Daniel Arnolds verloren geglaubtes New York

Die Bilder des Fotografen fangen ein New York ein, von dem man eigentlich dachte, dass es durch die Gentrifizierung verschwunden sei.

von Emily Manning; Fotos von Daniel Arnold
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05 August 2015, 1:12pm

Vielleicht hast du schon vom Instagram-Phänomen Daniel Arnold gehört. Vor 13 Jahren ist der Fotograf nach New York gezogen und sein ehrlicher und emotionaler Stil, vergängliche Augenblicke festzuhalten, haben ihm Titel wie "der Paparazzi der Unbekannten" eingebracht. Durch seinen erfolgreichen Instagram-Account wurde die amerikanische Vogue auf ihn aufmerksam und er schoss für das Magazin Bilder vom Met Ball.


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Aber Daniel Arnold ist viel mehr als derjenige, der Schlafende in der New Yorker U-Bahn, Selfie-Besessene und Leute auf dem Bürgersteig fotografiert. Wir haben den Fotografen getroffen und sprachen mit ihm über Gentrifizierung, Berühmtheit, Zensur und Vergänglichkeit.

Du lebst seit 13 Jahren in New York. Wie sehr hat es sich verändert?
Jeder hängt an Erinnerungen, die mit bestimmten Läden, bestimmten Restaurants und bestimmten Einstellungen zu tun haben, weil sie so prägend für einen sind. Aber es hat doch etwas Tolles, wie schnell sich die Dinge in New York ändern. Man blinzelt und alles ist anders. Orte existieren nur noch in deinem Kopf, auf Bildern oder wie auch immer du deine Kreativität zum Ausdruck bringst. Das New York in meinem Kopf existiert wahrscheinlich gar nicht mehr. Das New York in meinem Kopf beruht auf den Erinnerungen, die als Neunjähriger während Besuchen gesammelt habe und in denen mir mein rebellischer Cousin Chinatown gezeigt hat, um mir Nunchakus oder die Schäbigkeit vom Times Square zu seigen. Erst neulich habe ich realisiert, was für eine Wirkung diese Kindheitserinnerungen auf mich haben und wie sehr sie in meinen Bildern deutlich werden. Mittlerweile hat sich meine Arbeit weiterentwickelt, aber anfangs habe ich einfach nach Orten gesucht, die noch aus dieser Zeit meiner Kindheitserinnerungen stammen, als Beweis quasi für mein Vorstellungen; Orte, an denen die Realität mit meiner Erinnerung übereinstimmen.

Du hast den Met Ball für Vogue fotografiert, was ja eigentlich das totale Gegenteil von dem ist, was du normalerweise fotografierst. Wie war diese Erfahrung im Vergleich zum Fotografieren auf der Straße?
Die Kategorisierung von mir als Fotograf der Straße ist zwar technisch richtig, aber sie kam doch eher zufällig und ist nicht definitiv. Ich bin einfach nur ein Süchtiger. Ich möchte jeden Tag ein Bild, auf das ich Stolz sein kann, schießen. Es ist Zufall, dass die beste, unendliche und immer interessante Ressource dafür gleich vor meiner Haustür liegt. Ich finde es spannend, wenn ich in Situationen bin, in die ich nicht hinein gehöre; dort hinzugehen, wo ich mich fühle, als ob ich auf einem anderen Planeten bin und ich die ungeschriebenen Gesetze herausfinden muss, um sie dann zu brechen. Dementsprechend war der Met Ball ein Traum für mich und ich würde ihn immer der Straße vorziehen. Es gab einen Moment, an dem ich in einem Fluss von 700 Prominenten unsichtbar wurde, während sie alle an mir vorbeigingen.

Ich hatte 100 Prozent das Gefühl, dass das meine Bilder sind, aber ich spürte einen körperlichen Druck, den ich so noch nicht kannte. Ich hatte diese unglaubliche Chance und ich musste jeden fotografieren oder sonst würde ich sie nie wieder sehen. Ich dachte nie, dass ich dieses Level an Schamlosigkeit und Mut in mir steckt, aber an dem Tag hatte ich es. Ich hätte dir nicht sagen können, wer die Person war, die da in der Ecke der Halle zwischen Madonna und J.Lo auf Rihannas Nase schaute. 13 Jahre in New York zu leben, hat mir ein Gefühl vermittelt, dass ich soweit gehen kann, bis mir jemand sagt, dass ich aufhören soll - in jede offene Tür zu gehen, bis mir jemand sagt, dass ich wieder gehen soll.

Dein Account wurde 2012 von Instagram gesperrt, weil du ein oberkörperfreies Bild gepostet hattest. Drei Jahre später und die Themen von Überwachung und Internetzensur sind präsenter denn je. Wie denkst du darüber?
Für mich persönlich ist #FreeTheNipple kein großes Thema, weil die Leute für meine Zwecke nicht nackt sein müssen, trotzdem denke ich, dass es ein wirklich interessant ist. Es ist einfach nur krank, dem Internet die Nacktheit austreiben zu wollen. Das wäre ungefähr so, als ob man den Sand vom Strand verbannen will. Pornos haben mehr für den technologischen Fortschritt getan als die Raumfahrt. Aber was mich noch mehr als das Problem mit der Zensur beeindruckt – von der ich übrigens denke, dass sie ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen ist, das wahrscheinlich keine Zukunft haben wird – ist der Widerstand dagegen. Die Art und Weise, wie Frauen Widerstand leisten und wieder die Kontrolle zurückerobern, ist einfach klasse. Was Ally Marzella, India Salvor Menuez und die ganze Girl-Crew mit ihrer Sexualität machen, ist so stark, interessant und hat eigentlich nichts mit Sex zu tun. Nach langer Zeit des "Lass mich sterben, wenn ich 25 bin, lass ein Klavier auf mich stürzen oder ich lasse mich von einem LKW überfahren", hat sich die Einstellung verändert und der Slogan lautet jetzt "Wir sind wie die Typen im Film 300". Ich gespannt darauf, wie es ausgehen wird.

Unsere Generation dokumentiert die Welt unglaublich genau.
Sobald wir über etwas nachdenken, entdecken wir es plötzlich überall. Das kombiniert mit dem Tempo und dem Verlangen nach Instagram macht aus jedem einen totalen Abhängigen. Ich habe ein paar Freunde älteren Semesters aus der Fotografiewelt und sie haben mir geraten, dass ich mein Tempo immer im Auge behalten soll. Zwar habe ich mich ein wenig zurückgehalten, aber ich denke, dass es etwas Gutes hat, dass wir diese Mainstream-Aufmerksamkeits-Plattform haben. Das hat zu einer eigenen Sprache geführt. Es gibt all diese schrägen neuen Begriffe: neon sign, license plate oder basketball hoop. Instagram sorgt für einen Prozess; man kann dabei zuschauen, wie sich Dinge entwickeln.

Im Vorwort zu Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit schreibt Nan Goldin, dass sie manchmal wünsche, dass die Kamera kein Apparatus sei, und dass sie einfach auslösen und den Moment festhalten könne. Denkst du auch so?
Als ich heute in einen Park kam, rannten zwei Mädchen – Schwestern – mit genau demselben grünen T-Shirt, demselben Rock, Socken und Schuhen mit passenden Springschnüren auf mich zu. Ich habe dieses Foto geschossen. Es ist aber interessant, dass du das sagst. Es ist wirklich selten, dass ich durch den Auslöser schaue, ich mache das nie. Ich fotografiere aus der Hüfte raus sozusagen. Ich fotografiere emotional, die Hälfte der Zeit wird es nichts, aber es gibt keine Zeit für eine Bildkomposition. So funktioniert die Welt nun mal nicht. Die Motive, zumal die guten Motive, bleiben nicht für einen stehen.

@DanielArnold