Faszination ekliges Essen: eine Instagram-Ermittlung

Diese verwünschten Bilder verursachen Brechreiz—warum nur können wir nicht wegschauen?

von Anna Samson
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28 Februar 2020, 8:00am

Während du durch deinen Insta-Feed scrollst, fällt dir etwas ins Auge. Es ist ein frischgebackener Chocolate-Chip-Cookie von leicht zähflüssigem Aussehen, womöglich noch warm. Obenauf ist etwas Rosafarbenes—vielleicht die Glasur? Nö, das ist es nicht. Bei näherer Betrachtung kannst du einen Schwanz von gummiartiger, fleischiger Textur ausmachen: Es ist nicht einfach ein Keks—es ist ein Garnelenkeks! “Endlich erlesene Kochkunst”, kommentiert ein Nutzer. “Mich macht das ganz geil”, sagt ein anderer. “Ein Spitzenrezept mit hohem Proteingehalt.”

Seit Menschen auf Erden wandeln, sind wir fasziniert von ekligem Zeug. Darum fanden sich Leute in Scharen, um öffentlichen Hinrichtungen beizuwohnen; darum zahlen sie heute teures Geld, um sich filmische Abscheulichkeiten wie Saw oder The Human Centipede reinzuziehen. Die jüngste Entwicklung des menschlichen Appetits fürs Widerwärtige ist der Aufstieg von ekligem Essen—oder “shitty food porn”—auf den sozialen Medien.

Unzählige Meme-Accounts auf Instagram posten, debattieren und lecken sich die Lippen nach Essen, das sich gegen alle Erwartungen an Speisefotografie im Internet sperrt. Der Subreddit r/shittyfoodporn hat mehr als eineinhalb Millionen Abonnenten, während die engagierten Mitglieder der Gruppe “Wait a Minute… This is Not Flavortown, Where the Heck Am I?” schadenfroh gesundheitsschädliche Albträume auf Facebook teilen. Diese werden häufig nur auf einem einzigen Stück Küchenpapier serviert, ganz so als ob sie auf der mitternächtlichen Futtersuche direkt aus dem Kühlschrank gezogen worden wären. Oder sie werden—aus zwielichtigen Motiven—als schmackhafte Leckereien ausgegeben: Was auf den ersten Blick nach Sushi aussieht, mag sich als in Nori-Blätter und Reis gerollte Hotdogs mit Käse entpuppen.

Einer der beliebtesten Instagram-Accounts, die solche verwünschten Bilder posten, ist @boyswhocancook. Betrieben von einem anonymen Meme-Meister, der nur “Head Chef” genannt werden möchte, feiert die Seite Kiwi-Pizza, Zahnpasta im Teigmantel und Götterspeise aus Würstchenwasser. “Ich hatte diese Idee, eine Seite mit Memes rund um Essen zu machen, als ich ein Meme sah, wo ein Typ in einem leeren Topf einen Milchkarton kocht, mit der Aufschrift ‘boys who can cook 😍’”, erklärt Head Chef via Email. “Ich dachte, das würde gut als Name und Thema für eine Seite funktionieren, und so hab ich’s einfach mal versucht. Ich wusste, Essen ist eine große Kategorie auf Instagram: Ich wollte mich zugleich lustig darüber machen und ein Teil davon sein. Welche Ironie, dass mir heute einige der weltberühmtesten Chefs folgen.”

Das Geniale an @boyswhocancook ist, wie Humor und Groteske sich überschneiden. In seinem Buch The Meaning of Disgust bemerkt Colin McGinn, dass “Lachen der natürliche Zwilling von Beleidigung ist”. Deine Kumpels in diesen Bildern zu taggen, führt zu zwei Reaktionen: dieses an die Eingeweide gehende Gefühl von Ekel, dass sich tief in deine Magengrube einkerbt, sowie—allerwenigstens—ein schmerzverzerrtes Lächeln.

Für die vierundzwanzigjährige Feinschmeckerin Sarah Hendry aus Glasgow haben diese Insta-Accounts etwas Absurdes, das sie amüsiert, kombiniert mit einer Neugier, die es ihr erlaubt, die Schwelle zum Ekel auf gefahrlose Weise zu erkunden. “Es ist eines dieser Dinge, die mich zum Lachen bringen, ohne dass ich jemand anderem erklären könnte, warum ich das so lustig finde”, erklärt sie. “Ich glaube, es befindet sich genau an meiner Ekel-Grenze. Ich war nie ein Fan von Körperhorror, und an @boyswhocancook bringt mich vor allem die Absurdität zum Lachen. Ich weiß nicht, vielleicht liegt es auch daran, dass wir daran gewöhnt sind, auf Instagram sorgfältig konstruierte und sogar manipulierte Bilder zu sehen—eine schäbige Aufnahme von einem Keks mit Garnelentopping ist da wie eine frische Brise.”

Laut dem Soziologen James Allen-Robertson, der an der Universität von Essex lehrt, ist es wenig überraschend, dass Accounts wie @boyswhocancook so groß geworden sind, da sie unsere Erwartungen an Netzkultur in doppelter Weise erfüllen. “Da ist zugleich die Rolle von Parodie und die Rolle von nonkonformistischem Humor”, sagt er. “Das ‘shitty’ Genre ist wirklich ein Internet-Genre eigenen Rechts.”

James verweist auf die Idee des ‘Internet Ugly’—ein Begriff, den Nick Douglas (der Dauer-Online-Typ, der den YouTube-Comedy-Kanal Slacktory und die inzwischen eingestellte Silicon Valley Gossip-Seite Valleywag gegründet hat) in einem Aufsatz für das Journal of Visual Culture prägte. “Internet Ugly parodiert bestehende Konventionen”, sagt James. “Der Twist ist, dass die Schöpfer selbst wissen, dass ihre Schöpfungen schrecklich sind, aber sie benutzen die Sprache der Foodie-Kultur, indem sie sagen ‘Ich bin so stolz darauf’. In diesem Fall sind es Koch- und Rezepte-Blogs—es ist eine Verarschung solcher Praktiken. Und das Publikum spielt mit: In der Kommentarspalte siehst du, dass alle so tun, als sei es das tollste Essen aller Zeiten.”

Es ist ein unterhaltsames, wenn auch zynisches Mittel, das Loch zu füllen, das die Lächerlichkeit von Foodie-Instagram hinterlässt, mit starkem Nihilismus-Faktor, wie Head Chef sagt. “Ich denke, das goldene Zeitalter von Essen auf Instagram endete 2016 inmitten all der Regenbogen-Milkshakes und Einhorn-Frappés; ich hoffe, diesen Raum mit Müll zu füllen. Ich denke, die Sachen, die ich poste, sind gleichzeitig widerlich, deprimierend und nachvollziehbar. Außerdem haben die Leute unterschiedliche Vorlieben, und es ist toll zu sehen, wie sie darüber streiten, ob das Essen gut ist oder nicht.”

Es ist nicht verwunderlich, dass viele von uns die Nase voll haben von den hyper-polierten Lifestyle-Blogs, die unsere Feeds infiltrieren—und besonders von der zielgerichteten Werbung, die uns die Ausbeute des Spätkapitalismus andrehen will. Shitty food porn zu teilen, ist eine Möglichkeit zu demonstrieren, dass du diese Ästhetik und die dazugehörigen Werte ablehnst. “Es betont die Künstlichkeit dessen, was parodiert wird”, sagt James. “Es gibt eine Formel, um zum Instagram-Influencer zu werden, es ist fast algorithmisch, und die Leute reagieren darauf, weil sie verstehen, wie konstruiert das alles ist. Sie schaffen die ultimative nonkonformistische Rekonstruktion des Genres.”

Und shitty food porn kann auf bizarre Weise unsere Befürchtungen über die Welt außerhalb unserer Mobiltelefone auf den Punkt bringen, wie Sarah anmerkt: “Ich denke, Internet-Humor ist heute auf Chaos ausgerichtet. Was politische Comedy anlangt, scheint es, ist entweder alles schon gesagt, oder es ist einfach zu trist, die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen. Wenn du versuchst, die Lächerlichkeit des kulturellen Moments zu erfassen, dann ist eine Glas gefüllt mit Nesquik und Mayonnaise nicht das schlechteste Bild.”

Über die Humorfrage hinaus: Können wir von diesen Senkgruben des Geschmacks, die das Internet in unsere Köpfe eingebrannt hat, noch etwas anderes lernen? “Ich habe viele der Dinge, die ich poste, auch tatsächlich probiert”, sagt Head Chef. “Mein Lieblingsgericht war ein Steak mit scharfer Sauce und Erdnussbutter. Manche mochten die Idee, andere verabscheuten sie. Ich mag es, wenn wir uns über Bedeutungslosigkeiten streiten.”

Ein Hauptgang von pikanten Erdnussbuttersteaks und zur Beilage die Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins. Klingt lecker. Bone apple teeth!

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