Adwoa wears rollneck Dior. Earrings (worn throughout) model's own.

„wie frauen fotografieren, sollte jeden interessieren!“

Während ihres Shootings für unsere The Female Gaze Issue im kalifornischen Franklin Canyon Park sprechen wir mit Harley Weir, die gefragteste Fotografin der Industrie.

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Aug. 26 2016, 7:27am

Adwoa wears rollneck Dior. Earrings (worn throughout) model's own.

Rollkragen: Dior. Stiefel: Balenciaga. Briefs: Hanro.

Jacke, Hemd und Briefs: Miu Miu. Gürtel: Saint Laurent. Stiefel: Balenciaga.

Kleidung: Prada.

Jacke: Chanel. Rollkragen: Hermes. Gürtel: Jeremy Scott. 

Jacke: Jacquemus. Rollkragenpullover: Dior. Strumpfhose: Falke. Stiefel: Vetements. 

Jacke und Socken: Vetements. Top: Y/Project. Body: stylist's own. Schuhe: Balenciaga. 

Adwoa trägt Balenciaga. 

Who run the world? In unserer neuen Printausgabe The Female Gaze Issue zeigen Frauen, wie sie die Welt sehen. In den kommenden Wochen widmen wir uns in einem Themenschwerpunkt der Frage, was es heutzutage bedeutet, eine Frau zu sein.

Harley Weir gehört mit ihren schönen und visuell verführerischen Bildern zu den größten Modefotografinnen unserer Zeit. Sie bringt mit ihrem Verständnis von Sensibilität und Zärtlichkeit des menschlichen Körpers das Bewusstsein der Industrie in einem Bild zum Ausdruck. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit Nacktheit auseinander, ohne dabei Sex in den Fokus zu rücken.

Harleys Fotos ermöglichen den Blick in eine andere Welt: eine Welt getaucht in Sephia, Umber und Ocker und voller romantischer und majestätisch anmutender Subjekte. Man will sich ihre Aufnahmen nicht nur anschauen, man möchte sich in ihnen verlieren.

Die 27-Jährige ist in einem Londoner Vorort aufgewachsen und hat am Central Saint Martins Kunst studiert. Ihre Arbeiten überbrücken die Generationslücke zwischen den düsteren Analogfotografen der 90er und den Digital Natives, deren Arbeiten in endlosen Reposts und Reblogs auf Tumblr und Instagram zu sehen sind. Harleys Bilder sind intim und existieren in einer ganz eigenen Welt und Zeit.

Genau deshalb ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass sie in den letzten Jahren für die größten Namen der Modeindustrie gearbeitet hat und für Labels wie Gucci, Calvin Klein, Stella McCartney und McQ neue Bilderwelten erschaffen hat. Ein Höhepunkt war die Zusammenarbeit mit Proenza Schouler, bei der sie Chloë Sevigny, Liv Tyler und Binx abgelichtet hat. Ihre Fotos erscheinen regelmäßig in Vogue, Pop—und natürlich i-D. Für unsere neue The Female Gaze Issue ist Harley mit unserem Coverstar Adwoa Aboah in den Franklin Canyon Park gefahren, um sie dort zu fotografieren. Wir haben die Frau hinter der Kamera zum Interview getroffen.

Was ist deine früheste Erinnerung?
Ich habe immer behauptet, dass ich mich an den Tag meiner Geburt erinnern kann. Daran, dass ich gegen das Fenster gehalten wurde und meine Augen zum ersten Mal geöffnet habe. Ein helles, verschwommenes Licht, das Gefühl kann ich nicht beschreiben, es fühlt sich in etwa so an wie aufgeregt sein, aber gleichzeitig auch blind sein. Aber das kann nicht stimmen!

Wann hast du mit dem Fotografieren angefangen?
Für unseren ersten Schulausflug auf einen Bauernhof habe ich eine Einwegkamera in die Hand gedrückt bekommen. Die Tiere wurden durch diese kleine Plastikbox viel spannender. Ich war sofort Feuer und Flamme und ab da an hatte ich immer eine Kamera dabei.

Deine Fotos gelten als sehr sexuell. Ist dir das beim Fotografieren bewusst?
Als Mädchen wächst du damit auf, extrem sexualisiert zu werden. Das ist etwas, mit dem man sich auf Weg zum Frausein auseinandersetzen muss. Das hat meine Arbeit natürlich beeinflusst—bewusst und unbewusst.

Deine Bilder sind sehr intim und persönlich: Wie baust du zu deinem Model eine Verbindung auf?
Leute zu fotografieren, ist ein Zusammenspiel, im Prinzip wie ein Dreier, die Kamera ist dabei die dritte Person. Ob man sich abseits des Fotografie-Settings gut versteht oder nicht: die Kamera verändert diese Dynamik. Sie kann zu unerwarteter Magie, zu einer vorsichtigen Performance und zu total unangenehmen und schrägen Situationen führen. Das kann man immer schwer hervorzusagen.

Welches Körperteil fotografierst du am liebsten bei Frauen?
Ich mag alles, von den Wimpern bis zu Zehennägeln.

Dein Foto von Klara Kristin für Calvin Klein hat für eine Kontroverse gesorgt. Warum glaubst du, dass Fotos, die Sexualität andeuten, für einige Leute problematisch sind?
Tatsächlich glaube ich, dass das Foto für eine Kontroverse gesorgt hat, weil es nicht sexy genug war. Wir werden überflutet mit Bildern von eingeölten Frauen, die ihre nackten Brüste zusammenpressen. Wenn das von vorne fotografiert wird, dann hat „sie die Kontrolle". Wir müssen den Leuten etwas geben, das echt ist und die Debatte über die Repräsentation des Weiblichen entfacht. Wir sind heutzutage alle zu sehr an krass objektivierende Fotos als Standard gewöhnt. Das verdeutlicht, wie sehr die Wahrnehmung davon gestört ist, was als pervers und was als unschuldig intim gilt.

Was inspiriert dich?
Sehen, Berühren, Riechen, Hören, Lesen, Schreiben, Momente der Intrige, die man nicht beschreiben kann. Letztlich alles, was dir das Leben bietet.

Es gibt immer mehr Fotografinnen. Warum denkst du, dass das so ist?
Ich finde, dass Fotografie sehr gut den weiblichen Charakterzügen entgegenkommt, außerdem ist es ein sehr privilegierter Job. Ich wäre mit Sicherheit heute nicht da, wo ich bin, wenn ich nicht bis vor einem Jahr bei meinen Eltern gelebt hätte! Der Job erfordert viel Hingabe und bis Kurzem wurden Frauen nicht sonderlich unterstützt, sich darin auszuprobieren.

Warum sind Fotografinnen heutzutage wichtig?
Ein weiblicher Standpunkt sollte genauso wahrgenommen und eingestuft werden wie der männliche Standpunkt. Wie Frauen fotografieren, sollte jeden interessieren.

Hast du das Gefühl, dass du als Fotografin eine besondere Pflicht oder eine Verantwortung hast?
Der Job ist mit viel Verantwortung verbunden. Das äußert sich zum Beispiel immer darin, wenn ich Fotos einer anderen Person mache. Ich habe oft das Gefühl, dass es ist meine Pflicht ist, dass sich die Leute gut in ihrer Haut fühlen. Auch wenn ich die Realität zeige, möchte ich die Leute auf eine beste Art und Weise darstellen. Ich tendieren dazu, das darstellen zu wollen, von dem andere denken, dass es das Schlechteste an einer Person ist. Ich bin aber noch nicht mutig genug, das zu zeigen.

Warum fotografierst du immer weiter?
Wissen. Das klingt jetzt vielleicht kitschig, aber ich lerne durch meine Arbeit so viel. Ohne sie wäre ich ziemlich unwissend. Ich kann nur mit all meinen Sinnen lernen. Wenn ich etwas nicht sehen, nicht berühren, nicht tun oder nicht damit sprechen kann, fällt es mir schwer, es aufzusaugen.

Welche Frauen hat dich in deinem Leben am meisten beeinflusst?
Meine Mutter und meine Freundinnen.

Durch deine Arbeit kommst du viel rum. Wo gibt es die schönsten Frauen?
Schönheit existiert überall. Ich kann das nicht so eingrenzen.

Hilft oder hindert die Darstellung von Models in der Mode dem modernen Frauenbild?
Modefotos sind eine Reflexion dessen, was kulturell zu einer bestimmten Zeit passiert, es definiert eine Generation. Es gibt in allen Bereichen einen eklatanten Mangel an Vielfalt, aber die Modewelt und der Rest der Welt geben Anlass zur Hoffnung, dass sich das ändert. Das wird immer deutlicher. Ich bin stolz, Teil dieser Entwicklung zu sein.

Hattest du jemals das Gefühl, dass du benachteiligt wurdest, weil du eine Frau bist?
Die ganze Zeit, aber ich mache das Beste daraus. Alle Nachteile haben ihre Vorteile.

Wie würdest du deine Arbeiten beschreiben?
Das bin ich. Ich versuche, mir die Welt Stück für Stück zu erklären.

Welches Erbe willst du hinterlassen?
Ich wäre gerne Teil einer Zeit, in der Frau von unterdrückenden Gesetzen und lächerlichen Traditionen befreit sind.

Hier findest du alles aus unserer The Female Gaze Issue.

Credits


Text: Lynette Nylander
Fotos: Harley Weir 
Styling: Julia Sarr-Jamois
Haare: Tina Outen at Streeters verwendete Bumble and bumble.
Make-up: Thomas De Kluvyer / Art Partner verwendete Chanel.
Nägel: Alexandra Jachno at Aim Artists verwendete Chanel Beaute Des Ongles Extreme Shine.
Setdesign: Will Lemon at Owl & The Elephant.
Fotoassistenz: Rachel Lamb.
Stylingassistenz: Bojana Kozarevic, Rosie Williams.
Haarassistenz: Andres Copeland.
Make-up-Assistenz: Atlas Ferrara.
Produktion: Gabe Hill at GE Projects.
Koordination Produktion: Beau Bright, Suzy Kang.
Produktionsassistenz: Tyler Ofstedahl.
Models: Adwoa Aboah at Tess Management, Corey Washington und Alixx Vernet.