewusst, von wem du ihn dir borgst.

Ihr habt alle einen anderen Style: Quavo ist eher melodisch und emotional, Takeoff hat einen wahnsinnigen Sinn für Humor. Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Er ist schneller und aggressiver. Ich singe sehr wenig, konzentriere mich stattdessen auf die Rhymes und den Flow, die generell dunkler sind. Es fühlt sich an, als liege mittlerweile der Beat im Fokus der Szene, aber ich möchte, dass die Kunst des Rappens im Vordergrund steht. Auf meinem Album zum Beispiel wird es nur sehr wenig Autotune geben – das war eh nie meine Stärke.

Du hast noch immer nicht den Namen deines Albums verraten. Willst du gar keine Werbung machen?
Ja, ich veröffentliche ein Solo-Album. Nein, du bekommst keinen Titel. Wir ertrinken heute in einer Flut von Informationen. Du bekommst Tonnen von Inhalten, ohne auch nur irgendetwas dafür tun zu müssen. Mein Album soll erst rauskommen, wenn es der richtige Zeitpunkt ist. Für mich ist der Titel schon eine Information zu viel. Ich möchte nicht, dass die Leute etwas auf das Album projizieren, bevor es überhaupt draußen ist. Ganz egal, ob es Wünsche oder Meinungen sind. Ich nehme mir Zeit, weil alles Sinn machen soll.

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Offset trägt Louis Vuitton by Virgil Abloh, Chanel Sonnenbrille. Foto: Manuel Obadia

Du sagtest mal, Zahlen seien das Wichtigste für dich. Ist es nicht schade, dass sich die Rap-Szene mehr auf die Verkäufe konzentriert als auf den tatsächlichen Inhalt der Platte?
Nein, absolut nicht! Zahlen lügen nicht. Sie erlauben dir, dich realistisch einzuschätzen und bewahren dich davor, in einer Fantasiewelt zu leben. Alle reden von den Verkäufen aus der ersten Woche, aber die interessieren mich nicht. Bestes Beispiel: Das Album von Post Malone. Es war kein unmittelbarer Erfolg als es rauskam, steht jetzt aber seit 18 Monaten an der Spitze der Charts. Seine Musik ist in das Gedächtnis der Menschen eingraviert. Für mich zählt die Langlebigkeit.

Viele Leute dachten, Migos wäre nach Versace und Hannah Montana abgeschrieben. Und dann, vier Jahre später, hat euch euer Culture Album final an die Spitze katapultiert.
Es gab einen Moment zwischen 2014 und 2016, als wir ein paar Probleme mit dem Gesetz hatten. Das war echt der Tiefpunkt. Dann kam Bitch Dab raus und jeder fing plötzlich an zu dabben (auch, wenn wir es natürlich nicht selbst erfunden haben), doch für uns hatte es kaum Auswirkungen. Das war eine schwere Zeit, aber wir haben uns Zeit gelassen und sind stabil geblieben, sodass wir heute dort stehen, wo wir sind.

Von Dab zu drip – ihr habt einige Trends manifestiert. Aber was heißt drip eigentlich für dich?
Das Wort kommt aus Atlanta und bedeutet, du hast einen Killer-Style. Viele Leute denken fälschlicherweise, dass drip heißt, du würdest viele Designer-Sachen besitzen ... aber die brauchst du nicht, um drip zu haben. Manchmal brauchst du nur die richtigen Teile, die richtige Attitüde oder ein kugelsicheres Selbstbewusstsein. Wenn ich meinen eigenen Stil beschreiben müsste, würde ich sagen, klassisch und futuristisch. Ich liebe Chrome Hearts, Off-White und Louis Vuitton. Virgil Abloh hat bereits seinen Fußabdruck in der Geschichte hinterlassen, als er der erste schwarze Creative Director bei Louis Vuitton wurde. Ich verneige mich vor ihm. [Nur ein paar Tage später lief Offset als Model bei der A/W Off-White Show.]

"Talent ist cool, aber Arbeit wird sich immer mehr auszahlen als alles andere."

Hast du nicht auch schon als Kind in einigen Musikvideos mitgespielt?
Ja [Lacht]! Ich war in Whitney Houstons Video zu "Whatchulookinat" und auch in einem von TLC. Das war eine tolle Erfahrung. Ich erinnere mich aber nicht mehr an viel, außer dass ich ungefähr neun Jahre alt war und gar nicht realisiert hatte, was für eine große Nummer Whitney Houston war. Möge sie in Frieden ruhen. Letztendlich war ich schon immer im Show Business.

Was würdest du jedem jungen Rapper ans Herz legen?
Zu arbeiten. Talent ist cool, aber Arbeit wird sich immer mehr auszahlen als alles andere. Außerdem musst du hervorstechen. Selbst wenn du vielleicht zuerst denkst, dass es nicht hinhaut – so wie damals mit Migos –, musst du dir diese Originalität bewahren und dem Druck von außen standhalten, niemals klein beigeben.

Offset Manuel Obadia
Offset trägt Louis Vuitton by Virgil Abloh. © Manuel Obadia

Credits


Fotografie: Manuel Obadia-Wills
Styling: Will Johnson
Styling- Assistenz: Ouss Thiam

Danke an l'Hôtel National des Arts et Métiers. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der französischen Redaktion.