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guter rat ist jünger

Wann hast du das letzte Mal an Dr. Sommer & Co. geschrieben? Wenn wir Probleme hatten und auf der Suche nach Rat waren, haben wir uns gern an die Älteren angewandt. Die hatten ja so viel mehr „Lebenserfahrung“ – und ihre inspirierenden Worte halfen uns...

von Courtney Iseman
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27 Oktober 2014, 11:45am

Todd Cole

Kaum vorstellbar, dass sich die Generation Y hinsetzt und einen Brief an irgendeinen Briefkastenmenschen schreibt. Im Zeitalter von Social Media posten Leute ihre Probleme lieber als Facebook-Updates oder twittern darüber, anstatt sich an anonyme, ältere Anstandsmenschen zu wenden. Aber was bringt dir ein Like? Manchmal will man halt einfach auch den Rat von Leuten, denen man vertraut. Der Bedarf an Ratschlägen von vertrauenswürdigen Autoritäten ist nie verschwunden. Neu ist die Aufmerksamkeit, die das Thema bekommt - und die Gesichter sind jünger. Eine neue Generation möchte Antworten. Und eine neue Generation gibt sie.

Mit ihren Videos und ihrem Buch verhilft sie Ratgebern zu einem Comeback - besonders für eine Generation, die ohne Dr. Sommer & Co. aufgewachsen ist.

 

Vor Kurzem hat Lena Dunham ihr neues Buch Not That Kind of Girl herausgebracht. Teilweise vom Ratgeber Having It All der verstorbenen amerikanischen Cosmopolitan-Chefredakteurin Helen Gurley Brown inspiriert. Und weil Lena Dunham oft als Stimme der Generation Y bezeichnet wird, ist es auch kein Wunder, dass ihre Ratgeber-Videos auf YouTube zum sofortigen Hit wurden. Fans schätzen ihre Aufrichtigkeit und „Relatability". Sie ist nicht nur das Covergirl, sondern auch eine authentische Frau. Der Weg von ihrer TV-Serie und ihrem Buch hin zur direkten Fanansprache ist nur folgerichtig. Die fiktionalen Werke von Dunham transportierten schon immer die Message: „Es ist OK, wenn du dein Leben so lebst, wie du willst. Sei anders und probiere dich aus." Lena Dunham verpackt ihre Weisheiten so, als ob du mit einer guten Freundin redest. „Um jemanden zu lieben, der dich liebt, musst du dich selber lieben … Wenn du dich selber schlecht behandelst, wirst du dich sexuell von Leuten angezogen fühlen, die dich so behandeln werden", gab sie als Rat einem Mädchen, die sich zu bösen Jungs hingezogen fühlt. Daneben spricht Dunham in ihren Videos auch Feminismus, psychische Erkrankungen, wie Zwangsneurosen, an und denkt über besseren Sex, Sterblichkeit und Eifersucht unter Freunden nach.

Mit ihren Videos und ihrem Buch verhilft sie Ratgebern zu einem Comeback - besonders für eine Generation, die ohne Dr. Sommer und Co. aufgewachsen ist. Früher war es so: Je älter jemand war, desto größere Autorität im Erteilen von Ratschlägen wurde ihr zugesprochen. Traditionell waren das ältere Personen - meistens Frauen. Besonders in den USA waren diese Kolumnen sehr beliebt und verbreitet. Eine der bekanntesten Kolumnen dieser Art war Dear Abby, 1956 von Pauline Philipps begonnen und von ihrer Tochter bis heute weitergeführt. Paulines Zwillingsschwester, Esther Lederer, verbarg sich hinter der nicht minder bekannten Ratgeberin Ann Landers. Generationen von Lesern sind mit den Ratschlägen in Dear Abby aufgewachsen. Die Haltung von Pauline Philipps war höflich und traditionalistisch. Aktuelles Beispiel aus den USA gefällig? Eine 14-Jährige wollte wissen, ob sie noch Dankschreiben verschicken muss. Die Antwort: „Höre auf Deine Mutter, denn sie versucht Dir etwas Wichtiges damit zu sagen. Wenn Leute etwas Nettes für Dich tun, solltest Du dich für die Aufmerksamkeit und Großzügigkeit schriftlich bedanken." Nichts gegen Dankschreiben an sich, aber Abby klingt viel mehr nach einer älteren Lehrerin als nach einer coolen Freundin.

Vergleichen wir Dunham mit ihrer Mentorin, Nora Ephron. Sie war wie Dunham keine Ratgeberin per se, aber hatte reichlich Erfahrung u.a. als Journalistin, Drehbuchautorin, Schriftstellerin und Essayistin. Humorvolle Orientierungshilfen ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten, aber erst zum Ende ihrer Karriere wurden ihre Mantras populär. Nach ihrem Tod 2012 wurden sie unzählige Male abgedruckt: „Vor allem: Sei die Heldin deines eigenen Lebens - nicht das Opfer." Ephron hatte den Witz und die Offenherzigkeit, was viele Menschen bei Ratgebern suchen.

Ein Gamechanger musste her, damit uns bewusst wird, was bislang fehlte - Jugend und Relevanz. Kann sein, dass dieser Gamechanger die Autorin von Der große Trip, Cheryl Strayed, mit ihrer beliebten „The Rumpus"-Kolumne Dear Sugar war. In Der große Trip dokumentiert sie ihre über tausend Kilometer lange Wanderung auf dem Pacific Crest Trail, einem Wildwanderweg, durch den Westen der USA. Das Buch wurde mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle verfilmt. Strayed war zwar nicht so jung wie Dunham, oder wie die noch jüngere Tavi Gevinson, als sie als Ratgeberin anfing, aber sie schaffte es, in ihren Kolumnen ein Gefühl von Zuhören zu transportieren. Sie war für einen da. Und keine mysteriöse Person, die weit weg ist und einem gesagt hat, was man zu tun und zu lassen hat.

Der New Yorker schreibt über sie: „Der Ratgeberkolumnist schrieb hauptsächlich für weibliche Leser und propagierte Anstand, Benehmen und Praktizismus. Mit dem Aufkommen von Feminismus wurden die Fragen und Antworten aber komplizierter … Wenn die Popularität von Strayed als Maßstab gelten kann, dann sind heutige Leser hungriger auf Intimes."

Tavi Gevinson ist erst 18 Jahre alt, aber sie wird sowohl von gleichaltrigen Teenagern als auch von Frauen, die zehn Jahre älter sind, gelesen. Die nehmen sich ihre Ratschläge zu Herzen.

 

Das komplexe Leben der Millenials erfordert andere, sofortige Antworten. Strayed liefert dazu nicht nur die harten Antworten, sondern sie ermutigt Leser, sich selbst zu finden und eigene Denkweisen in Frage zu stellen. Eine Leserin wandte sich hilfesuchend an sie. Sie könne sich nicht zwischen ihrem Ehemann, mit dem sie Kinder hat, und dem Mann, den sie im Internet kennengelernt hat, entscheiden. In ihrer Antwort fragt Strayed: „Schrillen bei dir keine inneren Alarmglocken, wenn du dir selbst zuhörst? Du sagst, dass du dich bei einem Typen, den du fast ausschließlich übers Internet kennst, geborgen fühlst? In deinem Brief hast du nebenbei erwähnt, dass sich die Dinge zwischen dir und deinem Ehemann irgendwie verbessert haben, bevor du die einjährige Affäre angefangen hast." Unverbrauchte Stimmen - wie Strayed - haben den Weg für Jüngere geebnet, weil sie durch dieselbe Scheiße gehen wie wir und wir uns mit ihnen identifizieren können.

Tavi Gevinson ist erst 18 Jahre alt, aber sie wird sowohl von gleichaltrigen Teenagern als auch von Frauen, die zehn Jahre älter sind, gelesen. Die nehmen sich ihre Ratschläge zu Herzen. Die Modebloggerin, Magazingründerin und Schauspielerin wurde wegen ihres unangestrengten Witzes und ihrer bodenständigen Girl-Power-Herangehensweise beliebt. Gevinson rät ihren Lesern, sie selbst zu sein, aber nicht in einer kitschigen Jeder-ist-was-besonderes-Weise. Das Neue an der jungen Generation von Ratgeberinnen ist ihr natürlicher Ton. Ihre Leser sollen aufhören, sich darüber Sorgen zu machen, was sie tun sollten, und lieber das tun, was sie möchten.

Und es sind nicht nur junge Promis, wie Lena und Tavi, die ihre Weisheit unters Volk bringen, sondern auch dein Nachbar, deine Cousine und höchstwahrscheinlich auch du selbst. Die Heerscharen von jungen Mädchen, die mit Girl Power und DIY aufgewachsen sind, geben ihre persönlichen Ratschläge im Internet.

Gerade in einer von Social Media dominierten Welt und neuen Fragestellungen zu Feminismus, Beziehungen und Freundschaften wollen wir uns mit jemanden identifizieren und dieser Person vertrauen, anstatt uns an eine Person zu wenden, die es angeblich besser weiß, nur weil sie älter ist. Oder such doch einfach nach Youtube-Videos, in denen dir jemand erklärt, wie du mit deinem Freund Schluss machst. Ratschläge werden heute von jedem gegeben.

Credits


Text: Courtney Iseman
Foto: Todd Cole
Styling: Jessica Paster
Haare: David Gardner at Solo Artists
Make-up: Jo Strettell at The Magnet Agency using Perfekt
Fotoassistenz: Alex Aristei
Mit besonderem Dank an das Casa del Mar, Santa Monica
[Aus der Wise-Up-Ausgabe, i-D Nr. 322, Winter 2012]