Warum es bei Nacktselfies nicht nur um Aufmerksamkeit geht

Dass du Nacktbilder von dir postest, hat emotionale und gesellschaftliche Gründe – so die Wissenschaft.

von Wendy Syfret
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20 Mai 2016, 12:25pm

Image via Wikipedia Commons

Seitdem es Frontkameras in Smartphones gibt, gibt es das Thema Selfies. Für viele sind sie die Domäne der Egomanen. Sie sind etwas, dass die Leute nur machen, um Likes und Bestätigung durch andere zu erhalten. Nacktselfies sorgen im Vergleich dazu noch für größere Entrüstungsstürme, auch wenn sie in unserer Kultur immer präsenter werden.

Hat nicht fast jeder schon mal Selbstporträts geschossen? Ob nun mit oder ohne Klamotten, es gibt ein zunehmendes Bedürfnis, unsere Körper zu dokumentieren. Wissenschaftlich auseinandergesetzt haben sich mit dem Phänomen bisher aber nur wenige. Doch Matthew Hart, ein Doktorand an der Western Sydney University, hat sich nun mit unserer kollektiven Besessenheit nach Nacktselfies beschäftigt. Ihn hat interessiert, warum junge Leute auf Tumblr diese Fotos von sich posten.


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Für den Wissenschaftler dienen Nacktselfies nicht so sehr dazu, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie spielen als Element der Entdeckung des eigenen Körpers von Jugendlichen eine Schlüsselrolle. Wir wollten mehr darüber wissen und haben dem Wissenschaftler ein paar Fragen gestellt.

Man hat das Gefühl, dass Social Media in letzter Zeit für viele Probleme verantwortlich gemacht wurde. Social Media würde uns isolieren, wir würden depressiv dadurch werden und Selfies sind nur ein Symptom einer selbstverliebten Generation. Dem stimmen sie aber nicht zu.

Viele Debatten in der Öffentlichkeit und in den Medien sehen Social Media als etwas Narzisstisches und Ichbezogenes. Ich sehe sie dagegen als Mittel für junge Leute, um bestimmte Wünsche zu artikulieren, ob sich daraus intime Beziehungen aufbauen oder sich in Richtung einer Body-Positive-Einstellung bewegt. Das Nacktselfie ist nur das auffälligste Beispiel dafür. Gängige Praxis dabei ist es, die Gesichter abzuschneiden, damit die Bilder nicht zurückverfolgt werden können. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, haben sich bewusst dafür entschieden, ihre Gesichter in den Fotos beizubehalten, ihre Tattoos nicht zu verfremden oder Elemente zu entfernen. Auf eine gewisse Art und Weise sind sie sehr mutig.

Wo werden solche Nacktbilder veröffentlicht?
Auf Tumblr. Junge Leute finden dort ein sehr unterstützendes Umfeld. Aufgrund der gängigen sozialen Gepflogenheiten auf Tumblr— what happens on Tumblr stays on Tumblr—besteht auch kein Risiko, dass die Bilder auf Facebook landen, wo sie von den Freunden, Familien oder Arbeitskollegen gesehen werden könnten. Tumblr ist eine äußerst kreative Onlineplattform, auf der eine große subkulturelle Bandbreite einen Platz findet. Diese Subkulturen hätten es im realen Leben schwerer. Junge Leute können Teil von Body-Positive- oder queeren Communitys werden, sie finden dort Gleichgesinnte, die dasselbe durchmachen. Und was sie verbindet, sind die Selfies.

Wenn die Nacktselfies nicht für ein breites Publikum gedacht sind, was bringt es dann?
Selfies werden benutzt, um sich selbst zu verwirklichen und eine Body-Positive-Message zu verbreiten. Junge Leute machen Veränderungen durch: Sie sind vielleicht Transgender oder zeigen auf der Arbeit oder ihren Freunden unterschiedliche Facetten ihrer Persönlichkeit. Ich sehe Nacktselfies als Anker. Heutzutage ist es so hektisch und alles sind so beschäftigt, da können wir manchmal vergessen, wer wir sind. Aber es gibt diesen sicheren Ort im Internet—die Rettung. Man kann immer wieder dahin zurückkehren, sich vergewissern, wer man ist und was einem wichtig ist.

Junge Leute erkunden das Thema Identität schon seit Ewigkeiten zusammen. Wie haben das Internet und das Selfie diese Erfahrung verändert?
Selfies sind sehr intim und Intimität gehört zu den wichtigsten Dingen. Es verbindet uns mit unserer Familie, Freunden oder Partnern. Zu den einfachsten Dingen, um eine Verbindung aufzubauen, gehören Fotos, nicht nur voneinander, sondern auch von uns selbst. Explizite sexuelle Selfies erfahren gerade so viel Aufmerksamkeit. Wir vergessen dabei leicht, dass ältere Generationen ähnliche Fotos geschossen haben. Die haben die Fotos nur unter der Matratze versteckt. Die älteren Leute haben das lieber privat gehalten, die jüngere Generation findet es hingegen besser, wenn sie Nacktfotos im Internet posten. Wir bewegen uns auf eine wahnsinnig visuelle Kultur zu. Unsere Kommunikationswege werden zunehmend visuell.

Ein Nacktselfie, was auf Tumblr gepostet wird, funktioniert nicht auf dieselbe Art und Weise, wie ein Polaroid, was in einem Schuhkarton versteckt wird. Sie sind öffentlich.
Das stimmt natürlich. In den Gesprächen mit jungen Leuten kam interessanterweise zum Vorschein, dass sie eine Reihe von Strategien dafür entwickeln haben. Sie können die Bilder posten, laufen dabei aber nicht Gefahr, dass die Nacktfotos auf sie zurückfallen. Sie nutzen Pseudonyme und Passwörter. Sie verfügen über die Mechanismen, um sich selbst vor Ausbeutung zu schützen. Junge Leute sind nicht so naiv, wie die älteren gerne denken.

Warum gehen sie dennoch das Risiko ein? Was erhoffen sie sich davon?
Ich glaube, es hat viel mit dem Konzept edgework zu tun. Die Leute gehen freiwillig Risiken ein. Sie tun Dinge, die sie herausfordern. Das klassische Beispiel dafür ist der Fallschirmspringer: Sie werfen sich selbst aus dem Flugzeug und riskieren ihr Leben für einen Adrenalinkick. Ein Nacktselfie mit sichtbarem Gesicht zu machen, ist nicht anderes als freiwillig Risiken eingehen. Es bereitet ihnen Vergnügen, dieses gesellschaftliche Tabu herauszufordern. Natürlich machen das nicht alle für diesen Kick, aber viele testen die Grenzen gerne aus.

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