ein fussball-zine für fans, die eben halt zufällig auch frauen sind

Heute beginnt die Fußball-Europameisterschaft—und die Jahreszeit der schönsten Klischeevorstellungen: Männer wollen Fußball gucken und die Frauen können sich mal wieder einen schönen Mädelsabend machen und zum x-ten Mal „Sex and the City“ schauen. Dass...

von Matthew Whitehouse
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10 Juni 2016, 2:40pm

Photography Claire Pepper

Es ist lächerlich, das 2016 noch schreiben zu müssen: Aber, ja, auch Frauen mögen Fußball. Nein, sie wollen sich nicht von Männern ungefragt die Regeln erklären lassen. Nein, sie möchten damit keine Kerle beeindrucken und nein, sie finden nicht nur die Spieler und Trainer sexy, außer Joachim Löw vielleicht, den wir alle ein bisschen gut finden.

Doch dass diese Sätze nicht so selbstverständlich sind, hat im März gerade wieder die Wahl zur „heißesten Sportjournalistin" gezeigt. Frauen und Sport? Hübsch ausschauen ist anscheinend die einzige Rolle von Frauen im Sportjournalismus. Genau mit diesem Vorurteil will SEASON aufräumen. Frauen können sich, jawohl, für Mode und Fußball interessieren.

Die Fußballindustrie war und ist schon immer eine Domäne der Männer gewesen. Die deutschen Frauen wurden sieben Jahre vor den Männern Fußballweltmeister und zuletzt 2013 Europameister (bei den Männern liegt der Gewinn einer EM schon 20 Jahre zurück). Die Fußballnation musste endlich einsehen, dass Frauenfußball mindestens ebenso gut ist wie Männerfußball.

Höchste Zeit für ein Zine, das sich an weibliche Fans richtet (oder vielmehr Fans, die einfach zufällig auch Frauen sind). Das will SEASON sein. In dem Zine geht es nicht unbedingt um Frauenfußball an sich. Es ist ein Magazin für alle, die Fußball als Spiel für beide Geschlechter gleichermaßen interessant ansehen. In der ersten Ausgabe The Female Fan geht es um die englische Premier League, bei der 25 Prozent der Fußballfans in den Stadien Frauen sind. In Deutschland wächst das Interesse von Frauen an dem Sport. Lag der Anteil weiblicher Zuschauer bei Bundesliga-Spielen im Jahr 2009 noch bei 23 Prozent, so stieg er 2010 bereits auf 30 Prozent, so Zeit Online. Hinter SEASON steckt Chelsea-Fan Schrägstrich Chefredakteurin Felicia Pennant, die das Magazin als Mischung aus Modemagazin und Fußball-Fanzine positionieren will. Ein kurzer Blick auf die Label-affinen Instagram-Accounts moderner Fußballspieler zeigt, dass dieser Blickwinkel durchaus seine Berechtigung hat. In der ersten Ausgabe gibt es ein Interview mit den Make-up-Artists von FKA Twigs Verity Parker und Jacqui McAssey, die für die britische Vogue arbeiten, mit mit ihrer Mode den Boykott der Boulevard-Zeitung The Sun in Liverpool der Hillsborough-Tragödie unterstützen.

„Frauen wie ich, die sich für Mode und Fußball interessieren, gibt es häufiger als angenommen wird", sagt Felicia. „Im Fußball werden wir oft übersehen oder sexualisiert. Ich wollte einfach auf kreative Art und Weise weibliche Fußballfans dokumentieren und feiern." 

Foto: Emily Rose

Hallo Felicia. Was ist SEASON?
SEASON ist eine Mischung aus Modemagazin und Fußball-Zine. Es geht um die Rituale von Mode- und Fußballfans. Es gibt momentan nichts, was modeorientierte, weibliche Fußballfans anspricht. Deshalb ist die erste Ausgabe auch uns gewidmet. Es gibt Interviews mit Naoko Scintu, Make-up-Artist von FKW Twigs, der Redakteurin der britischen Vogue Verity Parker, mit der Designerin der Fans-Menswear beim FC Liverpool, Kayleigh Walmsley, und Jacqui McAssey. Es gibt Essays, Beiträge sowie Modestrecken. Jeder Ausgabe liegen Sammelsticker bei, die die Lieblingsspieler und Trainer unserer Mitwirkenden zeigen.

Woher kam die Idee?
So gut moderne Fußballberichterstattung auch ist, sie ist doch männerorientiert. Die Idee zu SEASON kam mir vor ungefähr einem Jahr. Aber eigentlich wollte ich meine Lieblingsinteressen miteinander kombinieren, seit meiner Abschlussarbeit am Central Saint Martins vor drei Jahren. Die handelte von Fußball, Menswear und Metrosexualität und bei der Recherche dazu bin ich auf das Buch The Fashion of Football von Paolo Hewitt und Mark Baxter gestoßen. Darin geht es um die Verbindung von Mode und Männerfußball von 1960 bis jetzt. Ich habe da weitergemacht, wo sie aufgehört haben, nur eben mit einem Fokus auf Frauen. Ich habe die Tradition von fangemachten Fußballpublikationen wiederaufleben lassen. Mode und Fußball beeinflussen sich und haben ein gemeinsames Wort in ihrer DNA: Saison, daher der Name. Frauen wie ich, die sich für Mode und Fußball interessieren, gibt es häufiger als angenommen wird. Im Fußball werden wir oft übersehen oder sexualisiert. Ich wollte einfach auf kreative Art und Weise weibliche Fans dokumentieren und feiern. Ich wollte das ändern.

Foto: Claire Pepper

Wann hast du dich zum ersten Mal für Fußball interessiert?
Bei der EM 2004. Ich war zwölf und hatte mich den Sommer über gelangweilt. Mich hat das Fieber für das Tournier gepackt und ich habe dem Gastgeber Portugal bis ins Finale die Daumen gedrückt. Nachdem sie das Finale verloren haben, hat mich der Anblick des 19-jährigen und weinenden Christiano Ronaldo noch mehr dafür begeistert: die Euphorie, das ganze Drama, der Gemeinschaftssinn. Ich wurde dann FC-Chelsea-Fan, wie mein Vater. Das war auch der Sommer, als José Mourinho zum ersten Mal an der Stamford Bridge aufkreuzte und er sofort Trophäen mit der Mannschaft holte. Natürlich war ich fasziniert.

Und wann hast du das erste Mal Sexismus in dem Sport gemerkt?
Als Spielerfrauen durch die Medien auf ihr Aussehen reduziert wurden, besonders ist mir das während der WM 2006 in Deutschland aufgefallen. In der Kneipe habe ich mir Spiele angeschaut und die Männer haben mich getestet, ob ich weiß, was ein Abseits ist und wie gut ich über mein Team Bescheid weiß. Die konnten nicht fassen, dass sich ein Mädchen genauso sehr für Fußball interessiert wie sie. Aus diesem Grund gibt es eine Doppelseite über die Abseits-Regel im Heft, einfach um das zu betonen. Schiedsrichterinnen sind noch sehr selten.

Design, Natalie Doto

Warum werden weibliche Fans so oft ignoriert?
Fußball wird zur Männerdomäne gemacht. Die Mehrheit der Spieler, der Mitarbeiter, der Sportjournalisten und Fans sind Männer. Das liegt vielleicht am Angebot und an der Nachfrage, aber das hält nicht ganz stand mit den steigenden Zahlen von Zuschauerinnen bei Fußballspielen. Frauenfußball wird auch immer beliebter, auch wenn die Werbeindustrie und die Medien es anders sehen.

Die Farbe des Covers ist Rosa. Warum?
Bei mehreren Besuchen im Fanshop habe ich immer wieder festgestellt, dass die Kleidung für Frauen Rosa ist. Das Klischee ist, dass Rosa eine Mädchenfarbe ist und die Farbe, mit der Weiblichkeit verbunden wird. Die Annahme, dass Frauen sie als die Club-Farbe bevorzugen, ist sexistisch. Dass wir Rosa genommen haben, ist der Versuch, das Bild zurechtzurücken. Wenn du dir die Ausgabe anschaust, dann trägt keine der Frauen Rosa.

Foto: Claire Pepper

Wie werden Frauen durch Fußball-Merchandise noch diskriminiert?
Indem die T-Shirts für Frauen einfach mal kürzer geschnitten sind als die der Männer, deshalb das Editorial „Why We're Not Wearing Ladies' Football Shirts" im Heft ist. Die Debatte um die T-Shirts der Saison 2015/2016 von Manchester United war der Auslöser für diese Strecke und das Thema spaltet die Leute. Einige Frauen lieben diese T-Shirts und tragen sie leidenschaftlich gerne und andere wie Verity weigern sich, ein T-Shirt anzuziehen. Ich habe manchmal die Männer-T-Shirts an, weil ich Oversized lieber mag. Naoko zum Beispiel trägt sogar die Kinder-Versionen. Worauf wir uns einigen können: Dass sie nicht aus Style-Gründen getragen werden, sondern weil wir unsere Clubs unterstützen wollen. Deshalb gibt es die Luxus-Fußballschals von Savile Rogue.

Wie reagieren Männer auf das Zine?
Einfach fantastisch. Männer wie Frauen finden die Message und Ästhetik von SEASON einfach brillant. Das haben sie auch auf Social Media geschrieben und mir Nachrichten geschickt. Wir wachsen auf Social Media und erhalten sogar Bestellungen aus Neuseeland.

Sollte der Fußballverband mehr gegen Sexismus im Fußball unternehmen?
Der macht schon viel, aber ich mir nicht sicher, ob er es allein richten kann. Es muss auf jedem Level etwas dagegen unternommen werden: ganz oben und ganz unten. FIFA, die Spieler, Trainer, Manager, die Medien, Sponsoren und Unternehmen. Statt nur auf das Problem aufmerksam zumachen, sollten wir alle an Lösungen zusammenarbeiten.

Illustration: Charlotte Trounce

Kann man euer Magazin auch lesen, wenn man sich nicht für Fußball interessiert?
Ob nun mit oder ohne Fußball, die Ausgabe ist authentisch und bei jedem Detail wurde darauf geachtet, dass es gut aussieht und sich gut liest. Sogar das Format und die Papierart. Die Ästhetik ist farbenfroh und selbstbewusst, jedoch elegant und intelligent. Das Layout ist mutig, die Geschichten witzig und die Meinungen ehrlich. Auch spannende Newcomer werden vorgestellt: Alina Negoita, Emily Rachel Rose, Claire Pepper und Patricia Karallis sowie die Illustratorin Charlotte Trounce, die die Sticker macht, und die Setdesigner Isabel + Helen.

Was ist deine Lieblingsanekdote im Bereich Mode und Fußball? Welche Fußballer oder Trainer haben den besten Style?
Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen George Best und Mike Summerbee, die in den 60ern eine Modeboutique in Manchester eröffnet haben, und David Beckham im schwarzen Sarong im Jahr 1998. Alle waren auf ihre eigene Art und Weise mutig und innovativ. Die Boutique hat die Entwicklung von Mode und Fußball für mich vorweggenommen: Dass aus Fußballern eigene Modemarken werden und sie ihren Style verwerten, in den sich Fans einkaufen können. Mit dem Sarong outete sich David Beckham als mutiger Modepionier. Man kann den Einfluss von ihm auf den Style moderner Fußballer nicht leugnen: die auffälligen Frisuren und Tattoos, die jetzt so angesagt sind. Beckham hat es nach wie vor am besten gemacht. Zusammen mit Bobby Moore und Johan Cruyff gehört er zu den stylischsten Fußballern meiner Meinung nach—cool und elegant. Was die Trainer angeht: José Mourinho und Joachim Löw.

Foto: Emily Rose

Was möchtest du mit dem Magazin erreichen?
Dass wir für Mode- und Fußballfans eine kreative Lifestyle-Plattform mit einem weiblichen Fokus werden. Print, online, durch Events und Produkte. Wir wollen einen Dialog starten, bei dem der Einfluss von Frauen und Mode auf die moderne Fußballlandschaft anerkannt wird, damit die Leute handeln, wenn es nötig wird.

Zum Schluss noch ein Wort zum Wechsel von Mourinho zu United.
Als Chelsea-Fan ist es eine Katastrophe. Er geht jetzt zu ManU und wird auf unsere Kosten zum besten Trainer der Welt, weil er aus den Fehler der letzten Saison gelernt hat. Aber wie ich im Magazin zu lesen bin: Ich würde ihn nicht noch mal für ein drittes Mal zurückhaben wollen, weil es immer in Tränen endet.

Credits


Text: Matthew Whitehouse

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