im gespräch mit sevdaliza: die iranisch-niederländische musikerin, die du dir merken solltest

Wir haben mit der Niederländerin mit iranischen Wurzeln über Inspirationen, ihre Tattoos und den kreativen Schaffensprozess gesprochen.

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Feb. 10 2016, 3:15pm

Die iranisch-niederländische Sängerin, Songwriterin und Produzentin Sevdaliza ist ein Rätsel. Im Musikvideo zu ihrer Single „The Valley" verkörpert sie sechs verschiedene Frauen. Einmal trägt sie schwarzen Lippenstift und Latex-Dessous. Etwas später lächelt sie kokett in die Kamera und trägt goldfarbene Brustwarzenpflaster, dann sieht man sie in Neon-Knitwear, dann in goldenen Armreifen und Kopftuch. Am Ende steht sie in Leder-Bondage-Unterwäsche und unsicher in einem Badeanzug in blassem Türkis und einen pinken Cowboy-Hut vor der Kamera. Wer davon ist nun die wahre Sevdaliza? Erwarte keine Antwort von der Musikerin. „Wer bin ich, um zu beurteilen, wer ich bin?", schrieb die 28-Jährige auf Facebook. „Ich bin Lehrling des Lebens, ein Instrument der Wahrnehmung. Ich bin alles, was du willst, das ich bin." Ihre verführerischen Vocals und der elektronische Sound sind wahnsinnig bizarr und könnten als Downtempo, Industrial, Experimental beschrieben werden. So erklärte sie ihre Single „Marilyn Monroe" als „Porträt einer Träne, die auf der Wange einer enttäuschten Frau herunter rinnt, in schillernden Polyrhythmen." Auch wenn sie und ihre Musik weiten Raum für Interpretationen lassen, wissen wir eins: Uns hat die dunkelhaarige Schönheit gefangen genommen und wir wollten mehr über sie wissen.

Seit wann interessierst du dich für Musik und seit wann machst du deine eigene?
Als ich klein war, sind meine Eltern aus unserem Land geflohen. Ohne den Umzug hätte ich nie das Privileg gehabt, meine Meinung frei zu äußern. Ich kann mich hinsitzen und stundenlang Musik hören. Mein Leben ist mein Soundtrack. Es ist intuitiv. Irgendwann habe ich mich komplett zur Musik hingezogen gefühlt. Ich habe meine eignen Melodien gehört und ich bin der Musik gefolgt. Mal gucken, was passiert, dachte ich. Ich könnte mich zwingen, andere Dinge zu tun, aber das würde keinen Sinn machen. Ich bin Autodidaktin und habe mir einfach alles selbst beigebracht. Ich glaube, nur so funktioniert das für mich: Ich muss die Musik im Inneren spüren.

Du hast auf Twitter geschrieben: „Ich bin nicht skinny, ich bin nicht weiß. Ich bin nicht reich, meine Eltern sind nicht berühmt, aber dennoch habe ich es irgendwie geschafft, erfolgreich in einer Welt zu sein, die das nicht wollte." Was für Erfahrungen hast du als Iranerin in der Musikindustrie und in den Niederlanden gemacht?
In einer Welt, in der dein Stand, dein Geschlecht und das Geld die meisten Regeln bestimmen, muss ich gegen viel ankämpfen. Aber ich glaube, Hingabe und Liebe für das, was man tut, ist stärker als all das. Wieso aufhören? Ich bin sowieso auf dieser Welt und ich werde das Beste aus meiner Zeit auf dieser Erde machen.

Wir haben dein Musikvideo zu „That Other Girl" geliebt. Wie bist du auf die Idee dazu gekommen? Was waren die Referenzen und Inspirationen dafür?
Ich möchte die Vorstellung der Zuschauer nicht ruinieren, ich werde die Antwort deshalb einfach halten. Ich hatte diese Vorstellung einer „perfekten" Welt in meinem Kopf, die ich zum Leben erwecken wollte. Der Rest ist der Wahrnehmung der Leute überlassen, wie sie es interpretieren wollen. Ich mag es, überrascht zu werden.

Ich habe gelesen, dass dich Gemälde inspirieren. Welche Maler inspirieren dich?
Künstler, die nie von ihrer Vision abweichen. Künstlicher Realismus in Bildern spricht einen sehr direkten, intuitiven Teil meines Kopfes an. Es ist eine realistische Repräsentation von etwas Unmöglichem. Künstler wie George Condo und Illustratoren wie Moebius, die an eine Sache nicht nur oberflächlich herangehen. Ich möchte das Gefühl haben, dass ich durch das Kunstwerk in den Kopf des Künstlers schauen kann. Mein direktes Umfeld inspiriert mich genauso sehr. Die Fotografin Zahra Reijs und Alexander Shaw, der ein wahnsinnig toller Maler ist, sind enge Freunde. Ich nehme ihre Arbeiten als intensiv emotional wahr, weil ich eine Bindung zu dem Schaffensprozess aufbauen kann. Dann zu erleben, wie es etwas wahrhaft Magisches entstand, ist einfach toll.

Erzähle mir mehr über deine Tattoos.
Alle meine Tattoos sind Selbstporträts. Sie sind wie ein lebendiges Tagebuch auf meiner Haut, eine Zeitreise sozusagen. Jedes Tattoo steht für eine bestimmte Periode oder Zustand. Es ist gut, zu wissen, woher man kommt.

Wie beschreibst du deine EP Children of Silk?
Sie ist nah dran an dem, wer ich heute bin. Natürlich verändert sich das konstant. Ich bin heute nicht dieselbe Person, die ich gestern war. In jeder Situation bin ich anders. Das spiegelt sich darin wieder, was ich mache. Ich versuche, immer anders zu arbeiten und meinen kreativen Prozess immer anders zu gestalten. Hört es euch an und ihr werdet besser verstehen, worum es geht.

Höre dir bei unseren Kollegen von Noisey die EP in voller Länge an.

Welche Themen tauchen immer wieder in deinen Texten auf? Und wieso?
Ich habe sehr lebendige Vorstellungen von den Leben diverser Personen, also ob ich live dabei wäre. Darüber schreibe ich oft. Ich glaube auch an den menschlichen Geist. Ich liebe es einfach, über Menschen im Allgemeinen zu schreiben, da wir so komplex sind und dennoch manchmal so wunderbar dumm vorhersehbar sind.

Was steht als Nächstes an?
Sag du es mir.

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Credits


Text: Zio Baritaux
Cover Artwork: Hirad Sab
Foto: Zahra Reijs