Eliza Douglas. Sex im Tate Modern 2019. Foto: Nadine Fraczkowski. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York

Das erwartet dich bei der neuen epischen Performance von Anne Imhof

Vier Stunden voller Sex, Tod, Techno, Vaping und Gewalt.

von Felix Petty
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26 März 2019, 1:02pm

Eliza Douglas. Sex im Tate Modern 2019. Foto: Nadine Fraczkowski. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York

Anne Imhofs neuestes Werk heißt Sex, auch wenn sie es eigentlich Death Wishes, zu deutsch Todessehnsucht nennen wollte. Sex und Tod – die zwei Zutaten, auf die du jegliche Kunst herunterbrechen kannst. In der Kunst von Anne Imhof geht es in vielerlei Hinsicht um Reduzierung. Sie erforscht das Wesen einer bestimmten Sache zu finden, nur um das Publikum im nächsten Schritt damit zu konfrontieren.

Ihr Werdegang gleicht dem eines Raketenstarts. Ihren Abschluss hat Imhof 2012 an der Städelschule in Frankfurt gemacht, fünf Jahre später gewann sie bereits den Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig für ihr Werk Faust. Eine Arbeit, die das Unbehagen des zeitgenössischen Lebens offenbarte. Ein Unbehagen, das eine ganze Ära definierte. Faust war aufschlussreich und revolutionär, schockierend neu und konfrontativ. Ihre choreographischen Performance-Stücke verkörpern eine moderne Version des Erhabenen – eine Mischung aus Angst und Schönheit, Horror und Anmut. Sie führt uns in ein Labyrinth aus sich ständig verändernden Bildern. Endlos, leer und repetitiv.

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Sacha Eusebe. Sex im Tate Modern 2019. Foto: Nadine Fraczkowski. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York

In Sex wird dieser Effekt durch das extreme Ausmaß der Performance noch verstärkt. Vier Stunden lang werden die Tate Tanks in London für die Performance genutzt, die sich langsam zwischen zwei Räumlichkeiten in einer losen Aneinanderreihung von Handlungen bewegt. Eine Intensität, die fast apathisch wirkt. Ungeduld und Angst liegt in der Luft. Die Performer – eine Kerngruppe um Eliza Douglas, Billy Bultheel, Lea Welsch, Frances Chiaverini und Mickey Mahar – rauchen E-Zigaretten, trinken, malen, spielen Gitarre, singen, klettern, schauen auf ihre Handys, liegen herum und verbrennen Blumen. Es gibt aber auch "traditionellere" Choreographien wie ineinander verwobene Körper, marschierende Bewegungen, Rituale und Wiederholung.

Ihre Arbeiten sind atmosphärisch, mehr Gefühl als Narrativ. Anne erbaut Welten. Ihre Armee von Performern scheint den zeitgenössischen Angstzuständen den Spiegel vorzuhalten. Gefangen in einem Gefühl der Leere. Sex hat diese besondere Art, das Publikum miteinzubeziehen. Die Zuschauer werden zu Voyeuren. Die Performer hingegen werden zu identischen Doublen. Sie tragen die gleiche Sportswear, sehen aus, als wären sie auf dem Weg in den Club, zu einer krassen Techno Party irgendwo am Stadtrand. Am Rande Europas. Ein gemeinschaftlicher Stil.

Sacha Eusebe in rehearsal for BMW Tate Live Exhibition: Anne Imhof: Sex at Tate Modern 2019 Photography: Nadine Fraczkowski Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York
Sacha Eusebe. Sex im Tate Modern 2019. Foto: Nadine Fraczkowski. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York

Als wäre man in einem Club gefangen, inmitten von den Trümmern einer Party oder des häuslichen Lebens. Das Gefühl, dass gleich etwas passieren wird, steht in der Luft. Vier Stunden lang. Ungeöffnete Guinness-Dosen, Ketchup, Handys auf dem Bett, Tüten voll Zucker, Matratzen und Lautsprecher wohin das Auge reicht.

Die Räumlichkeiten erinnern an ein wildes Ungetüm, von dem du nur einen kurzen Blick erhaschen konntest ... aber auch an einen Zufluchtsort. Die Menschenmengen schwirren aus, folgen den Performern in eine Höhle. So wie Gerüchte formen sie sich um das Nichts. Voller Erwartungen wartend, nicht sicher, wo sie hinschauen oder stehen sollen.

Mickey Mahar and Josh Johnson in rehearsal for BMW Tate Live Exhibition: Anne Imhof: Sex at Tate Modern 2019. Photography Nadine Fraczkowski. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York
Mickey Mahar und Josh Johnson. Sex at Tate Modern 2019. Photography Nadine Fraczkowski. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York

Die Landschaften, in denen wir uns bewegen, fühlen sich fast schon beunruhigend an. So als hättest du dich in einem Club um fünf Uhr morgen verloren, helles Stroboskoplicht im Hintergrund, schallender Bass, der nur noch halb an deine Ohren drängt, gedämpfte Stimmen. Das Gefühl, das etwas weit weg von dir passiert, ein leichtes Taumeln. Und plötzlich zeigen sich die Performer. Eine Gruppe, die durch flimmerndes Licht zu aggressivem Techno marschiert. Die in einem sexuellem Ballett miteinander kämpft. Die Intensität lässt der Leere den Vortritt.

Josh Johnson in rehearsal for BMW Tate Live Exhibition: Anne Imhof: Sex at Tate Modern 2019 Photography: Nadine Fraczkowski Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York
Josh Johnson. Sex im Tate Modern 2019 Photography Nadine Fraczkowski. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York.

Das Wort Sex bedeutet übersetzt sowohl Gender als auch der Akt als solches. Beides sind Performances. Doch was ist das Herzstück von Anne Imhofs Sex? Ein Spiegel der Leere des modernen Lebens. Es ist nicht unbedingt sexuell aufgeladen, mehr eine Erforschung all unserer nichtssagenden Rituale und merkwürdigen Wiederholungen. Das Fehlen der Handlung gleicht einem Albtraum. Du steckst fest, läufst ohne Ziel mit deinem Handy herum, die Kamera auf das Geschehen gerichtet. Weißt nicht so wirklich, was du einfangen willst, versuchst es trotzdem. In der Hoffnung etwas für die Ewigkeit festzuhalten. Dieses Unbehagen. Die Performance fordert den Zuschauer heraus, beschuldigt ihn für etwas. Wonach suchst du hier? Warum schaust du überhaupt zu?

Portrait of Anne Imhof © Photography: Nadine Fraczkowski
Foto: Nadine Fraczkowski

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.