Fotos by Lihi Brosh.

Die Nagelkunst der Long Nail Goddesses feiert ihre Individualität

Diese Schwesternschaft in New Jersey lässt ihre strahlenden Nägel auswachsen—bis zu einem halben Meter Länge, samt wirbelnden Mustern und Schmuckbehang.

von Eda Yu; Fotos von Lihi Brosh
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29 April 2020, 4:00am

Fotos by Lihi Brosh.

Als die in New Jersey geborene Mara Ortiz ihrer Tante, die gerade ihre Ausbildung zur Kosmetikerin abgeschlossen hatte, bei der Maniküre ihrer Schwester assistieren durfte, war sie sofort Feuer und Flamme. Vom Acryl-Geruch bis zur Schachtel mit den Scheren und Nagelhautschiebern: Ortiz hatte das Gefühl, in eine ganz neue Welt einzutreten, die es ihr erlaubte, den Härten ihres Lebens vorübergehend zu entfliehen.

Die frühen Neunziger waren eine schwierige Zeit für Ortiz: Sie durchlief ihre Geschlechtsangleichung vom Mann zur Frau und ihr Coming-out zu einer Zeit, als Genderfluidität noch weniger akzeptiert war als heute. Die Kosmetikschule und ihre Praxis als Nageltechnikerin halfen Ortiz, ihre Energien neu auszurichten und innere Ruhe zu finden.

“Als ich mich als trans outete, stieß ich überall auf Ablehnung—nicht so sehr von meiner Familie, aber von der Gesellschaft im Ganzen. Sie sehen diesen kleinen Jungen, der zu einem jungen Mann heranwächst, und dann will dieser junge Mann eine Frau sein: Nicht alle können das akzeptieren. Die Leute waren gemein und ich fühlte mich ausgestoßen”, erinnert sich Ortiz.

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Fünfzehn Jahre schon übt Ortiz ihren Beruf als professionelle Nageltechnikerin aus. Heute ist sie darum bemüht, Räume zu schaffen, wo Menschen ihre geteilte Identität feiern können, was immer ihre Unterschiede sein mögen. Die “Long Nail Goddesses”, eine Gruppe von Ortiz’ Kundinnen, die ihre Nägel mitunter einen halben Meter lang wachsen lassen, sind ein perfektes Beispiel. Ihre Nägel zieren wirbelnde Muster, manche sind einfarbig, andere leuchten in vielen Farben. Edelsteine, Perlen und anderer Schmuckbehang überziehen die Designs und lassen auf dem Fingernagel eine komplexe visuelle Welt entstehen.

Vier oder fünf Mal im Jahr versammelt sich diese ungefähr vierzigköpfige Truppe in Ortiz’ Schönheitssalon in Newark, New Jersey—um Geburtstage zu feiern, Fotoalben mit Bildern von ihren Nägeln anzulegen oder einfach ihre Gemeinschaft zu genießen.

In den letzten zehn Jahre hat die Gruppe verschiedentlich Anerkennung erfahren, in ihren Anfängen spielte der Zufall eine große Rolle. Eines Tages—Ortiz war bereits ein paar Jahre in ihrem Salon tätig—kam eine Kundin mit langen Nägeln in den Laden in der Hoffnung, die Nägel gemacht zu bekommen. Die Nageltechnikerinnen, einschließlich Ortiz selbst, wiesen sie erst zurück. Aber Ortiz identifizierte sich so sehr mit der zurückgewiesenen Kundin, dass sie ihr doch einen Termin anbot. Die Kundin war am Ende so zufrieden mit Ortiz’ aufwändigen handgemalten Designs, dass es ihr einen Ruf als Expertin für lange Nägel einbrachte—daher rührte auch die Idee, die Frauen in einem Club zusammenzubringen.

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“Für mich und für meine Kundinnen ist es normal, anders zu sein—ich kann mich zu hundert Prozent mit diesem Gefühl identifizieren. Wenn sie bei mir auf dem Stuhl sitzen, tue ich mein Bestes, ihnen zu vermittelten, dass es okay ist, anders zu sein”, sagt sie. “Ich wünschte, ich hätte eine Mentorin gehabt, als ich mich outete und diese schwierigen Sachen durchmachen musste. Ich will nicht, dass meine Mädels dieselbe Erfahrung haben.”

LaRue Drummond, die mit fast 50 cm langen Nägeln die allerlängsten hat, hörte mit dreizehn auf, ihre Nägel zu schneiden. Als Heranwachsende war sie eine chronische Nagelkauerin, bis ihr eine ältere Frau mit 45cm-Nägeln begegnete, die sie dazu inspirierte, ihre eigenen Nägel auszuwachsen. “Als ich meine Nägel zum ersten Mal wachsen ließ, dachte ich, ich bin echt anders. Ich hatte meine Hände immer zur Faust geballt, um nur ja keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen”, sagt Drummond. “Eines Tages kam meine Tochter nach Hause und sagte, ‘Wenn du glaubst, deine Nägel sind sonderbar, warte ab bis du diese Leute im Internet siehst’ [womit die Long Nail Goddesses gemeint waren], und ich dachte nur, ‘Wahnsinn, da sind Leute, die sind genau wie ich.’”

Obwohl die Frau aus South Jersey seit sieben Jahren einen örtlichen Salon besuchte, fing sie an, sich unwohl zu fühlen, als ihre Nägel länger und länger wurden. Sie fühlte sich gehetzt—Nägel von dieser Länge verlangen einen größeren Zeitaufwand—und verließ den Salon, wenn die Nageltechnikerinnen sie beleidigten, manchmal sogar weinend. Der Wechsel zu Ortiz’ Salon war eine Erfahrung wie Tag und Nacht—und sie ist nicht die einzige, der es so ging.

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Genora Gosha, genannt Gigi, aus Johnstown, Pennsylvania, wurde von einer ganzen Reihe von Salons vor die Tür gewiesen, als sie ihre Nägel auswachsen ließ. Auf einer Reise nach Alabama, wo sie ihren Sohn besuchte, wurde sie von Nageltechnikerinnen, mit denen sie telefonisch einen Termin vereinbart hatte, abgewiesen, als sie Genoras Nägel sahen—obwohl die zu dem Zeitpunkt keine zehn Zentimeter lang waren.

Erst nach ihrer Pensionierung ließ sie ihren Nägeln so richtig freien Lauf—sie hatte als Strom- und Gasableserin gearbeitet und ihre Nägel, um Handschuhe tragen zu können, kürzer gehalten—, dann aber wollte ihr örtlicher Schönheitssalon sie plötzlich nicht mehr bedienen: “Ich rief ich an und fragte: ‘Kann ich einen Termin haben?’ Und sie sagte: ‘Nein’. Ich dachte erst, ich hör nicht richtig. Ich sagte: ‘Nein?! Du weigerst dich also, meine Nägel zu machen?’ Ich war sehr enttäuscht.”

Gigi fand schließlich in Pittsburgh einen Salon, der sich langer Nägel annimmt. Und ihre neue Nageltechnikerin war es auch, die ihr zum ersten Mal ein Foto der Long Nail Goddesses zeigte—was sie dazu bewegte, Nachforschungen über Ortiz und ihren Salon anzustellen. Als sie ihn gefunden hatte, fuhr sie mit dem Auto in fünfundzwanzig Stunden von Johnstown nach Newark, und kam nicht mehr zurück.

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Gigi erzählt: “Als sie meine Nägel machte, sagte ich zu Maria, dass ich auch eine Long Nail Goddess werden möchte. Sie sagte, ‘Jetzt bist du eine’. Sie zeigte mir ein Magazin, das sie mit anderen Goddesses gemacht hatte, und sagte, ‘Wir machen noch eins im September. Nachdem du von so weit her gekommen bist, willst du nicht hier bei mir bleiben.’ Ich dachte, hier ist eine Nageltechnikerin und sie sagt mir, ich kann bei ihr zuhause unterkommen? Es war Liebe auf den ersten Blick.”

Für viele von Ortiz’ Kundinnen ist ihr Salon der erste Ort, wo sie sich richtig und wahrhaftig akzeptiert fühlen können, wenn sie sich die Nägel machen lassen. Ana Otano, eine Long Nail Goddess aus New York, beschreibt, dass sie ständig Leute überhört, die auf Spanisch—ihre Muttersprache—über sie herziehen, mit Kommentaren wie ‘Wie wischt die sich den Hintern?’ oder ‘Ich wette, die hat Scheiße unter ihren Fingernägeln.’

Was die Leute nicht verstehen: Wer viel Aufwand in seine Nägel investiert, reinigt und pflegt sie umso gründlicher. Als Diabetikerin, die einen Eingriff am offenen Herzen hinter sich hat, kann Otano sich das Risiko eines Pilzbefalls nicht leisten, weshalb sie ihre Nägel regelmäßig mit Bleichmittel behandelt. Und auf der Toilette? Beim Tanken oder beim Windelwechseln? Jede hat ihre eigenen kleinen Tricks und Kniffe, um im Alltag ohne große Schwierigkeiten zurechtzukommen.

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Wenn es hart auf hart kommt, ist Otano dankbar für die Gemeinschaft, die Ortiz in ihrem Salon aufgebaut hat. Die Gruppe war ihr ein große Unterstützung, als ihr Bruder starb. Sie hielten fest zusammen, als eine der ursprünglichen Long Nail Goddesses an Krebs verstarb. Nach dem Shutdown infolge von COVID-19 hat Otana ein paar Freundinnen beigebracht, wie man Fill-ins macht, solange der Weg zum Salon versperrt ist—nichts verglichen mit Ortiz’ komplizierten und detailverliebten Designs und Farben, aber doch genug Basispflege, um mit dem Wachstum der Nägel mitzuhalten.

“Es ist super, Leute um dich zu haben, die dich verstehen und deine Erfahrung teilen—eine Schwesternschaft. Wir teilen eine gewisse Einstellung zum Leben—Maria macht es vor: Warum wie alle anderen sein, wenn du mit deinem wahren Selbst aus der Menge herausragen könntest”, sagt Otano. “Sie sagt uns immer, dass wir nicht dazu geboren wurden, im Hintergrund zu bleiben; wir sind geboren, um zu strahlen. Wir sind froh, wir selbst zu sein. Ich bin dankbar für das Leben, das ich habe, für meine Freunde und Familie. Ich bin dankbar für Maria.”

Drummond pflichtet ihr bei: “Ich nenne sie meine Nagelschwestern. Alle, die ihre Nägel wachsen lassen, ob lang oder kurz—das sind alles meine Nagelschwestern.”

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This article originally appeared on i-D UK.

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