Fotos: Frida Vega Salomonsson

Warum Stockholms Kreativszene mehr Aufmerksamkeit verdient

Wir haben die schwedischen Talente getroffen, die gerade das Land prägen.

von Juule Kay
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22 Februar 2019, 7:18am

Fotos: Frida Vega Salomonsson

Wenn du an Schweden denkst, fällt dir wahrscheinlich schnell einiges dazu ein: atemberaubende Natur, Astrid Lindgren, etablierte Brands wie Acne Studios und Eytys, das Möbelhaus deines Vertrauens und natürlich Yung Lean und seine Sad Boys. Aber das ist bei Weitem nicht alles, was das Land zu bieten hat. Auch wenn Stockholm oft im Schatten anderer skandinavischer Städte wie Kopenhagen steht, holt es gerade von hinten auf.

"Es geht nicht darum, wo du lebst, sondern was du daraus machst", erklärt die schwedische Fotografin Frida Vega Salomonsson, die für uns losgezogen ist, um die Kreativszene der Stadt festzuhalten. "Leute, die sagen, die kulturelle Szene in Stockholm sei langweilig, sind einfach nur faul." Einer der vielen Dinge, die du definitiv nicht sein kannst, wenn du in einer der teuersten Städte Europas lebst.

Damit zumindest ihr für einen kurzen Moment faul sein könnt, haben wir die Leute gesucht und gesprochen, die gerade die schwedische Kreativszene und damit ihr Land prägen.

bitchink worldwide tattoo artist stockholm

Viktor Mattsson, 30, tattoo artist

Was machst du?
Ich mache Zeichnungen und tätowiere sie anschließend. Manchmal mache ich auch Kleidung daraus.

Wie hat alles angefangen?
Das war 2013, als ich bei einem Freund mit einer Tattoo-Maschine herumhing. Er meinte nur: "Schau mal, was ich bekommen habe!" Wir wussten nicht, was wir machen sollten, also haben wir einfach angefangen zu tätowieren.

Erinnerst du dich noch an das erste Tattoo, das du jemandem tätowiert hast?
Ich erinnere mich an das erste, das ich mir selbst gestochen habe – ein Quadrat. Die Maschine hat rumgesponnen und einfach keine Linien gemacht, also musste ich es mit Stick and Poke probieren – aber eben mit der Maschine.

Wie würdest du die Tattoo-Szene in Schweden beschreiben?
Es gibt so viele Leute, die Tattoos wollen, aber nicht wirklich viele Tätowierer. Also es gibt sicher eine Menge, die ich nicht kenne, aber ich kann dir vielleicht zehn nennen, die etwas anderes machen.

Deine Generation in einem Wort?
Rastlos, aber vielleicht bin auch nur ich das.

@bitchinkworldwide

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Melina Åkerman Kvie, 24, musician

Was haben alle deine Musikprojekte gemeinsam?
Mein eigenes Solo-Projekt, AnnaMelina, habe ich, seit ich 17 bin. Dann gibt es FLORA, zusammen mit Varg, und ein anderes mit dem Namen vallmo, das im April seinen Release feiert. Alle sind sehr unterschiedlich, aber das macht auch Sinn, weil ich verschiedene Alter Egos habe. Davor hat es sich fast so angefühlt, als würde ich meiner Kreativität Limits setzen. Dabei ist es völlig OK, nicht zu versuchen, einem bestimmten Typ zu entsprechen und unterschiedliche Ventile zu haben, je nachdem wie du dich fühlst.

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Ich mag Worte und ich mag es zu schreiben. Das ist der rote Faden bei allem, was ich mache. Auch wenn es manchmal keine Lyrics gibt, hat meine Musik immer noch einen poetischen Vibe.

Was ist der beste Rat, den du seit langem bekommen hast?
Veröffentliche so viele Dinge wie möglich, ohne viel darüber nachzudenken. Versuche, dir nicht zu sehr bewusst darüber zu sein, wie Leute deine Arbeiten aufnehmen könnten. Glaub’ an das, was du machst. Und wenn etwas scheiße ist, werden die Leute es eh wieder vergessen.

Wenn du an Stockholm denkst, was fällt dir dann als erstes ein?
Ich denke an meine Zeit als Teenager, wie ich zum ersten Mal mit der Musikszene in Berührung kam. Leider war es die letzten Jahre für die Leute in Schweden schwierig, weil die Szene sich im Kreis gedreht hat und nichts wirklich Neues passiert ist – auch die Clubszene will wegen der schwedischen Gesetze nicht so ganz funktionieren. Ich habe das Gefühl, dass es an der Zeit für eine neue Welle positiver Energie ist.

Wenn du der Welt eine Frage stellen könntest, welche wäre das?
Denk einen Moment darüber nach, was du tun kannst, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und frage dich dann, wie wir dabei helfen können, den Schaden wieder rückgängig zu machen, den wir Menschen verursacht haben?

@papaver0498

fatima

Fatima Moallim, 26, performance artist

Wie hast du mit der Kunst angefangen?
Ich bin wegen meiner Angstzustände darüber gestolpert. Ich hatte viele Gefühle, die ich nirgends so wirklich zuordnen konnte. Obwohl ich mich eigentlich auch mein Textildesign-Studium hätte konzentrieren sollen, musste ich entweder schreiben oder zeichnen, um meine Gefühle in etwas hineinzustecken.

Wie würdest du jemandem deine Kunst beschreiben, der sie noch nicht gesehen hat?
Ich bin ein Performance Artist, der den Raum liest und die Gefühle der Leute, die sich darin befinden. Die Performance entsteht aus den Live Paintings heraus – ich weiß davor nie, was ich machen werde.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der mit Angstzuständen zu kämpfen hat?
Das klingt vielleicht sehr nach Klischee, aber: Fühle deine Gefühle. Wenn du traurig bist oder Angst hast, stürz dich in sie hinein. Lauf nie davor weg, auch wenn es dich wirklich verletzlich macht. Geh tief in diese Gefühle hinein, um sie loszuwerden.

Was sollte die Welt über Stockholm wissen?
Dass es eine tolle Stadt ist, um aktiv zu sein. Du kannst hier nicht einfach rumsitzen, deine Miete muss bezahlt werden. Außerdem ist sie wirklich offen für aufstrebende Künstler und Künstlerinnen.

Was ist derzeit die größte Herausforderung für junge Kreative?
Etwas zu machen, das du wirklich magst. Anstatt etwas zu machen, von dem du denkst, dass andere es mögen werden.

Wenn du der Welt eine Frage stellen könntest, welche wäre das?
Wie fühlen wir uns?

@flyktinglandet

cajsa wessberg illustrator model stockholm

Cajsa Wessberg, 28, illustrator and model

Wie würdest du selbst deine Kunst beschreiben?
Ziemlich skandinavisch, mit vielen Tieren, Details und der Farbe Pink. Sie erinnert oft an Kinderbücher – süß, aber mit einem Twist.

Wie bist du dazu gekommen?
Meine Mama ist auch eine Künstlerin, also hatte ich schon als Kind einen kleinen Maltisch in meinem Zimmer. Mit 15 habe ich mich dann dazu entschieden, wirklich damit zu arbeiten und später sechs Jahre Visuelle Kommunikation am Beckmans College of Design studiert. Mit dem Modeln habe ich nur durch Zufall angefangen, um meinen Freunden auszuhelfen, die dort Modedesign studiert haben.

Wenn du zwischen beidem entscheiden müsstest, worauf würde deine Wahl fallen?
Definitiv Design. Modeln ist nichts, bei dem du selbst entscheidest. Es ist auch nicht deine Vision. Es macht zwar Spaß, nicht immer die Verantwortung zu tragen, aber Design bin ich.

Wie hat Stockholm deine Arbeit beeinflusst?
Vielleicht versuchen Künstler und Künstlerinnen hier mutiger zu sein, weil die Stadt an sich bereits sicher ist. Ich lasse mich gerne von Tieren und der Natur inspirieren – und die gibt es hier zur Genüge.

Welchen Rat würdest du jedem jungen Künstler mit auf den Weg geben?
Studiere Kunst oder geh auf eine der vielen Kunstschulen. In Schweden bekommst du dafür Geld vom Staat, dir werden alle Möglichkeiten gegeben, um dich zu entwickeln. Finde ein Konzept, um Aufmerksamkeit auf Social Media zu generieren und gib dir selbst jeden Tag kleine Aufgaben – wie zum Beispiel ein Sketch oder Porträt pro Tag oder mit der linken Hand zu zeichnen, wenn du Rechtshänder bist.

Welche Hoffnungen hast du für 2019?
Ich persönlich würde gerne eine bessere Beziehung zu meinem Handy entwickeln und Arbeit und Freizeit trennen Jetzt gerade fühlt es sich so an, als würde ich viel zu viel Zeit damit verbringen, auf mein Handy zu starren.

@cajsawessberg

oli x producer stockholm

Oli XL, producer

Wie würdest du jemandem deine Musik beschreiben, der sie noch nicht gehört hat?
Der inoffizielle Soundtrack des Snowboard Games SSX 3.

Bist du über Umwege zur Musik gekommen?
Es ist ziemlich schwer, kein Interesse für Musik zu entwickeln, wenn du aufwächst, weil sie so stark mit Subkultur und Identität verbunden ist. Zum ersten Mal verstanden, dass Musik mehr als nur eine Melodie und Lyrics ist, habe ich, als ich mir damals eine Basement-Jaxx-CD angehört habe. Darin stecken so viele Strukturen und interessante Sound Design Ideen – das hat mich tiefer reingezogen als jede Musik zuvor.

Was hältst du von der Kreativszene in Stockholm?
Es gibt viele Leute, die krasses Zeug machen, aber sie bekommen hier nicht wirklich Möglichkeiten oder Anerkennung dafür. Die Stadt hat zu wenige kreative Orte, um die sich Communitys bilden können. Die wenigen, die es gibt, werden von Leuten kontrolliert, die Dinge machen, die vor 10+ Jahren vielleicht spannend waren. Leider werden die Menschen, die die Kultur vorantreiben, an diesen Orten nicht gesehen.

Was wünscht du dir für die Zukunft?
Dass Leute, die interessante Dinge machen (Shoutout an Uttran, Ecco2k, Drömfakulteten, Year0001, Gud und Country Music), auch in Stockholm größere Plattformen dafür bekommen. Ich habe erst vor Kurzem auf einer Party in einem staatlich geförderten Kulturzentrum in Brüssel gespielt – ein riesiges siebenstöckiges Gebäude, das in jedem Stockwerk mal Konzerte und Talks, mal Screenings oder andere Performancen beherbergt hat. So etwas in Stockholm wäre schön!

Mit welchen Künstlern würdest du gerne mal b2b spielen?
Es wäre cool, die Keys in einem Jazz Ensemble mit Tony Allen an den Drums und Wayne Shorter am Saxofon zu spielen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich da nicht mithalten könnte. Also hätte ich auch nichts dagegen, Teil eines All-Star-Teams mit Laurel Halo, M.E.S.H. und Gud zu sein und für Ariana Grande zu produzieren.

@oli.w_i

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Josephine Bergqvist (30) and Livia Schück (28), fashion designers

Wie würdet ihr jemandem Rave Review beschreiben, der noch nicht davon gehört hat? Josephine: Wir arbeiten mit Remake und Second-Hand-Materialien und kombinieren beides mit High Fashion. Die Szene in Stockholm ist wie eine kleine gemütliche Komfortzone – wir sind Teil davon und wollen schwedische Mode repräsentieren.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Josephine: Nachhaltige Mode ist die Zukunft. Ich freue mich auf neue Techniken, vielleicht wird in Zukunft auch die Produktion günstiger, wenn es Second-Hand-Materialien sind. Die Sortierzentren sollten ihre Maschinen weiterentwickeln und eine Art Magnet hinzufügen, der verschiedene Materialien aussortiert. Ich hoffe auch, dass Kleidung mieten bald groß wird! Livia: Die Leute werden hoffentlich ihren Konsum überdenken und nicht mehr so viel kaufen.

Welchen Rat würdet ihr jedem angehenden Modedesigner ans Herz legen?
Livia:
Wenn du deine eigene Brand starten willst, musst du einen Grund dafür haben. Mach es nicht einfach nur, weil du etwas machen willst. Josephine: Und fang am besten als Projekt an, falls du es am Ende schrecklich findest. Du solltest es einfach ausprobieren und schauen, was du der Modeszene anbieten kannst, das noch nicht existiert.

War Mode immer das, was ihr machen wolltet?
Livia:
Ich war schon immer kreativ, aber habe erst spät verstanden, dass Mode das ist, was ich machen will. Josephine: Als Teenager wollte ich entweder Politikerin oder Modedesignerin werden. Ich bin zuerst Richtung Politik gegangen, bis ich mir in den Kopf gesetzt habe, vorher Mode auszuprobieren. Deswegen ist das Projekt auch so gut: Es ist zwar keine Politik, aber immer noch etwas Gutes. Wir wollen in gewisser Weise die Gesellschaft verändern.

@ravereviewclothes

nim sundstrom filmmaker stockholm

Nim Sundstrom, 23, filmmaker

Was haben alle deine Filme gemeinsam?
Ich mag starke, diverse Charaktere, die noch nicht so oft auf der Leinwand zu sehen waren. Die Schauspieler und Schauspielerinnen sollen sich selbst in eine bestimmte Emotion versetzen, die ich dann versuche, ehrlich und echt festzuhalten. Ich muss immer eine Grundüberzeugung finden oder etwas, das ich erzählen möchte, sonst sind es nur schöne Bilder – und die lassen dich nichts fühlen.

Wolltest du schon immer Filme machen?
Ich war schon immer ein Film Nerd und habe den ganzen Tag nur an Filme gedacht und sie geschaut. Ich hatte damals schon sechs Jahre geschauspielert und begann dann ein Grading-Praktikum, weil die Farbabstufung im Film das einzige Element war, das ich damals nicht verstanden habe. Als Regisseurin musst du in der Lage sein, das ganze Bild zu sehen.

Woran arbeitest du gerade?
An einem Kurzfilm über sexuellen Missbrauch. Ich versuche, die Debatte zu dekonstruieren. Gerade liegt so ein großer Fokus darauf, das Problem im Nachhinein in den Griff zu bekommen, anstatt Wege zu finden, es von vornherein zu verhindern. Auch wenn es oft als “Frauenproblem” deklariert wird, sind es die Männer, die sexuellen Missbrauch verstehen müssen. Schließlich sind sie die Einzigen, die ihr Handeln verändern können.

Was ist die größte Herausforderung für einen jungen Kreativen heutzutage?
Budgets und der zeitliche Rahmen.

Wie würdest du die Kreativszene in Stockholm beschreiben?
Klein, aber spaßig. Weil Stockholm so eine kleine Community hat, laufen so viele verschiedene kreative Ventile zusammen, die sich gegenseitig inspirieren.

Wenn du der Welt eine Frage stellen könntest, welche wäre das?
Warum nehmen wir den Klimawandel nicht endlich ernst? Wie können wir die Uhr zurückdrehen?

@nimsundstrom

Frida Vega Salomonsson Nuda Paper Photographer Stockholm

Frida Vega Salomonsson, 25, photographer

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Als ich klein war, habe ich bei Kanninchenschauen mitgemacht und die ganzen coolen Mädchen hatten diese riesigen Digitalkameras, um ihre Hasen zu fotografieren. Zwar habe ich keine eigene bekommen, aber die von meinem Dad mitbenutzt. Ich hatte schon immer einen sehr dokumentarischen Blick und später immer eine Kamera dabei, um meine Freunde zu fotografieren. Daran hat sich heute eigentlich nichts geändert.

Du hast auch Nuda Paper gegründet, ein Magazin mit einem starken Kunstfokus. Erzähl uns mehr davon.
Ich wollte eine Plattform erschaffen, um kreative Freiheit zu haben und Dinge auszuprobieren. Es ist auch eine Möglichkeit, um mit anderen Kreativen zusammenzuarbeiten oder einfach nur die Arbeiten der anderen kennenzulernen. Jeder hat hier seinen eigenen Fokus, also wollte ich etwas machen, das jeden der Punkte verbindet.

Wie würdest du die Kreativszene hier beschreiben?
Es ist eine wirklich teure Stadt, das macht es schwieriger, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und ein bezahlbares Studio zu finden. Aber Stockholm hat auch viele Vorteile einer kleinen Stadt, die meisten kennen sich. So findest du viel schneller Zugang zu Leuten aus unterschiedlichen Genres.

Was sollte die Welt über Stockholm wissen?
Es ist eine kleine, kalte Stadt. Aber es geht nicht darum, wo du lebst oder wie groß die Stadt ist, sondern was du daraus machst. Leute, die sagen, dass die kulturelle Szene hier langweilig ist, sind einfach nur faul.

Was macht ein Foto zu einem guten?
Ich mag, wenn ein Foto zeitlos ist. Wenn du es anschaust und nicht weißt, ob es gestern oder vor zehn Jahren geschossen wurde. Ein gutes Foto sollte nicht einfach nur gefallen, sondern eine Art Reibung, einen Kontrast haben.

@fridavega

Credits


Fotos: Frida Vega Salomonsson
Produktion & Interviews: Juule Kay

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