Fotos: Screenshots via @melanirikoudi und @wherearemyboness

Johanna Jaskowska ist die Künstlerin hinter den viralen Instagram-Filtern

Habt ihr euer Gesicht auch schon in Vaseline getaucht?

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14 Januar 2019, 9:39am

Fotos: Screenshots via @melanirikoudi und @wherearemyboness

Boom. Plötzlich bist du Insta-Fame. Dieses surreale Phänomen unseres digitalen Zeitalters ist Johanna Jaskowska widerfahren. Letzte Woche noch folgten dem 26-jährigen Multitalent enge Freunde, Familie, ein paar interessierte Fremde. Jetzt sind es mehr als 135.000 Menschen – und die Zahl wächst im Sekundentakt. Alle wollen ihr Gesicht in virtuelle Vaseline tauchen und es mit Lichteffekten zum Glitzern bringen. Alle wollen sich mit ihren Face-Filtern Beauty3000, Zoufriya und Blast zu wunderschönen Plastik-Cyborg-Wesen stilisieren. Johanna Jaskowska hat es geschafft, unserer selbstverliebten Generation eine Lage Unkonventionalität zu verleihen, die zwischen Katzen-, Hasen- und Hundeohren irgendwo auf der Strecke blieb.

Wir haben die in Berlin lebende Internet-Aficionado getroffen, um mit ihr über Narzissmus, Cyborgs und Schönheit zu sprechen. Außerdem hat sie verraten, wie wir es alle schaffen können, in ihre Fußstapfen zu treten.

Zuerst einmal die Frage, die sich wohl alle stellen: Wie kamst du auf die Idee, diese drei Filter, die sogar von @uglyworldwide genutzt werden, zu entwickeln?
Beauty spielt eine große Rolle für Augmented-Reality-Filter. Doch Beauty heißt nicht automatisch Make-up. Ich bin stark beeinflusst von Fotografie, Kino und futuristischen Dingen. Wenn du zum Beispiel an Fotografie denkst, ist es das perfekte Licht, das das Model noch schöner macht. Mit AR kann man dieses Licht faken. Genau damit wollte ich bei den Filtern herumspielen. Alles fing eigentlich damit an, dass ich probierte, wie die Prozesse funktionieren – erst auf Facebook, dann auf Instagram. Meinen ersten Instagram-Filter habe ich für meine Freundin Zoufriya gemacht, die gern schwarze Augen auf Fotos packt.

Hast du mit so vielen neuen Followern das Gefühl, jetzt unter großem Druck zu stehen, Neues abzuliefern?
Im Bezug auf meine Arbeit nicht wirklich. Ich weiß, dass ich immer noch dieselben Dinge machen werde, die ich auch vorher schon gemacht habe – eher wenn es um die Kommunikation geht. Ich möchte allen zuhören, allen antworten, aber kann es nicht, da es so viel Zeit einnimmt. So viele Leute kontaktieren mich und wollen mit mir arbeiten. Das freut mich, aber ich muss für mich selbst erst einmal herausfinden, was ich wirklich machen möchte.


Warum denkst du, dass du mit diesen drei Filtern so einen Nerv getroffen hast?
Das meiste, das wir in Bezug auf Filter heute sehen, hat damit zu tun, sein Gesicht zu dem einer Katze zu machen. Oder man hat diese Beauty-Filter, bei denen man plötzlich superlange Wimpern und strahlend rote Lippen hat. Meine Filter sind anders. Es ist nur eine dünne Schicht auf deinem Gesicht, die diesen schönen Effekt kreiert. Denn worum geht's bei Filtern? Um die Nutzer. Außerdem haben sie mit den Filtern die Möglichkeit, selbst mit Licht zu experimentieren, was sie sonst nur bei Fotografen sehen. Mit den Filtern wird man selbst zum Model.

Du hast es bereits erwähnt, dass die User eine große Rolle spielen. In deiner Bio steht "There's no filter without you". Eine recht selbsterklärende Message, doch was steckt wirklich dahinter?
Vorher stand dort "I'm not a robot", aber als die Leute anfingen, die Filter zu reposten, wollte ich in meiner Bio mehr kommunizieren. Alle meinten plötzlich, dass sie meine Filter toll finden – und ich wollte mich bei ihnen bedanken. Bei den Filtern geht es nicht um die Filter, sondern um die Menschen. Ich gebe ihnen nur ein Tool, damit sie etwas für sich selbst machen können.

Was sagt der extreme Gebrauch von Filtern über unsere Gesellschaft aus?
Dass es den Menschen heute um ihre Selbstvermarktung geht. Schön sein, sich selbst im besten Licht präsentieren. Narzissmus. Sie hat verschiedene Facetten: sei es, weil du deinen Körper präsentierst, deine Arbeit oder deinen Humor zur Schau stellst. Jedes einzelne Feature deiner Persönlichkeit kann dafür genutzt werden. Das ist an sich nicht schlecht, nur geht dabei manchmal die Spontaneität verloren. Es gibt bekanntermaßen diese Theorie, dass dein "echtes" und dein digitales Ich komplett verschieden sein können. Irgendwie ist es aber auch cool, dass du im virtuellen Leben die Möglichkeit hast, deine Persönlichkeit komplett selbst zu kreieren.

Ist es auch das, was dich an deiner Arbeit mit Filtern so fasziniert?
Ich interessiere mich stark für soziale Experimente und beobachte, wie sich Menschen in verschiedenen Situationen verhalten. Ich mag es, Dinge zu erschaffen, sie den Menschen zu präsentieren und zu schauen, was sie damit machen. Und dann das Ganze zu analysieren. Zum Beispiel wie sie meine Filter nutzen. Menschen sind so verschieden, haben unterschiedliche Geschmäcker und Verhaltensweisen, kommunizieren unterschiedlich, sind so divers. Dieser soziale Kontext fasziniert mich an meiner Arbeit. In meinen Arbeiten stecken immer eine gute Portion Humor und etwas Sozialkritik.

Was ich auch faszinierend finde, ist das Potential, das in den Face Filtern steckt. Sie könnten zu einer neuen Kunst-Plattform werden ...
Absolut. Du hast so viele verschiedene Möglichkeiten. Allein wenn du über das Gesicht nachdenkst: die Augen, der Mund, das Lächeln, der Ausdruck. Das alles sind Trigger, die eine bestimmte Funktion auslösen können. Ich habe schon überlegt, animierte Poster zu kreieren und mehr Richtung Grafik Designs zu experimentieren. Wenn du lächelst, könnte sich die Typografie beispielsweise verzerren oder wenn du blinzelst, wechselt die Farbe. Ich möchte die Art verändern, wie wir mit bereits bestehenden Dingen interagieren.

Auf eine Weise geben Filter uns auch ein letztes Gefühl der Anonymität zurück, in einer Welt, in der CCTV hinter jeder Ecke lauert.
Genau, sie sind wie eine Maske. Und Masken existieren in unserer Kultur seit langer Zeit. Du musst dir nur die afrikanische Kultur anschauen, in der Masken als Mittel der Kommunikation eingesetzt wurden. Das Internet gibt uns heute die Möglichkeit, Masken in einer neuen Form zu nutzen.

Glaubst du, dass es in der Zukunft so etwas geben könnte, wie Real-Life-Face-Filter?
Das könnte möglich sein, aber dann müssten wir eine Vorrichtung in unseren Augen tragen, die diese digitale Eben auf die Menschen legt. Wenn man an Black Mirror denkt – und an die Folge, in der Menschen blockiert werden konnten –, könnte es vielleicht irgendwann tatsächlich passieren. Wenn ich plötzlich alle Menschen in meiner Umgebung mit verschiedenen digitalen Animationen oder Masken sehen würde, bin ich mir nicht sicher, ob mir die Interaktion weiterhin gefallen würde. Aber es könnte definitiv für ein Experiment oder eine Performance interessant sein. AR könnte aber in Zukunft mehr auf unsere Städte angepasst sein. Wir könnten zum Beispiel eine Augmented-Reality-App nutzen, die uns durch eine Kamera den richtigen Weg durch die Straßen weist. Allerdings weiß ich nicht, ob die Menschen schon bereit sind, permanent diese freaky Brillen zu tragen.

Dabei sind wir durch unsere Handys doch schon halbe Cyborgs.
Ich liebe Filme wie Bladerunner und Ghost in the Shell und wäre gern selbst ein halber Roboter. Dann hätte ich einen Chip im Arm, mit dem ich meine Türen öffnen könnte. Das wäre schön, weil ich nie wieder Angst haben müsste, meine Schlüssel zu verlieren.

Die Möglichkeiten von Gesichtsfiltern sind noch lange nicht erschöpft. Können auch wir partizipieren, ohne eine entsprechende Ausbildung zu haben?
Facebook hat das großartige Tool, Spark AR Studio, entwickelt. Wenn sich Leute an diesen Dingen probieren wollen, empfehle ich, diese Software runterzuladen und der Gruppe Spark AR Creators auf Facebook zu folgen. Je mehr Menschen sich auf dieser Plattform austauschen, desto besser wird die Software. Die Community diskutiert, gibt Feedback, Input und Hilfe. Bei Instagram sind momentan aber nur wenige Developers offiziell zugelassen. Doch eines Tages wird sich das ändern und alle werden die Möglichkeit haben, ihre ganz eigenen Filter hochzuladen.

@johwska