wie ein skandinavisches modelabel weiblichen häftlingen in peru hilft

Carcel ist ein nachhaltiges Label aus Kopenhagen, dessen Designs zwar aus Dänemark stammen, aber mit Frauengefängnissen in Peru zusammenarbeitet, um den inhaftierten Frauen eine Perspektive zu geben. Gründerin Veronica D’Souza erklärt, wie sie mit...

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Nov. 16 2016, 10:46am

Und was hast du am 24. April auf Instagram gemacht? In deinem Feed wirst du wahrscheinlich auch Selfies von Leuten gesehen haben, die ihre Kleidung von innen nach außen getragen haben. Fashion Revolution Day wurde ins Leben gerufen, nachdem 2013 die Rana Plaza-Fabrik eingestürzt ist und unter sich 1.134 Menschen begraben hat. Der Hashtag #whomademyclothes ist nur eine von vielen Initiativen, die sich für eine nachhaltige Modeindustrie einsetzt. Weibliche Häftlinge in peruanischen Cusco produzieren bei anständiger Bezahlung Pieces aus hochwertiger Baby-Alpaka-Wolle nach den Mustern, die ihnen ein Designteam in Kopenhagen vorgibt. In jedes Kleidungsstück wird der Name der Frau, die es zusammennäht, gestickt.

Die Gründerin Veronica D'Souza hatte die Idee zu Carcel, nachdem sie ein kenianisches Frauengefängnis für ihr anderes Unternehmen Ruby Cup besucht hatte. Für jeden verkauften Ruby Cup spendet die Firma einen an ein Mädchen in Afrika, so können sie auch während der Periode in die Schule gehen. Peru ist aber erst der Anfang für ihre neueste Unternehmung Carcel. Nachdem das Finanzierungsziel auf Kickstarter innerhalb eines Tages erreicht wurde, möchte sie nach Indien expandieren und dort mit Bio-Seide arbeiten. Außerdem soll die Strickkollektion aus Peru um weitere Pieces wie eine Unisex-Bluse erweitern. Wir haben mit Veronica über ihren Besuch im Gefängnis, den Armutskreislauf und über die Produktion in den peruanischen Anden gesprochen.

Wie bist du darauf gekommen, in Kenia ein Gefängnis zu besuchen?
Ich habe in Kenia gearbeitet, um ein anderes Unternehmen zu gründen. Mich hat interessiert, warum Frauen in Afrika im Gefängnis landen. Dann habe ich einfach ein Frauengefängnis angerufen und gefragt, ob ich vorbeikommen kann. Dort nähen und stricken Frauen jeden Tag, aber sie haben keinen Markt, über den sie ihre Produkte verkaufen können. Es war klar, dass diese Frauen aus dem Dorf kommen. Armut ist der Hauptgrund, warum sie im Gefängnis landen. Ich habe mir dann als nächtes Länder angeschaut, aus denen einige der hochwertigsten Materialien der Welt kommen und in denen die Rate von Frauen im Gefängnis aufgrund von Armut hoch ist. In Peru gibt es fantastische Alpaka-Wolle und die Rate von Frauen im Gefängnis ist hoch, was am Drogenhandel liegt. Also haben wir mit Peru angefangen.

Wie war es im Gefängnis in Peru? Ist es vergleichbar mit der Situation in Kenia?
Ich war im April zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt in Peru und habe im ganzen Land Frauengefängnisse besucht. Die Situation ist mehr oder weniger die gleiche wie in Kenia, weil die Frauen jeden Tag sechs oder acht Stunden nähen und stricken, aber sie können ihre fertigen Produkte nicht wirklich verkaufen. Die meisten kennen Alpaka und arbeiten damit seit Generationen. Wir haben uns für das Frauengefängnis in Cusco entschieden, das hoch in den Anden liegt, weil da das Alpaka lebt und viele der Frauen bereits Erfahrung mit der Verarbeitung von Alpaka hatten.

Kannst du uns mehr über den Teufelskreislauf aus Armut, Drogenhandel und der hohen Rate von Frauen in Gefängnissen erzählen?
Es ist schon sehr auffällig, dass der Drogenhandel der Hauptgrund für die Inhaftierung von Frauen ist. Über 60 Prozent der Frauen sitzen wegen Drogenschmuggel im Gefängnis. Die Drogenhändler gehen in die Dörfer und suchen sich dort die armen, jungen, schönen und schwangeren Mädchen aus, weil die leichter durch den Zoll kommen. Die Mädchen erhalten Gefängnisstrafen von zehn bis fünfzehn Jahren, nur weil sie wenige Kokain schmuggeln. Das ist ein Armutskreislauf. Aber das Gefängnissystem sorgt auch für viele Möglichkeiten. Der Staat würde ihnen gerne bessere Jobs geben, dafür braucht er aber den Privatsektor. Sie stehen Partnerschaften sehr offen gegenüber.

Wir haben uns hier gefragt, ob ein Hashtag wirklich die Welt verändern kann.

Auf Kickstarter schreibt ihr, dass ihr als Nächstes nach Indien expandieren wollt. Was wollt ihr da machen?
Das Entscheidende bei diesen Kollektionen ist, dass wir dahin gehen, wo wir gute, natürliche und unbehandelte Materialien finden. Für uns ist es sehr wichtig, dass wir mit diesem Material verantwortungsvoll umgehen und dass das, was wir damit machen, Sinn ergibt. Deshalb haben wir angefangen, diese eleganten Freizeit-Silhouetten mit weichen Cuts zu entwerfen. Sie sind schlicht und mutig. Beim nächsten Projekt wollen wir mit Seide arbeiten und Casualwear aus hochwertigen Materialien herstellen. Das sind simple, aber auch starke Looks, die wirklich schön sind.

Besonders toll ist, dass jede Näherin ihren Namen einnäht. Was denken die Frauen über diese Zusammenarbeit?
Sie sind sehr stolz darauf, Teil von etwas mit Bedeutung zu sein. Und sie freut es, dass Leute aus der ganzen Welt ihre Kleidung kaufen wollen, die sie nähen. Dass wir uns einfach um sie kümmern, bedeutet ihnen sehr viel. Das gibt ihnen Würde zurück und sie sind sehr stolz darauf. Es gibt aber auch Fälle, bei denen die Familie nicht mal weiß, dass sie im Gefängnis sitzen. Deshalb benutzen wir nicht bei allen den vollständigen Namen. Die meisten haben drei oder vier Vornamen. Dann benutzen sie eben nur zwei davon. Ihnen ist es wichtig, eine Identität zu haben, aber sie manchmal eben auch zu beschützen.

carcel.co

Credits


Text: Hannah Ongley
Fotos: Courtesy of Carcel