Foto: Nelly Rau-Häring

"Berlin war immer eine harte Stadt – und ist es immer noch"

30 Jahre nach dem Mauerfall sind die Fotografien von Nelly Rau-Häring ein Zeitdokument mit besonderem, melancholischen Wert.

von Juule Kay
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08 November 2019, 3:00pm

Foto: Nelly Rau-Häring

Kreuzberg, Berlin 1968. Zwei Kinder liegen auf einem gepflasterten Weg. Fasziniert blicken sie in die Tiefen eines Gullys. Der ältere der Jungs lässt langsam eine selbstgebastelte Angel aus Holz durch das Gitter hinab. Die beiden sind so in ihr Vorhaben vertieft, dass sie gar nicht bemerken, wie Nelly Rau-Häring ein Bild von ihnen schießt. "Zum Fotografieren braucht man eine wahnsinnige Neugierde", erzählt die mittlerweile 72-Jährige. "Die wenigsten Leute können sehen, auch wenn sie Augen haben."


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Vermutlich ist es genau das, was die Fotos der gebürtigen Schweizerin ausmacht: Der Blick für das Alltägliche. Für das, was die meisten von uns übersehen, erst gar nicht wahrnehmen. So tauchen wir in ihrem neuen Buch OST/WEST BERLIN ein in das Leben des geteilten und später wiedervereinigten Berlin Mitte der 60er bis in die 00er Jahre. Wir erleben Meilensteine in der Geschichte, genau wie das ganz normale Leben der Bürger_innen.

i-D hat Nelly Rau-Häring zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls getroffen, um darüber zu sprechen, welche Mauern in den Köpfen der Menschen immer noch eingerissen werden müssen.

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Foto: Nelly Rau-Häring

Wenn Sie damals mit heute vergleichen: Wie hat sich Ihre Sicht auf die Fotografie verändert?
Ich fotografiere immer noch, aber anders. Andere Motive wie Blumen, die kaum noch als solche zu erkennen sind. Ich glaube auch, dass der Beruf des Fotografen heute schwierig geworden ist, weil das Handy technisch exzellente Bilder macht. Es wurde noch nie so viel fotografiert wie heute. Ein Film war damals teuer, da hat man sich gut überlegt, ob man zwei oder zehn Bilder macht – man nahm sich mehr Zeit. Bei vielen der Fotos habe ich die Qualität erst hinterher auf dem Film gesehen.

Das Buch OST/WEST BERLIN beginnt mit dem Zitat 'Da war etwas, wo man nicht hinging und das wollte ich sehen'. Können Sie das genauer ausführen?
Zum Fotografieren braucht man eine wahnsinnige Neugierde. Die wenigsten Leute können sehen, auch wenn sie Augen haben. Man kann diesen Blick lernen, aber die Neugierde muss vorhanden sein, um ihn zu schulen. Ich bin immer noch genauso neugierig wie damals.

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Foto: Nelly Rau-Häring

Wenn Sie die Bilder im Nachhinein ansehen, was fühlen Sie dann?
Blättere ich durch das Buch, ist es wie eine Zeitreise. Es fängt an, als ich hier in Berlin angekommen bin, und endet 2006, als ich sie wieder verlassen habe. Berlin war immer eine harte Stadt und ist es immer noch. Wenn ich die Bilder sehe, merke ich, dass eine lange Zeit dazwischen liegt, auch wenn es sich gar nicht so anfühlt. Da kommt man der Realität wieder ein bisschen näher – und der schaue ich gerne ins Gesicht.

Von Bildrechten bis Copyrights: Heute hat die Privatsphäre der Menschen einen komplett anderen Stellenwert als damals. Wie nehmen Sie das als Fotografin wahr?
Ich kann heute nicht mehr so fotografieren, wie ich es gemacht habe. Aus dem einfachen Grund, weil die Leute es nicht wollen. Das finde ich etwas schade. Ich weiß nicht, ob sie denken, dass gleich ein Missbrauch mit den Bildern dahinter steht. Ich merke nur, dass auch wenn ich mit Leuten rede und frage, ob ich ein Foto machen darf, die Antwort meistens ‘nein’ lautet. Früher hat man sich gefreut, fotografiert zu werden. Die Leute waren damals offener dafür.

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Foto: Nelly Rau-Häring

Was macht ein Foto zu einem guten Foto?
Ich mache mehr oder weniger dokumentarische Fotos, wobei für mich ein Foto immer ein bisschen mehr haben muss, als nur abzubilden. Man muss eine oder mehrere Geschichten darin sehen. Ein Foto ist gut, wenn es mehrschichtig ist. Es ist ein Zeitdokument. In dem Moment verstehen es zwar viele nicht, weil es ganz normal ist. Alltag. Aber jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, kriegen die Bilder – jegliche Bilder – einen besonderen Wert. Einen Wert, der die Zeit überdauert hat.

Wir feiern heute 30 Jahre Mauerfall. Welche Mauern müssen Ihrer Meinung nach immer noch in den Köpfen der Menschen eingerissen werden?
Einige. Ich bin mit meiner Lebenserfahrung natürlich etwas pessimistischer geworden. Für mich ist es nicht fünf vor zwölf, sondern eher nach zwölf. Aber um etwas zu verändern, muss man bei sich anfangen. Und nicht hoffen, dass es von oben kommt. Man sagt immer, reisen bildet. Wenn man reist und die Welt anschaut, sieht man eigentlich, wie schön sie ist. Wir sollten Respekt vor ihr haben.

Alle Informationen zum Buch OST/WEST BERLIN von Nelly Rau-Häring findest du hier. Die dazugehörige Ausstellung kannst du dir ab sofort im f3 Freiraum für Fotografie in Berlin ansehen.

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Foto: Nelly Rau-Häring
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