„es gibt nicht viele queere künstler im mainstream, erst recht keine queeren frauen.“

Das kanadische Popduo Tegan and Sara meldet sich mit einem neuen Album zurück. Wir haben Tegan getroffen und mit ihr über das neue Album, queer sein und den Wechsel in die Mainstream-Ecke gesprochen.

von Alim Kheraj
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24 Mai 2016, 2:55pm

Die Karriere der Zwillingsschwestern Tegan und Sara Quin umspannt fast 20 Jahre. Angefangen haben sie als Indieband, was ihnen einen regelrechten Kultstatus einbrachte und Horden treuer Fans, die jedes Lebenszeichen der beiden in den letzten Jahren begierig aufgesaugt und wild diskutiert haben. 

Im Jahr 2013 hat sich dann alles verändert: Der Wechsel ins Poplager hat sich zwar schon in den Alben The Con (2007) und Sainthood (2009) mit Synthie-Sounds und Drums angedeutet, doch erst mit dem siebten Studioalbum Hearththrob wurde es offensichtlich. Produziert wurde es fast ausschließlich von Greg Kurstin. Die Platte war eine Mischung aus melancholischen Chorgesängen und polierter Produktion. Mit dem Album erreichten sie ihre höchste Platzierung in den amerikanischen Billboard-Chats und es katapultierte die Band aus ihrem Nischendasein in die Liga von Mainstream-Popbands.

„Am wichtigsten ist uns, dass wir flexibel sind, was unseren Sound betrifft. Wir sind eine atypische Band", erklärte Tegan Quin uns letzten Monat, als wir sie nach dem Wechsel gefragt haben. „Als wir uns hingesetzt haben, um die Songs für unser neues Album Love You To Death zu schreiben, gab es keine großen Unterhaltungen zwischen Sara und mir. Hearththrob hat viel Spaß gemacht und wir wussten, dass wir weiter in diese Richtung gehen wollten und uns auch weiterhin herausfordern wollten."

Auch das neue Album Love You to Death wurde wieder von Greg Kurstin produziert —und ist doch anders. Während Hearththrob noch voller Metaphern und universeller Themen war, ist LYTD direkter und queerer. Songs wie „That Girl", „100X" und „B/W/U" stehen für den Musikstil, den die Fans in den Anfangsjahren der Schwestern lieben gelernt haben. „U Turn", „Stop Desire" und „Boyfriend" sind Songs, mit denen die beiden die Popstars verkörpern, die sie jetzt sein wollen.

Wir haben Tegan getroffen und mit ihr über das neue Album, queer sein und den Wechsel in die Mainstream-Ecke gesprochen.

Der erste Song auf dem Album, „That Girl", ist ehrlich und offen und man fühlt sich gut, wenn man ihn hört. Wie wichtig war es euch, dass die Musik persönlich ist und die Leute sich mit ihr identifizieren können?
Für uns steckt in Hearththrob viel Ehrlichkeit. Die häufigste Kritik, die wir dafür bekommen haben—auch von den treuesten Fans—war, dass sie die Verletzlichkeit von So Jealous und The Con vermisst haben. Deshalb haben wir auf Love You To Death (LYTD) das komplizierte Verhältnis zwischen Sara und mir erkundet. Auf dem Album geht es auch um unsere Vergangenheit. Ich kam aus einer sehr langen Beziehung. Wir haben zwei wichtige Familienmitglieder verloren. Es geht auf diesem Album viel um Liebe und die verschiedenen Arten von Liebe. Dass man zwar ewige Liebe schwört, aber sie letztlich nicht so kommt. Das sind wichtige Themen, bei denen man seine sensible Seite zeigen kann. „That Girl" und „100 X" stehen dafür. Ich hoffe, dass sie eine Brücke zu den älteren Songs von uns schlagen.

Du hast „So Jealous" erwähnt. Für mich ist „Stop Desire" wie der positive Part zu „You Wouldn't Like Me".
Ich wollte einen Song, der optimistisch und rockig ist, gleichzeitig aber auch ein guter Popsong ist. Er sollte nicht so klingen wie „Closer". Ich habe mich beim Songwriting viel von „So Jealous" inspirieren lassen. Es war sogar der erste Track, den ich für das neue Album geschrieben habe, auch wenn ich den ursprünglich gar nicht auf dem Album haben wollte. Ich habe ihn auf der Tour zu Hearththrob geschrieben. Wenn wir auf Tour sind, schreibe ich eigentlich nicht so viele Songs. Es macht einfach keinen Sinn, weil es die Songs sowieso nicht auf das nächste Album schaffen. Wieso sich dann also die Mühe machen? Ich war im Studio und habe „Stop Desire" geschrieben. Wir waren zusammen mit Fun. auf Tour und ich habe Jack Antonoff den Song vorgespielt. Der hat zu der Zeit an einer Bleachers-Platte gearbeitet. Er hat mir dann vorgeschlagen, dass ich ihn pitchen sollte, weil er ein guter Popsong ist. Daraufhin habe ich das Lied unserem Management geschickt, das uns sagte, wir sollten damit warten. Ich dachte niemals, dass es der Song auf ein Tegan&Sara-Album schaffen würde. Er wurde zu schnell geschrieben. Aber es war der erste Song, den Greg bei seiner Antwort erwähnt hat. Der Song macht Spaß.

Ich mag, dass das Album direkt ist, gerade wenn es um Themen der LGBTQ-Community geht. War es einfacher, bei diesem Album über diese Themen zu sprechen?
Ja, total, aus zwei Gründen: Zum einen, weil wir lange gebraucht haben, emotional oder offen in unseren Songs zu sein, weil diese Art von Musik in den Medien als Mädchenmusik oder Tagebucheintrag verschrien ist. Wir hatten eine Phase, in der wir Metaphern verwendet haben und von einem universalen Standpunkt aus geschrieben haben, weil wir nicht an den Rand gedrückt und abgeschrieben werden wollten. Als wir selbstbewusster wurden, haben wir begriffen, dass Emotionen und das zu sagen, wie man sich fühlt, nichts Schlechtes sein müssen.

Zweitens, haben wir nie gezögert, über unser Queer-Sein zu sprechen. Aber es gab irgendwann einen Punkt, an dem wir dachten, dass es uns mehr bringen würde, wenn wir Mainstream werden. Es gibt nicht viele queere Künstler im Mainstream, erst recht keine queeren Frauen. Ich dachte mir nur: Warum soll ich nur zuschauen? Warum kann ich nicht auch vor Leuten singen, vor denen auch jemand wie Katy Perry singt? Das war der Wechsel zu Hearththrob. Ich kann die Musik schreiben, die ich mache, und ich kann so queer sein, wie ich immer war, aber ich erreiche damit auch den Mainstream.

Inwiefern hat sich die Diskussion um queere Themen in den letzten Jahren verändert?
Es wird viel mehr über Transgender gesprochen, das Genderspektrum und das Verwischen von Geschlechtsidentitäten—das ist spannend. Ich glaube, es hat lange Zeit keine Rolle gespielt, dass Sara und ich homosexuell sind. Es ging mehr um unser Geschlecht. Wir wurden als Tomboys eingestuft. Unser Image wurde glamouröser und plötzlich gab es diesen Widerspruch. Es herrschte die Stimmung vor: Wenn wir besser aussehen und Make-up tragen, muss unsere Musik schlechter werden. Warum können wir uns nicht in unseren Körpern wohlfühlen? Wieso wird unsere Musik in Misskredit gebracht, nur weil wir uns schminken, bevor wir auf die Bühne gehen? Wir bringen die weibliche und männliche Seite in uns hervor. Das ist doch spannend!

Diese zweite Karriere, oder Tegan and Sara 2.0, muss sich toll anfühlen.
Wir haben uns nie Gedanken darüber gemacht, ob wir cool sind. Eine ganze Weile war der Mainstream nicht so wie wir und wir wären niemals populär geworden. Wir haben uns wohlgefühlt und die Musik, die wir gemacht haben, war relevant—nur nicht für so viele Leute. Irgendwie, im Laufe von acht Alben, wurde unsere Musik dann vom Mainstream akzeptiert. Ich weiß nur nicht, ob wir mehr Mainstream wurden oder der Mainstream mehr wie wir wurden. Es wurde queer-freundlicher, offener gegenüber anderen Vorstellungen von Geschlechtsidentität, alternativer und auch offener gegenüber bestimmten Personen. Das hat uns elektrisiert, weil wir nicht viel tun mussten. Ja, die Produktion ist jetzt polierter, aber letztlich habe ich das Gefühl, dass die Welt ein bisschen mehr wie Tegan and Sara wurde.

In den letzten Jahren sind Künstler wie Troye Sivan und Halsey dadurch großgeworden, dass sie im Internet eine Fangemeinde aufgebaut haben. Das macht ihr schon lange. Fans haben das Gefühl, dass die Künstler ihnen gehören. Wie geht ihr damit um?
Du musst sehr respektvoll mit den Leuten umgehen, die dich schon lange unterstützen. Ohne die treue Fangemeinde, die sich im Internet gebildet hat, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Aber wir können nicht nur auf diese Leute bauen. Es wird langweilig. Man geht weniger aus, man kauft weniger und man geht nicht mehr so oft auf Konzerte. Als Künstler musst du letztlich ständig neue Fangruppen erschließen. Es ist ein Drahtseilakt: Auf der einen Seite die älteren Fans bei Laune halten, aber gleichzeitig muss man auch aktuell bleiben. Ich möchte nicht cool sein, aber ich möchte relevant bleiben. Ich möchte nicht antiquiert sein. Ich möchte nicht im Regal enden. Die Fans der ersten Stunden wünschen sich, dass wir Musik wie früher machen, aber das werden wir nicht tun. Wenn wir die Musik machen würden, die wir damals gemacht haben, dann wären wir nicht relevant und dann würden sie die Musik nicht hören, weil sie nicht spannend ist. Unser Job ist es, uns nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen, sondern weiterhin künstlerisch zufrieden zu sein, denn das sorgt für neue Musik. Ein guter Anfang ist es, mit der Musik, die wir machen, glücklich zu sein. Das scheint für uns am besten zu funktionieren.

Die Leute spüren das, wenn ein Künstler und sein Produkt nicht zusammenpassen.
Wir sind schon lange im Geschäft. Es gibt Phasen in unserer Karriere, in der ich sehr unglücklich war. Das liegt nicht nur daran, dass Sara und ich uns nicht verstanden haben oder dass ich Beziehungsprobleme mit meiner Freundin hatte. Es gab Momente, in denen ich vor tausenden Leuten auf der Bühne stand und keine Verbindung gespürt habe. Ich hatte das Gefühl, dass ich hier nur so tue als ob. Während der Sainthood-Zeit stand ich auf Festivalbühnen und dachte mir nur, dass ich lieber im Tourbus wäre und Fernsehen schauen würde. Ich habe mich gefragt, was mit mir los ist und wieso sich das nicht mehr gut anfühlt. Als Künstler musst du herausfinden, was das Problem ist. Du musst herausfinden, wohin all die Energie verschwindet.

Man liest Interviews mit Leuten wie Zayn Malik, die sagen, dass sie sich nicht mit der Musik verbunden fühlten. Es ist dieser Zwiespalt: Einerseits empfindet man Dankbarkeit dafür, dass man das tun darf, was man liebt, es aber gleichzeitig auch hasst, weil man sich nicht verbunden fühlt.
Künstler zu sein, ist schon komisch. Es ist die einzige Branche, in der man dafür bestraft wird, wenn man populär ist. Wenn du erfolgreich bist, zweifeln die Leute an der Glaubwürdigkeit deiner Person und Kunst. Wenn die Masse es mag, dann kann es nicht sehr gut sein. In jeder anderen Branche wirst du dafür belohnt. Aber in unserer Welt wird daraus ein Gefängnis. Jeder betrachtet dich auf eine andere Art und Weise, es gibt mehr Kritik, du hast weniger Freiheiten, du bist weniger flexibel mit deiner Kunst, es ist eine ständige Herausforderung. Wir stehen auf der Bühne, singen und hören Dinge, die wir nicht mögen oder nicht machen wollen, und dann wird es zu einem Gefängnis—und das möchte ich nicht. Wir sind Menschen und wollen auch zufrieden sein.

Love You To Death von Tegan and Sara erscheint am 3. Juni.

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Text: Alim Kheraj

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