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Alles, was du über Andy Warhols Filme wissen musst

Von persönlichen Kurzfilmen bis politischen Werken: Wir tauchen ein in das exzentrische Schaffen des amerikanischen Künstlers.

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23 November 2018, 9:25am

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Andy Warhol ist einer der bekanntesten Künstler unserer Zeit und die Ausstellung Andy Warhol – From A to B and Back Again zeigt uns warum (auch wenn die Wahrscheinlichkeit recht gering ist, dass wir sie uns live ansehen können). Über 300 Werke des multidisziplinären Kreativen sind hier zu bestaunen, angefangen bei seinem ikonischen Elvis-Porträt bis hin zu unbekannteren Zeichnungen.


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Doch was Warhols Schaffen so zeitlos und relevant macht, ist seine unbeugsame Reflexion der amerikanischen Kultur, mit ihrem Glamour, ihren Berühmtheiten, dem Sex, Politik, den Tragödien und Massenmedien. Als ein Kind von Einwanderern konnte Warhol die Welt sowohl aus der Perspektive eines Insiders, als auch eines Außenseiters betrachten, was besonders hilfreich war, wenn es um seine eigenen Filme ging. Von den frühen Sechzigern bis hin zu seinem Tod im Jahr 1987 kreierte Warhol hunderte Filme – egal, ob Stummfilme, schwarz-weiß, kurz oder lang –, in denen er die zwischenmenschlichen Beziehungen und unsere Obsession mit Prominenten beleuchtet. Wir geben dir einen kleinen Überblick der Themen in seinen Meisterwerken ...

Tanz und Bewegung
Warhols Besessenheit mit Tanz und Körperbewegung hat nicht mit seinen Dance Diagram Illustrationen aufgehört – sie setzte sich in seinen Filmen fort. Seine Leidenschaft manifestierte sich bereits in seinen frühen Uni-Jahren, als er dort das erste Mal von sogenannten Dance Clubs hörte. Er bewunderte professionelle Tänzer und Choreografen, die er oft als Subjekte für seine Filme engagierte. Lucinda Childs, Freddy Herko und Yvonne Rainer waren nur einige der vielen Avantgarde-Tänzer, mit denen Warhol über die Jahre zusammenarbeitete. In Jill and Freddy Dancing (1963) tanzt Herko, der eine Ausbildung an der renommierten American Ballett Theater School genossen hat, beispielsweise zusammen mit Jill Johnston auf einem Dach in der Lower East Side.

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Andy Warhol, Jill and Freddy Dancing (1963)

Zwischenmenschliche Beziehungen
Auf die Öffentlichkeit mag es so gewirkt haben, als hätte Warhol keinerlei enge Beziehungen geführt – tatsächlich war aber genau das Gegenteil der Fall. In einigen seiner Stummfilme tauchen die Zuschauer ein in die intimen Momente, die er mit seinen engsten Freunden und Mitarbeitern teilte. Viele von ihnen waren Künstler, Tänzer und Poeten aus der hippen Szene New York Citys. Doch einer seiner engsten Freunde war sein Assistent Ronnie Cutrone, der schon in die Factory kam, als er noch die High School besuchte. Ihrer engen Beziehung wurde mit einer Factory Diary Installation mit dem Titel Andy Warhol & Ronnie Cutrone Fingerpaint, Pat Types, Rush Hour at Subway (1974) ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt. Andere Filme wie Sleep (1974) oder die Haircut-Serie (1963) wurden davon inspiriert, wie Freunden die Haare geschnitten oder jemand im Bett beobachtet wurde. Fun Fact: Warhol filmte seinen Freund John Giorno fünf Stunden und 20 Minuten lang beim Schlafen.

Fernsehen und Medien
Beeinflusst von seinem Beruf als kommerzieller Illustrator in den Fünfzigern interessierte Warhol sich immer mehr dafür, wie Werbung und Fernsehen unser Verhalten verändern. Besonders seine Reihe Screen Tests, eine Sammlung von über 400 Schwarz-Weiß-Filmen aus den Sechzigern, greift diese Thematik auf. Darin interagieren Helden der Downtown-NYC-Szene à la Lou Reed, Nico oder Jane Holzer mit Mainstream-Produkten wie einer Coca-Cola Flasche oder einem Hershey's Riegel. Damit wirft er die Frage auf, ob der Fokus der Zuschauer auf dem zu verkaufenden Produkt oder dem Star, der es anpreist, läge. Aber auch der Meister selbst stand gelegentlich vor der Kamera: In Jorgen Leths Film 66 Scenes of America gibt es ein Kapitel, das Andy Warhol Eating a Hamburger (1982) heißt, in dem er, nunja, einen Hamburger verspeist.

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Andy Warhol, Lou Reed (Hershey) (1966) via Facebook

Hollywood und Glamour
Warhols Faszination für Hollywood war kein Geheimnis – er liebte es, Schauspieler wie Marilyn Monroe, Marlon Brando und Ingrid Bergman mit seinen Porträts zu verewigen. Schon als kleines Kind zeigten sich die ersten Anzeichen für diesen Spleen: Er hatte Sammelalben voller Bilder von Stars. Als er älter wurde, konnte er diese Leidenschaft dann in seinen Filmen ausleben, in denen er die verschiedenen Nuancen von Glamour, Verlangen, Ruhm, sowie die Darstellung von Gender untersuchte. Übrigens war sein Film Poor Little Rich Girl (1965), in dem die legendäre Edie Sedgwick mitspielte, nach dem bekannten Shirley Temple Film aus dem Jahr 1936 benannt.

Porträts bekannter Persönlichkeiten
Während seiner gesamten Karriere baute er Beziehungen zu Menschen aus den verschiedensten Kreativszenen auf. Die Gruppe umfasste Künstler, Galleristen, berühmte Sportler und Schauspieler. Von Aufnahmen aus David Bowies Factory Besuchen bis hin zu Bob Dylans Screen Test (1965) – seine Filme machten unzählige Ikonen noch unsterblicher. Und das mit einer Vertrautheit, die man heute nur noch selten findet.

Warhol und die Politik
Obwohl Warhol in den Sechzigern öffentlich behauptete, er habe kein Interesse an der Politik, beweist seine Arbeit das Gegenteil. Er malte Porträts von Jacqueline Kennedy, kurz nachdem ihr Mann erschossen wurde und in seinem Film Since (1966) spielen einige seiner Factory Mitglieder John F. Kennedys frühen Tod nach. Eindeutige Zeichen, dass sein Werk unmittelbar von politischen Geschehnissen und der medialen Perspektive auf nationale Tragödien beeinflusst wurde.

Musik als Muse
In seiner Laufbahn arbeitete Warhol mit unzähligen aufstrebenden und etablierten Musikern zusammen – inklusive der Designs für Albumcover von The Rolling Stones und Aretha Franklin. Für eine kurze Zeit war er sogar der Manager von The Velvet Underground und versuchte sich irgendwann auch darin, Regie für Musik-Videos ("Hello Again" von The Cars) zu führen. Selbstverständlich kommt Warhol in dem Video auch selbst vor, in der zensierten MTV-Version allerdings nur sehr kurz. Wer weiß, welchen Weg seine Karriere noch eingeschlagen hätte, wäre er nicht drei Jahre nach Erscheinen des Videos verstorben.

Queere Performances
The Factory war nicht nur ein Ort kreativen Schaffens, sondern vor allem ein Raum, in dem alle so sein konnten, wie sie wollten. Das hieß auch, dass sie ihre Queerness erforschten und offen inszenierten. In Vinyl (1965), einer Adaption von A Clockwork Orange, stehen S&M-Fantasien im Mittelpunkt der Handlung. Und im Film Camp (1965) wurde ein eigenes queeres Varietee auf die Beine gestellt, inklusive einer Drag-Performance von Mario Montez und eine Tanz-Nummer vom legendären Paul Swan. Ein Film, der hier natürlich nicht fehlen darf: Couch (1964), an dem Allen Ginsberg, Jane Holzer, Jack Kerouac und Peter Orlovsky mitwirkten. Alle hatten ziemlich viel Sex auf der ikonischen roten Couch – aus dem Material wurde ein pornografisches Werk in Spielfilmlänge. Sobald die Kameras filmten, gab es keine Limits mehr.

Andy Warhol TV, 1985-1987
Später in seiner Karriere kreierte Warhol das Andy Warhol Television, das von 1985 bis 1987 auf MTV lief. Es war eine Talkshow, die natürlich von Warhol moderiert wurde und einen intimen Einblick in die Persönlichkeit und das Leben einflussreicher Ikonen gab. In einer Episode diskutiert Debbie Harry beispielsweise, wie die steigenden Mieten der NYC-Clubkultur schadeten. In einer anderen sitzen Kenny Scharf und Keith Haring gemütlich beisammen und unterhalten sich über alles, was das Herz begehrt. Wo sind solche Talkshows heute?

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.