Fotos: Trackie McLeod

Was ist eigentlich Oger-Drag?

Shrek 666 erklärt es dir.

von Frankie Dunn
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27 August 2019, 11:57am

Fotos: Trackie McLeod

Das erste Wort, das dir zu Fort William einfällt, ist idyllisch. Eine friedliche Stadt an der Küste des Loch Linnhe im schottischen Hochland. Stell dir vor, du würdest hier deine Kindheit verbringen. Du würdest im Wald wandern gehen oder die nahegelegenen Hänge auf Skiern herunterflitzen. Oder aber: Du hasst es abgrundtief, weil du dich als queer identifizierst und dich niemand auch nur ansatzweise versteht.

Glücklicherweise lebt Sorcha Clelland mittlerweile in Glasgow – bei Sorcha war nämlich das zweite Szenario die Realität. "Fort William erinnert an Twin Peaks, umgeben von Bergen mit einem großen Sägewerk", sagt Sorcha. "Für mich hat sich die Stadt sehr ruhig angefühlt, ein bisschen zu ruhig. Es ist alles andere als einfach, dort als queerer Teenager aufzuwachsen. Es gibt hier keinen Raum, du selbst zu sein."

Filme wie Party Monster und Pink Flamingos zeigten der_dem damals 13-Jährigen eine Art von Drag, von der sie_er sich heute so angezogen fühlt. Es war eine ganz besondere Art, die "Bring mich mit dem nächsten Bus aus den Highlands"-Art. Und genau dieser Bus hat Sorcha direkt in Glasgow abgeliefert, wo sie_er nun an der Glasgow School of Art studiert. Hier verknallte sie_er sich in die Menschen der queeren Clubnacht Shoot Your Shot, wo Sorcha als Shrek 666 einen Platz als Resident ergatterte.

Aber wie genau kommt man dazu, einen Oger-Drag zu erschaffen? "Am Anfang war da dieses Bedürfnis, mit den Themen der schottischen Identität und 'Maskulinität' zu arbeiten", erklärt Sorcha. "Dann mochte ich plötzlich Grün als Hautfarbe und die Parallele zu einem Greenscreen und den damit verbundenen Möglichkeiten. Das passte auch zu der Idee von Shrek." Nach einigen kurzen Projekten – darunter auch eine Einzelausstellung namens Sex und der Abschlussshow, in der Sorcha die Beerdigung von Shrek 666 nachstellte – entschied Sorcha sich dazu, den Charakter weiterleben zu lassen.

Auf die Frage, warum Sorcha das tut, antwortet sie_er mit einem Zitat von Jack Halberstam, Theoretiker im Bereich der Gender Studies: 'The gothic monsters that threaten and terrify us are never gothic unitary, but always an aggregate of race, class and gender.' "Terror ist zugänglich, die Leute lieben Horror, aber auch zu lachen", erklärt Sorcha. "In vielerlei Hinsicht bringen uns unsere Ängste zusammen, wenn man sie dagegen lustig darstellt, wirkt es wie eine Befreiung. Der selbstgeschaffene, unbeständige und sich verändernde Körper wird als verstörend aufgefasst – das versuche ich, auf offensichtlich alberne Art und Weise darzustellen."

Angst und Spaß, darum geht es Sorcha AKA Shrek 666.

Wenn dich jemand fragt, was du machst, was antwortest du dann?
Ich mache Clubarbeit, die zugänglich ist, weil Kunstinstitutionen sie noch nicht akzeptieren. Wir sind Menschen, aber menschlich zu sein, bedeutet etwas Unnatürliches, entfremdet von seiner ursprünglichen Umgebung. Deswegen sollten wir alle 'grün' leben und die Welt retten.

Und wie bist du auf den Namen Shrek 666 gekommen?
Mythologie und volkstümliche Erzählungen haben mich schon immer interessiert. Das ursprüngliche William Steig Buch SHREK! transportiert dieses ansprechende Bild des Ogers. Er sieht riesig und unheimlich aus, dabei versucht er einfach nur sein Leben zu leben. Die Zahlenfolge 666 kommt direkt aus der Hölle.

Erinnerst du dich noch an deine erste Performance als Shrek 666?
Ja, ich habe aus "Like A Virgin" "Like an onion" gemacht und dabei Zwiebeln gegessen.

Lecker. Und wie sieht ein typischer Auftritt von dir so aus?
Das kommt ganz auf den Veranstaltungsort an und dessen Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften. Ich will keine Absperrungen, ich will einen Sumpf aus Live-Kunst kreieren, in dem alle herumlaufen können – und entweder schmutzig oder inspiriert werden.

Wie fühlst du dich, wenn du komplett in Drag bist?
Unwohl unter all den Schichten. So als gäbe es eine Wand zwischen mir und der anderen Person. Ich brauche immer einen Anlass, um mich darauf zu konzentrieren, was ich zu tun habe. Aber die Rolle reizt mich und ich finde immer einen Weg, etwas für eine Person zu tun, die mir das Gefühl gibt, willkommen zu sein – das gibt mir wirklich Energie.

Machst du deine Masken und Kostüme selbst?
Natürlich! Das könnte niemand anderes machen. Ich mache meine eigene Prothetik und ungefähr 80 Prozent meiner Kleidung. Ich liebe diesen instinktiven Prozess meine nächste Inkarnation zu formen. Die Möglichkeit, mir immer wieder ein neues Gesicht zu erschaffen, ist Teil dieses Prozess. Vor Kurzem habe ich an einigen Latex-Dingen gearbeitet, denn es ist fast unmöglich, qualitativ hochwertige Fetischware in meiner Preisklasse und Größe zu finden.

Wie erging es dir bei deiner Beerdigung? Die sah super aus.
Meine Abschluss Show Slash Beerdigung war intensiv. Ich lag jeden Tag stundenlang in diesem Behälter, umgeben von Rauch in einer Ganzkörper-Latex-Prothese. Die meisten dachte, ich sei eine Skulptur, aber das war wirklich ich! 30 Stunden über zehn Tage verteilt. Das Publikum stupste mich ohne meine Zustimmung an, aber wenigsten wurde ich jetzt wiedergeboren. RIP

Und zu guter Letzt: Warum sind Oger wie Zwiebeln?
Weil wir kompliziert sind!

@ogrebabe

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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