Foto: Ian Weldon

Wenn ein Hochzeitsfotograf sogar Martin Parr begeistert

... dann weißt du, dass statt Kitsch die menschliche Absurdität dokumentiert wird.

von Ryan White
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08 Juli 2019, 12:54pm

Foto: Ian Weldon

Ian Weldon ist kein Hochzeitsfotograf. OK, schon irgendwie, aber er ist nicht wie der Rest von ihnen. Wenn dein Herz höher schlägt beim Anblick von symmetrisch aufgereihten Familienmitgliedern vor einem kitschig verzierten Hintergrund oder dem Händeringen beim Brautstrauß werfen – dann müssen wir dich enttäuschen. Ian ist dafür nicht der Richtige. "Er ist ein Fotograf, der Hochzeiten so festhält, wie sie wirklich sind: komische Familienzusammenkünfte mit zu viel Alkohol und anderen wilden Sachen", meint Martin Parr, die allerhöchste Instanz, wenn es darum geht, die Eigenarten und Besonderheiten der britischen Gesellschaft fotografisch zu dokumentieren. "Du denkst vielleicht, dass sei ganz normal, doch betrachtest du die Arbeiten von Hochzeitsfotografen, die mit Awards ausgezeichnet wurden, bemerkst du schnell, dass sich fast alle von ihnen auf den normalen Schmalz fokussieren."

Martin ist zum ersten Mal auf die Bilder von Ian gestoßen, als er einen Vortrag gehalten hat. In einem Raum voller Hochzeitsfotografen. Ians Name wurde ihm empfohlen, er notierte und kontaktierte ihn, als er das nächste Mal in Newcastle – Ians Wohnort – zu Besuch war. Ihre Unterhaltung führte schließlich zu einer Ausstellung in der Martin Parr Foundation und einem dazugehörigen Buch. "Wir glauben, es ist das erste Mal, dass ein Hochzeitsfotograf seine Werke in einer 'echten' Galerie präsentiert", sagt Martin.

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Foto: Ian Weldon

I am not a wedding photographer bezieht sich auf deinen ungewöhnlichen Zugang zur Materie. Inwiefern unterscheidet sich dein Stil von der klassischen Hochzeitsfotografie?
Ian: Hochzeitsfotografie ist von Natur aus ein kommerzielles Feld. Es gibt einen Konsens, der davon bestimmt wird, wie sich der Markt und aktuelle Trends entwickeln. Außerdem gibt es eine lange Tradition, die vorgibt, was vom Fotografen erwartet wird. Hochzeitsfotografen führen ein Business und sehen jede Hochzeit als Werbung für ihren nächsten Job. Wenn sie beständig sind, dann vertrauen die Kunden ihnen darin, die exakt gleichen Fotos erneut abzuliefern. So funktioniert das nun mal. Leider liegt darin keine wirkliche Persönlichkeit, es gibt kaum Raum für Kreativität. Fotografie wurde zu etwas, das leicht zu lernen ist. Mit der Automatisierung, Kamera-Voreinstellungen und modernen Website-Designs können fast alle die Werkzeuge erwerben, um Hochzeiten zu fotografieren. Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes oder Falsches, es gehört einfach zur Natur der Hochzeitsfotografie. Das interessiert mich allerdings nicht sonderlich.

Ich gehe zu einer Hochzeit ohne ein vorgefertigtes Bild in meinem Kopf zu haben. Ich konzentriere mich nicht auf den Shot, sondern reagiere auf die Menschen und Situationen. Wenn ich das mache, kann ich physisch und emotional viel tiefer eindringen. Ich nähere mich Hochzeiten als Fotograf, nicht als Hochzeitsfotograf.

Wie bist du zur Hochzeitsfotografie gekommen?
Ursprünglich habe ich damit angefangen, um Geld für andere Projekte zu verdienen. Zu der Zeit hatte ich keine wirkliche Ahnung, was ich da mache, und Hochzeiten wurden als die unterste Stufe der Fotografie-Jobs angesehen. Ein paar habe ich so gemacht, wie es von mir erwartet wurde: Porträts, endlose Gruppenaufnahmen, Menschen aufstellen. Das hat mir nicht wirklich Spaß gemacht. An dem Punkt interessierte ich mich sehr für die Geschichte der Fotografie und habe viele Bücher gelesen. Das Konzept der Fotografie zu verstehen und dieses Wissen auf ein Genre zu spiegeln, das so fest verwurzelt ist in Tradition und gängiger Ästhetik, hat mir geholfen, meinen persönlichen Weg zu finden.

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Foto: Ian Weldon

Was hältst du von der Institution Ehe?
Ich kümmere mich nicht wirklich um Traditionen und Institutionen. Es sind nicht die Hochzeiten, die mich interessieren, sondern die Menschen, sozialen Situationen und was ich dadurch über mich selbst lerne. Letztlich treibt mich die Macht der Fotografie an, mein persönlicher Beitrag dazu und wie sie die Wahrnehmung unserer heutigen Zeit in der zukünftigen Generation prägen wird. Es ist wie eine Zeitmaschine. Und wenn ich die Realität und die Gefühle an einem Hochzeitstag einfangen kann, dann werden auch die Fotografien unersetzlich für die Paare, für die ich arbeite.

Hat sich deine Meinung über die Paare stark verändert, seitdem du angefangen hast, sie zu fotografieren?
Nicht wirklich. Als ich anfing, habe ich alle fotografiert, die mich bezahlten. Mein Ansatz war in dem Sinne traditionell, als dass die Erwartungen an die Bilder traditionell waren. Zum Großteil fühlte es sich so an, als ob die Paare heiraten würden, weil man das eben so macht. Weil es erwartet wurde. Jetzt, wo ich mit absoluter Ehrlichkeit fotografiere, scheint es fast so, als wären die Paare, die mich buchen und ich auf derselben Seite. Die meisten finden diese ganze Institution ein bisschen unsinnig und heiraten nicht wegen dem Zirkus drumherum. In ihrer Verbindung liegt eine Authentizität – und wer bin ich, darüber zu debattieren. Ich mag die Vorstellung, dass ich eine aufrichtige Alternative zum momentanen Trend liefere.

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Foto: Ian Weldon

Deine Arbeit zeigt die Absurdität und das Chaos eines Hochzeitstags. Genießt du es, Teil davon zu sein?
Das Leben ist absurd und chaotisch. Hochzeiten verstärken das Ganze: eine Menschenmenge wird zusammengezwungen und gesagt, dass sie sich benehmen und definitiv Spaß haben müssen. Diese Energie liebe ich. Daraus entstehen großartige Bilder.

Was war die merkwürdigste Situation, die du bisher miterlebt hast?
Sogar die betrunkensten Hochzeitsgäste können sich immer noch zumindest ein bisschen zusammenreißen. Es gab die normalen Streitereien und Raufereien – einmal wurde ein Kuchen vom Tisch gestoßen und ein Auto krachte in ein Wasserspiel im Innenhof –, aber nichts wirklich Außergewöhnliches. Einfach Leute, die feiern. Und eine gute Party mag ich immer!

Was glaubst du, begeistert die Zukünftigen an deinem Stil?
Alle Paare, mit denen ich arbeite, sagen mir, dass sie eigentlich keinen Fotografen bei ihrer Hochzeit haben wollen. Ich weiß also, dass sie etwas anderes suchen. Fast alle von ihnen interessieren sich für Fotografie oder Kunst und verstehen die Relevanz von echten Fotos im Vergleich zu einer gekünstelten Vorstellung, wie das Ganze auszusehen hat. Was ich mache, ist nicht für alle, und ich erwarte auch ganz bestimmt nicht, dass es alle verstehen. Den meisten Leuten ist es egal, sie wollen einfach schöne Bilder von dem Tag.

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Foto: Ian Weldon

Ist jede Hochzeit einmalig oder sind sie sich schon recht ähnlich?
Es spielt keine wirkliche Rolle, wo die Hochzeit stattfindet – ein Hinterhof auf dem Land oder eine Villa in den Hollywood Hills –, sie alle laufen nach demselben Prinzip ab: Vorbereitungen, Zeremonie, Dinner, Reden, Kuchenritual, erster Tanz. Manchmal gibt es kleinere Variationen. Was eine Hochzeit jedoch einmalig werden lässt, sind die Persönlichkeiten. Die Persönlichkeiten der Paare fließen in die Planung ein, zeigen sich in ihren Beziehungen zu Familie und Freunden und kreieren so die Stimmung. Eine Hochzeit nach einem Musterschema zu planen, sodass alles gleich aussieht und abläuft, das ist wirklich schade. In der individuellen Natur des Menschen liegt der Reichtum von Bildern.

Welche Fähigkeiten und Besonderheiten sind der Schlüssel zur erfolgreichen Hochzeitsfotografie?
In einer Zeit und Gesellschaft, in der die Menschen ihr Leben durch Social Media leben, ist es erfrischend, dass einige Menschen mit sich selbst so sehr im Reinen sind, dass sie mir erlauben, einfach mein Ding zu machen. Und das wird hoffentlich lange so bleiben, denn meiner Meinung nach gibt es keine gute Dokumentation von Hochzeiten in unserer heutigen Zeit.

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Foto: Ian Weldon

Was magst du an deinem Job am liebsten?
So sehr ich es auch genieße, auf einer Hochzeit zu sein, so sind es doch die Fotos, die am wichtigsten sind. Es ist aufregend, wenn sich beim Bearbeiten der Fotos die Emotionen und Gefühle offenbaren. Außerdem ist es ein großes Vergnügen, diese Erinnerungen an das Paar zurückzugeben. Wenn sie die Gefühle spüren, dann ist meine Arbeit getan.

Gibt es in der Sammlung ein Bild, das für dich eine besondere Bedeutung hat?
Es gibt zwei, die für mich wirklich herausstechen. Das Blumenmädchen, das eine Grimasse schneidet, während ihre Kleidung gerichtet wird. Es ist ihre respektlose Attitüde und dieser unkonventionelle Moment in der Hochzeitsumgebung. Und dann die sitzende Braut mit dem Pärchen im Hintergrund, das gerade rummacht. Dieses Foto zeigte mir, dass es bei einer Hochzeit mehr gibt als Braut und Bräutigam.

Beide Aufnahmen sind auf derselben Hochzeit entstanden, das macht es noch besonderer. In diesem Moment hat sich meine Sicht auf die Hochzeitsfotografie verändert: Meine ursprüngliche Motivation, Hochzeiten nur des Geldes wegen zu dokumentieren, hat sich zu einem eigenständigen Werk gewandelt. Erst dann wurde ich zu einem Fotograf.

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Foto: Ian Weldon

'I Am Not A Wedding Photographer' von Ian Weldon ist vom 26. Juni bis 10. August 2019 in der Martin Parr Foundation zu sehen. Das Buch ist in Zusammenarbeit zwischen der Martin Parr Foundation und RRB PhotoBooks entstanden. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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