wir haben mit paris jackson über aktivismus, feminismus und trump gechattet

Wir haben ihr erstes i-D Cover zum Anlass genommen, das Leben der Teenagerin auf der anderen Seite von Neverland kennenzulernen.

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Aug. 8 2017, 12:30pm

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer The Acting Up Issue, no. 349, 2017.

Paris Jacksons Kindheit war nie normal. Immerhin ist sie die einzige Tochter von Michael Jackson, dem berühmtesten Musiker der Welt. Bis zum tragischen Tod ihres Vaters im Jahr 2009, als sie gerade mal 11 war, haben Paris und ihre zwei Brüder ein privilegiertes — wenn auch ein sehr behütetes und außergewöhnliches — Leben geführt. Sie ist auf der Neverland Ranch aufgewachsen, einer über 1.000 Hektar großen Fantasiewelt aus Zoos und Vergnügungsparks. Nach Michaels Tod geriet Paris ins gnadenlose Rampenlicht der Medien. Die plötzliche Aufmerksamkeit hatte einen großen Einfluss auf sie. Artikel über ihr Aussehen — ihre blasse Haut, ihre blonden Haare und stechend blauen Augen — führten zu Spekulationen über ihre Abstammung, und in Online-Kommentaren wurde sie nicht selten als fett oder hässlich bezeichnet. Ihr Selbstbewusstsein erreichte einen absoluten Tiefpunkt. Die Pubertät ist für Mädchen eine sehr schwierige Zeit; man ist den Launen seiner Hormone ausgesetzt, weiß noch nicht genau, wer man ist oder wer man werden möchte. Und jetzt stellt euch vor, das alles vor den Augen der ganzen Welt durchmachen zu müssen.


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Während alle anderen Kinder zur Schule gingen, hatte Paris mit Depressionen und Süchten zu kämpfen — ein Teufelskreis, der schließlich zu einer Reihe von Selbstmordversuchen führte. Nach einem Drogenentzug sowie der Wiedervereinigung mit ihrer Mutter, Debbie Rowe, hat die 19-Jährige ihre Lebensanschauung komplett verändert. Sie ist jetzt viel positiver eingestellt und postet auf Instagram über Selbstliebe und darüber, wie wichtig es ist, seinen inneren Frieden zu finden. Sie möchte Frauen aus aller Welt zeigen, dass Perfektion nichts weiter als ein Mythos ist und dass Glück etwas ist, an dem man sein ganzes Leben lang arbeiten muss. Außerdem konzentriert sie sich auch immer mehr auf ihre Schauspiel-Karriere und wurde erst vor Kurzem zum Gesicht der Autumn/Winter-Kampagne von Calvin Klein. Nach ihrem allerersten i-D-Cover-Shooting haben wir mit dem Teenietraum gechattet, um zu erfahren, wie alles bei ihr gerade so läuft.

Hey Paris! Hallooo!

Wie geht's? Mir geht's gut, und dir?

Auch. Das ist gut :)

Wie war dein Wochenende? Was hast du gemacht? Es war OK, ich habe viel geschafft, gelesen, Scandal gebinge-watched, das Übliche eben. Und deins?

Ich war auf einer Hochzeit auf dem Land, die total verrückt, aber sehr lustig war. Ohh, cool!

Woran genau hast du am Wochenende gearbeitet? Ich habe gehört, dass du vor Kurzem ein Treffen in der Elizabeth Taylor AIDS Foundation hattest. Wie ist es gelaufen? Welche Themen liegen dir am meisten am Herzen? Ich möchte etwas in der Modebranche bewirken und die Schönheitsideale infrage stellen, die nicht nur uns Frauen, sondern auch Männern von den Medien aufgeworfen werden. Ich interessiere mich zur Zeit auch sehr für die Diskussionen um die Pipelines. Die Umwelt ist mir sehr wichtig. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um unsere Mutter Erde zu beschützen.

Ja, danach wollte ich dich auch fragen. Viele deiner Instagram-Posts sind sehr spirituell und haben mit Selbstliebe zu tun. Wie bleibst du positiv? Positiv zu sein, erfordert eine Menge Geduld und innere Stärke, und die meisten meiner Posts spiegeln das glaube ich auch wider. Ich halte meine Follower gerne darüber auf dem Laufenden, wo ich mich gerade auf dem Weg der Heilung befinde, und hoffe, dass ich sie auf positive Weise beeinflussen kann, sie gewissermaßen "wachrüttle."

Body Positivity ist gerade auch ein sehr präsentes Thema. Und so schön ich es auch finde, unterschiedliche, hübsche Frauen in allen Formen und Größen zu sehen, fällt es mir manchmal schwer, das mit meinem eigenen Körperbild zu vereinbaren. Ich glaube, dass jede Frau in gewissem Maße unsicher ist. Hast du dich immer wohl in deiner Haut gefühlt, oder ist auch das etwas, an dem man ständig arbeiten muss? Leider ist es in der Welt, in der wir leben, so gut wie unmöglich, sich immer in seiner Haut wohlzufühlen.Vor allem wenn man bedenkt, was die Medien uns andauernd auftischen. Ich bin immer noch wegen vielen Dingen unsicher oder habe Angst, so wie alle anderen Menschen, die ich kenne. Trotzdem sind wir auf jeden Fall langsam aber sicher auf dem richtigen Weg, und genau deswegen möchte ich dieses Schönheitsideal verändern, damit Menschen aus aller Welt es einfacher haben, sich genau so schön zu fühlen, wie sie sind.

Was bedeutet Schönheit für dich? Schönheit wird nicht nur anhand von Zahlen, Symmetrie, Formen, Größen, Farben oder sonst was bemessen. Wahre Schönheit sollte an der Seele, am Charakter, der Integrität, den Absichten und der Einstellung einer jeden Person beurteilt werden. Daran, was aus ihrem Mund kommt. Wie sie sich verhält. An ihrem Herz.

Ich habe das Gefühl, dass die Modeindustrie langsam beginnt, Vielfalt als etwas Positives zu sehen. Warum denkst du passiert das gerade jetzt? Warum wird heute viel mehr über die eigene Körperwahrnehmung gesprochen? Die neue Generation wird älter. Und das ist es, was sie wollen, was sie einfordern: Veränderung und Ehrlichkeit. Sie feiern sich selbst, ihre Freunde und Leute, denen sie zufällig begegnen. Sie haben genug davon, ständig Lügen zu lesen und lehnen sich gegen die unrealistischen Erwartungen in den Medien auf. Der Rest der Welt, die Rassisten, die Homophoben, die Sexisten, sie sind aufgeschlossenen Leuten unterlegen. Die Welt hat also gar keine andere Wahl, als die Schönheit aller Menschen und Lebewesen anzunehmen. Es gibt nicht mehr nur das eine Schönheitsideal. "Schönheit" ist sowieso eine unglaublich komplexe Sache. Sie passt nicht in nur eine Schablone.

Ich glaube bei alledem geht es auch sehr darum, die Darstellung von Frauen und Schönheit zu verändern und die Vielfalt in den Mainstream aufzunehmen … Genau! Das ist mein Ziel.

Und wie willst du das erreichen? Man muss auf jeden Fall darüber sprechen und selbst ein Vorbild sein. Ich bin nicht symmetrisch, und auch keine Size Zero. Ich esse Burger und tonnenweise Pizza. Designerklamotten vom Laufsteg passen mir nicht, ich habe Narben und Dehnungsstreifen und Akne und auch Cellulite. Ich bin ein Mensch und kein Ankleidepüppchen. Die Idee, dass wir alle einer Vorstellung von Schönheit entsprechen sollen, ist schrecklich und schlichtweg lächerlich, weil "Perfektion" nichts weiter als Ansichtssache ist.

Total. Was ist deiner Meinung nach das schwierigste daran, eine Frau zu sein? Doppelmoral ist keine coole Sache, und sexualisiert zu werden auch nicht. Wenn man in der Öffentlichkeit steht und die Leute Artikel über einen schreiben, sind sie meistens mit ihrem Urteil weit weniger nachsichtig als bei Männern. Oh und dann haben wir ja noch einen Präsidenten, der Frauen nicht respektiert, weil sie eine Vagina haben. Männer sind toll und ich glaube nicht, dass Frauen besser sind. Aber wir alle verdienen es, gleich und mit Respekt behandelt zu werden. Richtig?

Trump ist ein Arschloch. Er verletzt sehr viele Menschen, aber gleichzeitig rüttelt er uns damit auch wach. Also sollten wir uns auf gewisse Weise im Namen all derer, die eine Revolution in Gang setzen, bei ihm für die Motivation bedanken.

Wenn wir von modernem Feminismus sprechen, wissen viele Leute nicht genau, was das bedeutet. Entweder sie denken an etwas Schmutziges oder sie übertreiben es und drängen auf Überlegenheit. Beim Feminismus geht es um Gleichberechtigung und nicht darum, dass das eine Geschlecht dem anderen überlegen ist.

Genau. Das ist pure Ignoranz und Angst vor Unterschiedenheiten. Alles Bullshit. Es gibt viele Fälle, in denen Leute, die etwas gegen Männer haben, das Wort Feminismus als Ausrede nehmen, mit der sie ihren Hass rechtfertigen wollen. Auf gewisse Weise kann ich das Stigma um den Begriff also schon verstehen. Aber das wäre so, als würde man sagen, dass alle Christen Teil des Ku-Klux-Klans sind. Nicht alle Mitglieder einer Gruppe müssen Extremisten sein. Egal ob es um Politik, Religion oder sonst was geht.

Total. Was ist deiner Meinung nach das Mutigste, das man als junger Mensch machen kann? Sich ständig weiterzubilden, offen zu bleiben und sich selbst treu zu bleiben, egal was kommt.

Das hast du gut gesagt. Du bist sehr wortgewandt. Hast du schon mal darüber nachgedacht, zu schreiben? Danke, das ist lieb von dir! Ich schreibe gerne, es ist auf jeden Fall eine gute Art, um meinen Wortschatz auszubauen, aber beruflich würde ich es glaube ich eher nicht machen wollen.

Und wie sieht es mit deiner Schauspielerei aus? Was ist das Aufregendste, an dem du zur Zeit arbeitest? Lasst euch überraschen :)

Spannend! Wofür interessierst du dich neben deiner Arbeit und deinem Aktivismus sonst noch so? Wie bist du kreativ? Wenn ich nicht arbeite, bin ich die meiste Zeit mit meinem Hund zuhause, ich lese viel und ich finde all diese neuen Alien-Serien total toll. Ich zelte auch gerne. Das war's auch eigentlich schon lol.

Hört sich ziemlich verträumt an! Das Erwachsenenleben ist ein gutes Leben.

OK letzte Frage: Was erhoffst du dir für deine Zukunft? Welche Veränderungen wünschst du dir und wo hoffst du, eines Tages zu stehen? Mein Ziel ist die Erleuchtung. Vielleicht werde ich sie nicht in diesem Leben erreichen, aber ich würde ihr zumindest gerne näher kommen. Ich hoffe jeder Mensch, dem ich unterwegs dahin begegne, positiv zu beeinflussen. Ich möchte einfach glücklich sein.

Ahhh fantastisch! Paris, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit mir zu schreiben. Es war traumhaft! Danke und gleichfalls!! <3

Credits


Text: Tish Weinstock
Fotos: Willy Vanderperre
Styling: Olivier Rizzo
Haare: Anthony Turner at Streeters.
Make-up: Lynsey Alexander at Streeters.
Nageldesigner: Marisa Carmichael at Lowe & Co.
Beleuchter: Romain Dubus.
Fotografieassistenz: Colin Smith und Fred Mitchel.
Digital operator: Henri Coutant.
On-set retouching: Stephane Virlogeux.
Stylingassistenz: Niccolo Torelli, Eugenia Gamero, Emily Moiseve und Derik Johnson.
Wardrobe co-ordinator: Leonel Becerra.
Haarassistenz: Simon Khan und Drew Schaefering.
Studio Manager: Charlotte Arts.
Produktion: Simon Malvindi und Hye Young Shim at Red Hook Labs.
Productions co-ordinators: Kevin Warner und Francis McKenzie.
Produktionsassistenz: Austin Kearns, Alex Woods und William Mathieu.
Casting Director: Ashley Brokaw.