Das queere Kollektiv Fantasy verändert die Tattoo-Szene Berlins

Die sechsköpfige Crew erklärt, warum Kunst politisch sein muss und nett alles andere als scheiße ist.

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04 Januar 2019, 4:05pm

Es ist schön, sich Fantasien hinzugeben. Die Augen zu schließen und die Gedanken an rosarote Utopien fließen zu lassen. Solange, bis der ganze Körper zu einem Strom aus Watte wird. Noch schöner ist es, wenn solche Fantasien auch in der Wirklichkeit funktionieren. Wenn sie der Realitätsklatsche standhalten und persönliche Träume zu politischen Anliegen werden. So ging es Yeda, Rozita, Anny, Theo, Coco und Aron, als sie sich über verschiedene digitale Ecken kennenlernten und schon bald darauf das Tattoo Studio Fantasy gründeten.


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Sie alle kamen nach Berlin mit der Hoffnung, in dieser Stadt einen Ort zu finden, an dem sie arbeiten, kreativ und sie selbst sein können. Desillusioniert von der Erkenntnis, dass zwischen Hypermaskulinität und Kommerzdenken für sie kein Platz vorhanden war, entschlossen sie selbst solch einen Ort zu erschaffen. Eine kleine grüne Oase inmitten Neuköllns, in der etablierte Machtstrukturen durch Liebe und Respekt aufgelöst werden. Ein Safe Space für queere, non-binary und Trans-Personen. Für People of Color. Für Femmes. Für all die marginalisierten Gruppen, deren Stimme und Präsenz in der häufig so machoid geprägten Tattoo-Kultur gefährdet sind.

In enger Zusammenarbeit mit Cibelle Cavalli Bastos entwickelte das Kollektiv ein Manifest, das nicht nur der Kundschaft, sondern auch den Tattoo Artists Sicherheit im gegenseitigen Umgang gibt und Lösungsansätze für zeitaktuelle Diskussionen liefert. Die Quintessenz? Nett sein. Und dieses Credo wird hier von ganzem Herzen gelebt.

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Coco

Wie nimmst du die queere Kultur in Berlin im Vergleich zu deiner Heimat in Schweden wahr?
Sie fühlt sich sehr sicher an. Eine Blase innerhalb einer Blase. Ich habe erst kürzlich realisiert, dass ich hier gar nicht mehr in cis-normative Bars gehe, ich halte es nicht aus. Wenn ich dagegen zurückgehe an die Westküste Schwedens, hängt jeder nur Zuhause rum. Dort haben sie ihre queeren Safe Spaces bei verschiedenen Leuten Zuhause aufgebaut. Und wenn sie doch mal in einen Club gehen, mieten sie den gesamten Raum, damit sie nur unter sich sind. Es gibt einfach nicht diese Fülle an queeren Orten, die es in Berlin gibt.

Fühlst du, dass sich etwas verändert hat, seitdem ihr Fantasy gegründet habt?
Meine Kunst hat sich stark verändert. Ich bin mir viel bewusster darüber geworden, was ich mache. Ich habe mich schon immer für das Tätowieren interessiert, gemalt, gezeichnet und Kunst geliebt. Besonders das Traditional und Old School Tattooing haben mich fasziniert, da diese Stile sich auf das Wesentliche reduzieren. Du kannst die Intention hinter dem Tattoo auf fünf Metern Entfernung ablesen: Da ist ein fucking Totenkopf, also chill' lieber. Das gefiel mir.

Doch die Tradition beinhaltet auch eine Menge fragwürdigen Shit: der Femme Körper wird als nette Verzierung genutzt. Ziemlich viel kulturelle Aneignung und Rassismus. Es kommt aus einer Macho-Zeit, in der sich die Menschen keine Gedanken darüber gemacht haben, was diese Motive bedeuten. Ich selbst hatte ein paar ungeeignete Tattoos, die mittlerweile überstochen wurden.

"Tattoos sind für viele queere Menschen ein Ausdruck der eigenen Identität."

Hast du je selbst Diskriminierung oder machoide Strukturen in anderen Studios erlebt?
Wenn ich ein neues Tattoo haben wollte, bin ich meist zu Freunden nach Hause oder in kleine Studios gegangen, wo ich mich sicher fühlte. Aber es ist auch vorgekommen, dass ich als Gast in anderen Studios tätowiert habe, die sich zwar als "queer" betitelten, dann aber ein Cishet-Typ rumsaß und dummes Zeug redete. In so einer Situation möchtest du sie manchmal nicht auf ihre Fehler hinweisen. Es ist schwierig, aber unsere Aufgabe ist es, die weniger aufgeklärten Menschen weiterzubilden.

Kam es schon einmal vor, dass du eine Person abgelehnt hast, die ein Tattoo von dir wollte?
Manche Leute sind einfach Vollidioten – meistens verkrieche ich mich dann für einen Moment, atme tief ein und ziehe es durch. Einmal gab es einen Typen, bei dem ich erst nicht realisiert habe, dass er betrunken und high war. Irgendwann hat er dann mit den anderen Leuten im Studio geredet und wurde ziemlich unhöflich. Wir gingen auf eine Zigarette raus, da ich ihn darauf ansprechen wollte und er ist plötzlich die Treppe heruntergefallen und hat sich auch noch verletzt ... Würde heute so etwas nochmal passieren, würde ich die Person direkt nach Hause schicken. Wir kommunizieren mittlerweile im Vorfeld, dass wir ein "sober" Studio sind.

Was ist deine liebste Fantasie?
Da sage ich jetzt keine Sexfantasien, oder? Es wäre unglaublich, wenn andere Studios unserem Lead folgen und bewusster arbeiten würden. Das passiert gerade schon, weil die alteingesessenen Strukturen von vielen in Frage gestellt werden. Früher sollten Tattoos einfach "cool" aussehen, heute steht es für mehr: Tattoos sind für viele queere Menschen ein Ausdruck der eigenen Identität. Sie erobern ihren Körper zurück, machen ihn zu ihrem eigenen. Um aber wieder zurückzukommen, wäre die ultimative Fantasie, dass weniger gegendert und alles offener wird. Die ganze Industrie sollte runterkommen, aufgeklärter sein und vielleicht auch mal ein Buch lesen.

@tato_coco

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Rozita

Was hat dich dazu bewegt von Budapest nach Berlin zu ziehen?
Ein Grund war, dass quasi keine lebendige Tattoo-Szene existierte. Ich habe es vermisst, eine Community zu haben, in der man sich unterstützt und voneinander lernt. In der man Erfahrungen und Energie teilt. Ich bin mit sehr hohen Erwartungen nach Berlin gekommen und wurde einige Male enttäuscht – doch die Enttäuschungen haben mich dahin gebracht, wo ich heute bin.

Wenn die Szene so klein war, spielte Social Media wahrscheinlich eine große Rolle in deiner künstlerischen Entwicklung ...
Es klingt vielleicht blöd, aber nichts – weder dieser Ort noch meine Arbeit – würde ohne Instagram existieren. Es ist die einzige Plattform, auf der du nicht nur deine Arbeit öffentlich machst, sondern auch kommunizierst, wofür du stehst. Ich fing an intimere und politische Anliegen zu teilen. Es hilft den Leuten, Kunstschaffende zu finden, bei denen sie sich wohlfühlen und ohne Angst zum Termin kommen können. Menschen kommen nicht nur zu dir, weil sie deine Ästhetik mögen, sondern weil sie das Gefühl haben, dass du eine nette Person bist.

"Wenn du das Tattoo mit einem tollen Erlebnis und einer Person, die du magst, verbindest, wirst du es immer lieben."

Was ist das Wichtigste für dich an Fantasy?
Die Leute, unsere Gemeinschaft. Die Tatsache, dass wir uns gegenseitig reflektieren und weiterbilden. Auch wenn es uns offiziell erst seit einem halben Jahr gibt, habe ich trotzdem schon so viel gelernt. Wir achten aufeinander und geben uns Halt.

Warum war es so relevant, diesen queeren Ort zu gründen?
Ich wusste nicht, wie wichtig es war, bis ich einige schlimme Erfahrungen in der Industrie gemacht habe. Ich habe gemerkt, wie stark sie von toxischer Männlichkeit geprägt ist – das war ein Schlag ins Gesicht. Wir brauchen einen Ort wie Fantasy, da wir uns sonst nicht sicher fühlen und auch der Kundschaft kein gutes Gefühl geben können. Das Tätowieren ist so ein intimer Prozess. Hast du eine blöde Erfahrung gemacht, bleibt sie für den Rest deines Lebens unter deiner Haut. Du schaust das Tattoo an und wirst immer an dieses Trauma erinnert werden. Dein Geschmack kann sich zwar immer ändern, doch wenn du das Tattoo mit einem tollen Erlebnis und einer Person, die du magst, verbindest, wirst du es trotzdem immer lieben.

Es ist schön zu sehen, dass ihr die Politisierung der Szene vorantreibt.
Man kann heute nicht mehr nicht-politisch sein. Wenn du nicht gegen Unterdrückung aufstehst, bist du ein Teil der Unterdrückung.

Deswegen habt ihr auch das Manifest verfasst. Gibt es einen Punkt, der für dich besonders relevant ist?
Eigentlich alle, doch einer sagt, dass wir offen für Diskussionen sind. Die Leute können uns sagen, wenn wir etwas falsch machen oder in einer Weise handeln, die konträr zu unseren proklamierten Auffassungen steht. Wir können dafür zur Rechenschaft gezogen werden und sind offen für Feedback. Das ist unglaublich wichtig, zu kommunizieren.

Welche Fantasie lässt dein Herz schneller schlagen?
Es wäre schön, wenn sich Studios gegenseitig mehr unterstützen würden. Die DIY-Szene schafft das schon ganz gut: Wir hassen uns nicht, wenn wir ähnliche Sachen machen, sondern finden es cool, wollen uns austauschen und gegenseitig tätowieren. Aber bei vielen Studios, die wie richtige Unternehmen funktionieren, gibt es immer noch dieses Konkurrenzdenken. Studios müssen ihre Verantwortung innerhalb der gesamten Kultur erkennen, sich unterstützen, Wissen teilen und gegenseitigen Respekt entgegenbringen.

@rozita_ttoo

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Yeda

Wie bist du zum Tätowieren gekommen?
Ich wollte schon immer viele kleine Tattoos haben, hatte aber nicht das Geld jedes Mal so viel dafür zu zahlen. Fünf Tattoos später war ich pleite. Da ich eh immer mit meinen eigenen Zeichnungen zu den Studios gegangen bin, dachte ich mir irgendwann, dass ich es auch einfach selbst machen kann. Also habe ich mich mit Nähnadeln – bitte nicht nachmachen –, einer Schale Wasser und Tuschfarbe in die Küche gesetzt, mega low-key.

Hast du dich bewusst für Handpoke und gegen eine Maschine entschieden?
Ich habe tatsächlich lange überlegt, ob ich mir eine Maschine anschaffen soll. Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, wie sehr mir Handpoke gefällt, weil es viel mehr Zeit in Anspruch nimmt. Unsere Generation ist so schnell, deswegen zwingt mich dieser Prozess im Hier und Jetzt zu sein – jeder Punkt ist eine Entscheidung. Dadurch entsteht ein Ruhe, auch weil keine Geräusche von der Maschine zu hören sind. Oft habe ich wirklich tiefe Gespräche mit meiner Kundschaft. Sie ist weniger gestresst. So entschleunigt, so ruhig.

Häufig scheint die Tattoo-Szene sehr cis-maskulin geprägt zu sein. Wie erging es dir in dieser Kultur?
Ich habe versucht, in keinen Studios zu arbeiten, die sehr machoid waren. Auch wenn ich nicht diskriminiert wurde, habe ich gesehen, dass es Grenzüberschreitungen gab. Ich selbst wurde mal als "Token" missbraucht, nach dem Motto "Wir sind ein queerer Space, hier ist eine Femme-presenting Person". Das ist unangenehm, da man als Aushängeschild für etwas genutzt wird, hinter dem man nicht steht. Gerade in klassischen Studios gibt es immer noch große Vorbehalte gegenüber Handpoke, was ich nicht verstehen kann. Was der Bauer nicht kennt …

"Ich möchte nicht, dass Menschen in diesen Situationen ausgenutzt werden, dafür müssen wir die toxische Männlichkeit aus der Szene verbannen."

Obwohl Berlin eine Stadt ist, in der queere Kultur großgeschrieben wird, ist euer Projekt einmalig. Warum war es so wichtig, dass Fantasy entsteht?
Es gab kein Studio, das für uns alle Platz hatte. Es gab keinen Ort, an dem wir uns alle wohlgefühlt haben. Natürlich gibt es queere und Safe Spaces in Berlin, aber für mich war es auch wichtig, dass es keine Geldgeschichte ist. Ich habe einen anarchistischen Background, deswegen ist Geld für mich nicht unbedingt positiv konnotiert. Ich persönlich arbeite mit einem sogenannten Sliding Scale System, bei dem die Leute innerhalb eines gewissen Preisrahmens ihrem Budget entsprechend frei wählen können, wie viel sie mir geben. Bei vielen Studios muss man mindestens 30 Prozent Marge von jedem Tattoo abgeben, um dort arbeiten zu können. Für Miete kann ich das nachvollziehen, aber die kann man sich ausrechnen. Ich mag es nicht, wenn andere von dieser so intimen Arbeit profitieren. Eigentlich ist es ganz einfach: Man braucht nur nette Leute.

"Nett" ist so ein unterbewertetes Wort.
Es geht nicht darum "cool" zu sein. Eine Zeichnung wird erst dann ein Tattoo, wenn dir ein Mensch so vertraut, dass er dich unter seine Haut stechen lässt. Das berührt mich so sehr! Wenn ich mich wohlfühle und die Person, die ich tätowiere ebenso, wird auch das Tattoo besser.

Welche Fantasie hast du für die Tattoo-Szene?
Es wäre schön, wenn es mehr Frauen, non-binary und queere Personen gäbe. Das Konkurrenzdenken sollte verschwinden. In unserer Community unterstützen wir uns schon sehr gut. Meine Fantasie ist es, dass unsere Connections sich noch weiter ausbreiten und es nur noch nette Tattoo Artists gibt. Dass alle ihre Kundschaft ernst nehmen, ihnen zuhören und dem Moment denselben Wert beimessen, wie es auch die Kundschaft tut. Ich möchte nicht mehr, dass Menschen in diesen Situationen ausgenutzt werden, dafür müssen wir die toxische Männlichkeit aus der Szene verbannen.

@yeda_zweifel

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Anny

Welche Veränderungen nimmst du gerade in der Berliner Tattoo-Szene wahr?
Ich habe das Gefühl, dass die hierarchischen und patriarchischen Strukturen des traditionellen Tätowierens langsam über den Haufen geworfen werden und neue geschaffen werden. Zuerst war es ein großes Chaos – viele haben erst mal Zuhause tätowiert –, aber jetzt entstehen ganz viele produktive Sachen daraus. Es ist eine tolle Zeit Tattoo Artist zu sein: Hast du deinen eigenen Stil, hast du auch einen Markt.

Gab es für dich einen ausschlaggebenden Punkt, warum du Fantasy mitgründen wolltest?
Ich hatte bisher das Glück, nur in Studios mit super lieben Menschen zu arbeiten. Trotzdem: Sie waren doch meist sehr männerdominiert. Irgendwann habe ich mir gewünscht, dass es etwas bunter und gemischter wäre. Ein bisschen mehr Awareness, was Gender, Queerness und auch non-binary Menschen angeht. Ich hatte auch viele Kund*innen aus dem Umfeld, die ich gerne in einen Raum einladen wollte, in dem sie sich komplett wohlfühlen.

Es war mein Interesse mit gleichgesinnten Leuten zusammenzuarbeiten, die ähnliche Ideale und Interessen haben, sodass man sich gegenseitig pushen und unterstützen kann. Wir wollten etwas Neues schaffen und definitiv politisch ein Zeichen setzen. Wir leben in einer Zeit, in der man es sich nicht leisten kann, Energie in etwas zu stecken, das keine Bedeutung hat.

"Ich habe hier keine Angst davor, etwas falsch zu machen."

Hast du in deiner Laufbahn selbst schon Diskriminierung erlebt?
Ja, vor allem wenn ich als Gast in Studios tätowiert habe. Mansplaining zum Beispiel. Sie hatten das Gefühl "Ach hier ist ein kleines Mädchen, die tätowiert erst seit eineinhalb Jahren, der zeigen wir mal wo’s langgeht". Das hat mich mega genervt. Ich stelle gerne Fragen und möchte mich weiterentwickeln, aber ich möchte in einer Umgebung sein, in der es sich sicher anfühlt, sich gegenseitig etwas zu zeigen. Ich brauche keinen Typ, der ungefragt seinen Senf dazu gibt. Es ist wichtig ein Gleichgewicht in einem Studio herzustellen.

Was gibt dir das Kollektiv auf einer persönlichen Ebene?
Ein ganz wohliges Gefühl von Familie – als wäre ich Teil von etwas Größerem. Natürlich kann man auch alleine sein Ding durchziehen, politisch arbeiten und Leute gut behandeln, aber es hat so viel mehr Kraft, wenn man sich zusammentut. Das gibt mir Selbstbewusstsein, das gibt mir Antrieb und Motivation, besser zu werden. Ich habe hier keine Angst davor, etwas falsch zu machen. Es ist eine angenehme, gewaltfreie Kommunikation. Sehr produktiv.

Was ist deine schönste Fantasie?
Dass dieser Ort ganz lange besteht, sich weiterentwickeln kann und besser wird. Dass es viel mehr solcher Orte gibt. Dass alle neuen Studios politisch sein werden unddie Contemporary Tattoo Szene mehr nachdenkt. Alle haben Respekt verdient. Und dass diese "Coolness" aufhört, mit der sich die Szene so gerne nach außen präsentiert.

@krause_tattoo

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Aron

Wegen deinem Studium bist du zurückgegangen nach Budapest und pendelst seitdem. Was sind die größten Unterschiede?
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich würde nicht sagen, dass Berlin der Zeit voraus ist, aber die Stadt ist einfach anders als "normale" Städte.Es geht gar nicht so sehr um die Kultur, sondern um die Leute, die mich hier umgeben. Wenn viele Menschen aufeinandertreffen, die dieselbe Mentalität teilen, ändert sich die Atmosphäre einer Stadt. In Ungarn verstehen die Leute nicht, was ich überhaupt mache – für sie bedeuten Tattoos fotorealistische Totenköpfe und Rosen.

Warst du nervös, als du das erste Mal tätowiert hast?
Ich bin immer noch nervös, die ganze Zeit. Ich habe das Gefühl, dass das, was ich mache, nicht gut genug ist. Sogar, wenn die Kundschaft zufrieden ist und alle anderen meinen, dass die Motive sauber und perfekt gestochen sind. Sogar dann sehe ich noch die Sachen, die ich hätte besser machen können. Irgendwie ist es aber auch gut, denn so möchte ich mich stets weiterentwickeln.

"Auch ich benötige einen Safe Space, damit meine Kund*innen sich sicher fühlen können."

Häufig vergisst man, dass ein Safe Space nicht nur für Kund*innen ist, sondern auch für die Tattoo Artists. Wie geht es dir dabei?
Ich habe auch mit den anderen darüber diskutiert, da ich kein Teil der queeren Community bin und mich komisch fühle, dass ich heute hier bin und sie gewissermaßen repräsentiere. Ich habe mich oft gefragt, wie ich etwas dazu beitragen kann, wenn ich eigentlich nicht in der Position bin, darüber zu sprechen. Durch schlechten Erfahrungen, die ich in anderen Studios gesammelt habe, habe ich realisiert, dass auch ich einen Safe Space benötige, damit meine Kund*innen sich sicher fühlen können.

Was ist deine liebste Fantasie?
Das hier zu machen. Ich glaube fest daran, dass es funktionieren kann, sehe aber auch, dass ich dafür arbeiten muss, damit es klappt.

@awkwardaron

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Theo

Wie sind deine Erfahrungen bisher in Berlin?
Ich weiß nicht, ob die Stadt gut für mich ist, aber ich liebe sie. Viel Raum für Eskapismus, viele Verlockungen. Ich mag es, zu entfliehen. Ich bin aus dem Flugzeug raus, mit der S-Bahn nach Neukölln und es war super hässlich. Hundescheiße, Alufolien mit Heroin, überall liegt Zeug rum. Ich weiß nicht, wie ich es mir vorgestellt habe, aber ich mochte es direkt. Es war ein komisches Chaos, in einer großartigen Weise.

Hast du in deiner Laufbahn bereits schlechte Erfahrungen in anderen Studios oder mit anderen Artists gesammelt?
Ich wurde von ein paar Leuten bedroht, die bei mir vorbeikamen und sich meine Klient*innen geschnappt haben. In Wellington hatte ich ein kleines Privatstudio, in dem ich Tattoos gemacht und Musik gespielt habe. Doch scheinbar gab es ein Studio in der Nähe und sie haben von meinem herausgefunden, da jemand zu ihnen kam und nach mir fragte. Es trafen hypermaskuline Machtstrukturen auf Gebietskämpfe und Konkurrenzdenken – ihrerseits. Sie kamen nicht damit klar, dass ich nie eine Ausbildung gemacht habe und erpressten mich, schickten Mails an alle Studios und meinten, ich würde ihre Kundschaft klauen. Es ging so weit, dass ich auf eine Blacklist gesetzt wurde, sodass ich mir einen anderen Ort suchte.

Wie hast du zu deinem eigenen Stil gefunden?
In einer Ausbildung bringen sie dir bei, die Dinge so zu machen, wie sie es tun. Du hast kaum Freiheiten, dich zu entwickeln. Es gibt keinen Platz für Experimente und Fuck-Ups. Wenn du dir die Dinge selbst beibringst, bist du gezwungen, auf eigene Faust herauszufinden, wie alles funktioniert. Ich tätowierte meine kompletten Beine – und habe mich trotzdem nicht 100 Prozent wohlgefühlt mit meinen Sachen. Ich dachte immer, meine Tattoos müssten aussehen wie die der anderen Tattoo Artists. Erst als ich bei Deepwood in Kopenhagen in Gast arbeitete, realisierte ich, dass ich es viel mehr mag, wenn Tattoos nicht so aussehen wie die von irgendjemand anderen.

Nimm zum Beispiel Traditional Tattoos: es sind dieselben Motive, die ständig wiederholt werden, vieles davon ist kulturelle Aneignung. Es ist, als würde man eine bestimmte Marke tragen. Ich mag es lieber, wenn es ein Original ist – selbst wenn es vielleicht von einem weniger guten Tattoo Artist gestochen wurde. Durch Instagram habe ich mich wohler damit gefühlt, die Dinge zu tätowieren, die in meinem Kopf sind. Tattoos zu machen, die nicht aussehen, wie Tattoos aussehen sollten. Aber ich ändere ständig meinen Stil, mache süße, gruselige und seltsame Motive, probiere neue Techniken. Meine Tattoos werden unordentlicher und besser und mehr wie die Bilder in meinem Kopf.

"Ich mag es lieber, wenn es ein Original ist, selbst wenn es vielleicht von einem weniger guten Tattoo Artist gestochen wurde."

Was ist deine Rolle bei Fantasy?
Ich bringe eine Menge Liebe und Humor mit. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es mehr Sinn macht, uns allen eine Rolle zu geben, anstatt mit den Aufgaben zu rotieren. Rozi zum Beispiel kümmert sich um die Finanzen, Anny macht Social Media, Yeda ist so großartig und übernimmt das Putzen, Coco kauft Kaffee und Klopapier und ich mache alle Bestellungen. An der Rollenverteilung sieht man, dass Coco und ich die Nutzlosesten hier sind. Aber dafür sind wir sehr nett und unsere Tattoos interessant. Wir sind wie eine große Familie.

Was ist deine schönste Fantasie?
Diese hier, dieser Moment.

@sagflap

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@fantasy_berlin

Credits


Fotos: János Szabó