Foto von Azra Khamissa und Mous Lamrabat

Diese Designerin entwirft moderne und modernistische Henna-Tattoos

Azra Khamissas zeitgenössische Designs aktualisieren eine traditionelle Kunstform für jüngere Generationen.

von Amna Qureshi
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17 April 2020, 4:30am

Foto von Azra Khamissa und Mous Lamrabat

Die Kunst der Henna-Tätowierung wird seit Jahrhunderten in vielen Teilen der Welt als eine Form des künstlerischen Ausdrucks und anlässlich von Festlichkeiten praktiziert. Für die Künstlerin und Designerin Azra Khamissa ist es eine meditative Praxis, um mit anderen Frauen in Verbindung zu treten und ihren eigenen zeitgenössischen Designs zu experimentieren. Als Kanadierin mit südafrikanisch-indischen Wurzeln, die zwischen Toronto, Dubai und Melbourne aufgewachsen ist, bezieht Azra ihre Inspiration aus einer eklektischen Mischung von Kulturen und Erfahrungen, die ihre Arbeit stark beeinflussen.

Ihre Designs erfreuen sich wahnsinniger Beliebtheit auf Instagram—es sind coole, minimalistische Entwürfe, mit denen sie diese traditionelle Kunstform für jüngere Generationen wiederbelebt. Azra verwendet Henna, um Gegenstände darzustellen, die sie besonders faszinieren: die verschiedenen Phasen des Monds, Palmen, Knochen und ja, sogar Babyhaare. Zuletzt haben sich ihre Arbeiten auf der ganzen Welt verbreitet. Seit ihrem Beschluss vor zwei Jahren, als sie erstmals zum Hennakegel griff, hat sie eine riesige Gefolgschaft aufgebaut.

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Foto von Azra Khamissa

Ich kenne Henna vor allem in richtig aufwändigen, klassischen Designs—sehr zum Unterschied zu deinen Entwürfen. Wie bist du darauf gekommen?
Als ich aufwuchs, haben wir es immer für Hochzeiten und Feiern wie Eid al-Fitr [Fest des Fastenbrechens] verwendet, es waren immer diese aufwändigen indischen Designs. Vor ungefähr zwei Jahren habe ich angefangen, Henna mit eigenen Designs zu erforschen. Der erste Entwurf war im Grunde nur ein Farbkreis in der Handmitte. Wir haben das fotografiert, und zu sehen, wie schön das auf dem Bild aussah, hat meine Sicht darauf verändert. Ich war es gewöhnt, Henna auf meinen eigenen Hände zu sehen: Es war eine Selbstverständlichkeit.

Ich fing an, Fotos zu posten, und war überrascht von den Reaktionen, die ich bekam. Von da an begann ich zu experimentieren und es gefiel mir immer besser. Zunächst machte ich vor allem Kreise, Monde und geometrische Formen, weil es gar nicht so einfach ist, einen Hennakegel zu gebrauchen!

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Foto von Mous Lamrabat

Was ist die Inspiration hinter deinen einzigartigen zeitgenössischen Designs?
Henna ist Teil meiner Kultur—wir haben es in meiner Familie immer gemacht. Ich stehe meiner Großmutter besonders nahe und sie mochte es immer sehr. Als ich in noch Melbourne lebte, ließ ich mich sehr von der Tattoo-Kultur dort inspirieren. Ich bin viel in Asien herumgereist damals und traf zum ersten Mal eine Menge stark tätowierte Leute. Das hat mir immer schon sehr gefallen—vor allem durchgefärbte Tattoos, die viele meiner eigenen Designs inspirieren.

Außerdem gibt es eine große Überschneidung zwischen meinen Entwürfen und dem, was ich “Großmutters beduinischen Style” nenne: diese einfachen Handdrucke, die ältere Matriarchen in vielen Teilen der Welt tragen. Dazu füge ich dann Elemente hinzu, die es ein bisschen zeitgenössischer machen. Ich lebe an der Außengrenze von Dubai, wo die Wüste sehr nahe ist. Ich gehe so oft ich kann dorthin und finde es extrem beruhigend—ich denke, dieses Dubai-Gefühl ist auch eine Inspiration für meine Arbeit und ich liebe es, meine Arbeiten in der Wüste zu fotografieren. Da ich an so vielen unterschiedlichen Orten gelebt habe, war es wirklich ein kultureller Kontrast, so vielen verschiedenen Normen ausgesetzt zu sein, und ich habe definitiv von überallher ein wenig Inspiration empfangen.

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Foto von Azra Khamissa

Was an Henna steht dir so nahe?
Wenn ich es für mich selbst mache, dann normalerweise spät am Abend. Ich schalte Netflix ein und überlasse mich meinen Entwürfen und Experimenten. Ich lasse den Bildschirm für eine Stunde oder so an, während das Henna trocknet. Es ist Zeit für mich selbst—therapeutisch, entspannend, aber auch kühlend. Üblicherweise habe ich eine Idee, was ich ausführen möchte—zuletzt waren es topografische Linien.

Wenn ich Workshops und Pop-ups veranstalte, mag mir das Gefühl einer starken weiblichen Verbindung, weil das sind so Räume, wo Frauen sich trauen, ihre ausdrucksstarke Seite auszuleben, und das mag ich wirklich sehr. Es gibt nicht viele solcher Orte für Frauen, aber die Idee, das Henna einen Kreis oder Raum für Frauen schaffen kann, ist uralt.

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Foto von Azra Khamissa

Wie reagieren die Leute auf deine Entwürfe?
Ich erhalte viele Privatnachrichten von Leuten, die sich zusammentun, um meine Designs ausprobieren, und mir hinterher Bilder davon schicken, was echt cool ist. Manchmal sagen die Leute, “Ich hab’s versucht, aber kuck mal wie mies das aussieht” oder sie sind stolz darauf, was sie erreicht haben, oder dass sie sich verbessert haben.

Meine Großmutter tadelt mich manchmal und sagt, dass meine Designs zu einfach oder zu minimalistisch sind—sie bevorzugt traditionelle Hennakunst und Blumenmuster, was ich nachvollziehen kann. Es ist nicht der Stil, an den sie gewöhnt ist—gelegentlich aber gefällt ihr meine Arbeit und das macht mich sehr glücklich, denn es ist definitiv eine Seltenheit!

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Foto von Azra Khamissa

Was sind deine Lieblingsprojekte, an denen du beteiligt warst?
Das Design, das ich vor Kurzem für Gucci gemacht habe, war ein echtes Highlight. Mit ihrem Team zu arbeiten und zu hören, dass meine Arbeit beim Team in Italien Anklang fand, ja, das war echt cool. Ich mache auch Pop-ups, wo wir einen Ort festlegen und den Leuten sagen, sie sollen dorthin kommen—alle sind willkommen. Dabei spüre ich diesen Gemeinschaftssinn und weibliche Energie. Alle treten in Kontakt und plaudern und da Henna aufzutragen eine sehr persönliche Angelegenheit ist, kommt man sich rasch sehr nahe—es ist mehr als Smalltalk, verstehst du?

Ich habe festgestellt, dass viele Menschen unabhängig von Geschlecht oder Geografie Henna wertschätzen, was ich echt mag. Ich bekomme Instagram-Nachrichten von so vielen verschiedenen Menschen aus der ganzen Welt, die sich dafür begeistern, und das bedeutet mir sehr viel.

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Foto von Mous Lamrabat

Worauf freust du dich?
Henna auf Fingernägeln—das ist etwas, was ich weiter erkunden möchte. Und dann steht eine aufregende Kampagne in Asien bevor, auf die ich mich sehr freue.

Wie geht es dir in Anbetracht der laufenden Ereignisse?
Ich arbeite mit vielen Labels und Veranstaltern, und natürlich ist vieles jetzt erstmal bis auf weiteres verschoben. Henna schafft Orte der Versammlung und der Annäherung, es ist also ein bisschen traurig, dass alles auf Eis liegt, aber so muss es jetzt sein. Umso außergewöhnlicher wird es sein, wenn wir die Arbeit gefahrlos wieder aufnehmen können.

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Foto von Azra Khamissa
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