Richie Silverman. Los Angeles, styczeń 1979 roku

Zwischen Vietnamkrieg und Hippies: Diese psychedelischen Fotos zeigen dir das Amerika der 60er und 70er

Erst diente Roger Steffens als US-Soldat im Vietnamkrieg. Dann erteilte ihm sein Offizier den Auftrag, alles zu fotografieren, was er sah. Nachdem Steffens in die USA zurückkehrte, dokumentierte er seinen Alltag in der Hippiebewegung.

von Emily Manning; Fotos von Roger Steffens
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12 Juli 2016, 8:35am

Richie Silverman. Los Angeles, styczeń 1979 roku

Roger Steffens wurde der "Forrest Gump auf LSD" genannt. Was sie allerdings unterscheidet, ist die unterschiedliche Wahrnehmung ihrer Umgebung. Während sich die minderbemittelte Filmfigur größtenteils nicht darüber im Klaren ist, dass er bei einigen der wichtigsten Momente des 20. Jahrhunderts anwesend ist, wusste der Fotograf Roger Steffens welche fotografischen Schätze sich in seinem Archiv verbergen.


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Er gilt als einer der versiertesten Experten für Bob Marley und die Wailers und stand dem Grammy Reggae Committee für einen Großteil seiner 30-jährigen Geschichte zur Seite. In seiner Radiosendung auf NPR interviewte er über zehn Jahre Größen wie Keith Richards, Nina Simone, Little Richard, Sinead O'Connor und Ray Charles.

Der gelbe Cadillac von Dad, in der Nähe von Yosemite, CA. Oktober 1988

Im Laufe seines Lebens war er vieles: Kurator, Moderator, Redakteur, Musikexperte, Biografieschreiber, Regisseur, Opening-Act und Autor von – neben vielen anderen Dingen – Bob-Marley-Tauschkarten. Eine Konstante in all den Jahren war seine Tätigkeit als Amateurfotograf. Nun wurde sein Werk in New York zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

Sonnenbaden mit Mark McCloskey, Berkeley, CA. August 1972

Ab 1968 begann Roger Steffens dann auch professionell zu fotografieren, nämlich als er als 25-Jähriger einberufen wurde und in der Psychological Unit der US Army im Vietnamkrieg diente. Nachdem er eine Flüchtlingsaktion ins Leben gerufen hatte, um den Familien zu helfen, die er in der Kanalisation von Saigon gefunden hatte, gab ihm sein Vorgesetzter seine eigene Abteilung: die Civic Action Projects. Die einzige Bedingung: Er musste alles fotografieren, was er sah.

La Jolla, CA. Dezember 1980

"Für zwei Jahre wurde ich mit Filmen ausgestattet und die Entwicklung davon war auch umsonst, außerdem durfte ich die Fotos behalten", erzählt mir Steffens über die positivsten Seiten an seinem Armeedienst. In seinem Haus in Los Angeles hat er eine unvergleichliche Sammlung aus Reggae-Platten und -Erinnerungen angehäuft. "Ich hatte schon immer ein ziemlich gutes Auge, weil ich als Kind viel Zeit in New Yorker Museen verbrachte habe. Meine Mutter interessierte sich sehr für Kunst. Aber ich wurde nicht professionell ausgebildet. Und ich hatte keine Geduld, in einer Dunkelkammer zu arbeiten", erklärt er mir. "Das war alles instinktiv."

In den frühen 70ern lebte mein Vater in Marokko. Dieses Bild ist auf einem Zeltplatz in Marakkesch entstanden, 1971

Er hat über 20.000 Bilder während des Krieges gemacht und dabei die vollen Straßen Saigons, junge taoistische Mönche und Soldatenkollegen dokumentiert. "Ich befand mich im Zentrum einer Hauptstadt und es passierte tagsüber und nachts so viel. Es war ein Fest für die Augen – eine Umgebung, die sich von all dem unterschied, was ich davor in meinem Leben davor kannte", so Steffens. "Die Gerüche, die Geräusche, die erdrückende Hitze. Alles öffnete meine Sinne. Viele faszinierende Dinge haben meinen Blick gefesselt. Das alles hat in Vietnam angefangen."

Februar 1968

Nach seinem Dienst kehrte er in die USA zurück und fotografierte seinen Alltag mit der gleichen Hingabe weiter. Doch anstatt jetzt Vietnam in seinen turbulentesten Zeiten zu fotografieren, dokumentierte er eine einschneidende Zeit in Amerika: die Hippiebewegung. "Die meisten meiner Freunde waren Künstler. Sie waren Poeten, Schauspieler, Schriftsteller, Maler, Fotografen – sie waren unkonventionell. Als ich 1979 endlich meine Sendung bei KCRW bekam, konnte ich jeden interessanten Gast interviewen." Er fotografierte die Hippiemärkte in Mendocino, wo er 1975 seine Frau Mary kennenlernte, die Reklametafeln am Sunset Strip und den blauen Himmel in Big Sur. Durch einen Zufall sind die wunderschönen Doppelbelichtungen entstanden, die seine Trips auf halluzinogenen Drogen visuell einfangen. Sein Freund und der bekannte Friedensaktivist Ron Kovic hatte den Film schon davor benutzt. "Ich habe damit versucht, die verschwommene Wahrnehmung, wenn man auf einem Acid-Trip ist, einzufangen. Man erkennt die tiefere Bedeutung der Dinge. Das hat Acid mit dir gemacht. Man hat vieles plötzlich sehr klar gesehen und die tiefere Bedeutung hinter den Dingen erkannt. Wir haben die Luft gesehen, die man eingeatmet hat", erklärt er.

Philip Michael Kolman. Big Sur, CA. Juni 1978

Über lange Zeit blieben seine Schnappschüsse größtenteils privat, ein psychedelisches, buntes Familienalbum. Mitte der 90er begann seine Tochter Kate damit, die Diafilme zu katalogisieren und 2012 begann sein Sohn Devon damit, alle 40.000 Fotos zu scannen. Den Namen, den Kate für den Instagram-Account auswählte, wurde zum Namen für das ganze Projekt: The Family Acid. Mittlerweile hat der Account 35.000 Follower und endlich ist auch ein passender Bildband erhältlich.

Wir haben dem Fotografen ein paar Fragen gestellt.

Nord-Kalifornien, März 1974

Was hatte sich verändert, nachdem du in die USA zurückgekehrt bist?
Ich bin ein paar Monate vor der Invasion in Kambodscha und den Morden am Jackson State College zurückgekehrt. Das war das Jahr, in dem die Protestbewegung brav wurde und ihren progressiven Impetus verlor – nachdem Studenten umkamen. Ich sollte Anfang 1970 über meine Erlebnisse in Vietnam referieren. Anfang Mai war ich nicht länger der Versammlungsredner, sondern der Redner vom Streikkomitee, weil fast jede Schule in Amerika im Streik war. Ich musste meine Vorlesungen über Vietnam komplett ändern, weil ich vor Vietnam ein Goldwater-Konservativer war. Viele Leute, die sich sonst nie eine Antikriegsrede angehört hätten und die wussten, dass ich vor dem Krieg konservativ war, kamen zu meiner Vorlesung. Sie hörten sich an, was ich in Vietnam durchgemacht hatte. Ich habe den Leuten einfach meine persönliche Geschichte erzählt und ihnen erklärt, warum sie mich so radikal verändert hatte.

Cynthia Copple in Stonehenge, Oktober 1971

Wie würdest du die Musik und die Mode der Hippiebewegung beschreiben? Was haben die Leute getragen? Welche Musik haben sie gehört?
Die frühen 70er waren farbig, bunt und schrill. Die Kleidung war, nach unseren heutigen Standards, sehr knallig. Die Haare waren sehr lang. Sogar die Leute im Fernsehen haben lange, buschige Kotletten getragen. Wir haben alle Hals- und Kopftücher getragen. Es war eine Freakshow, aber im besten Sinne. Und die Leute haben Musik geliebt. Vor dem Altamont-Festival waren die Rockfestivals friedliche Love-ins. Wir dachten in den 70ern – und besonders auch im Sommer 66 –, dass das neue Jahrtausend angebrochen sei. Dass sich die Welt wirklich für immer verändern und dass Liebe, Mitgefühl, Kreativität und gemeinschaftliches Leben von nun an herrschen würden. An den Scheiß haben wir wirklich geglaubt.

Palo Colorado Canyon, Big Sur, CA. August 1978

Es gibt vieles, was ich an deinen Fotos mag, besonders den Sinn für Humor. Man sieht Kinder, die mit riesigen Hanfpflanzen spielen, oder lustige Sprüche, die auf Autos geschrieben wurden. Gibt es in deinen Bildern wiederkehrende Themen?
Wenn ich mit einem Wort die Fotos beschreiben müssten, dann wäre das Freude. Wenn man sich die großen Bildbände aus den 70ern anschaut, dann sind die Fotos alle so düster. Die Leute haben Straßen in Harlem, die Armen und Obdachlosen im Süden, die gegen das Ghetto kämpfen, dokumentiert. Eben die harte Realität, die wir erlebt haben. Gleichzeitig gab es aber auch so viele Momente von großer gemeinschaftlicher Freude. So viele Leute, die sich die Fotos angeschaut haben, haben mir gesagt: "Jeder lächelt auf deinen Bildern", fast als ob das etwas Schlimmes wäre.

Big Sur Sunset, August 1978

Winters, CA. März 1981

@thefamilyacid

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